Asien
Gasmasken und Kavallerie: Nordkorea hält gruselige Militärparade mitten in der Nacht ab – der Grund ist alarmierend

Internationale Beobachter sind zunehmend besorgt: Bereitet Machthaber Kim Jong Un neue Atomtests vor?

Angela Köhler, Tokio
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Nordkoreanische Soldaten bei der nächtlichen Parade in Pjöngjang: Offiziell zur Feier des 73. Jahrestages der Staatsgründung. Doch es dürfte mehr dahinter stecken.

Nordkoreanische Soldaten bei der nächtlichen Parade in Pjöngjang: Offiziell zur Feier des 73. Jahrestages der Staatsgründung. Doch es dürfte mehr dahinter stecken.

AP

Eine solch skurrile Parade hat selbst Nordkorea noch nie erlebt. Zu nächtlicher Stunde liess Machthaber Kim Jong Un am Donnerstag sein Heer aufmarschieren, aber nicht ganz wie gewohnt, eher gruselig: Soldaten in rot-orangen Schutzanzügen mit aufgesetzten Gasmasken marschierten auf. Eine Einheit der selten gesehenen Kavallerie paradierte über den mit riesigen Scheinwerfern in gleissendes Licht gehüllten Kim-Il-Sung-Platz.

Ungewöhnlich auch: Furchterregend wirkende Waffensysteme wurden von schlichten Traktoren geschleppt. Nur die mit preussischem Stechschritt salutierenden und mit zig-Orden behangenen Offiziere boten das gewohnte Bild.

Gruselig: Soldaten paradieren mit Gasmasken und orangener Schutzkleidung.

Gruselig: Soldaten paradieren mit Gasmasken und orangener Schutzkleidung.

AP

Wie die südkoreanischen Medien auf TV-Bildern erkannten, verfolgte der Diktator selbst den nächtlichen Mummenschatz. Aber anders als bei Militärparaden üblich, trug Kim einen steingrauen Zivilanzug mit passender Krawatte. Und er liess sich auch nicht von devoten Generälen umgeben, sondern einhaken von einem Pärchen Junger Pioniere mit rotem Halstuch. Überhaupt bot Kim vor allem paramilitärische und Angehörige der Sicherheitskräfte auf.

In Wahrheit ging es um etwas anderes

Offizieller Anlass der einstündigen Militärshow war der 73. Jahrestag der nordkoreanischen Staatsgründung, aber vermutlich ging es in Wirklichkeit gar nicht nur darum, wieder einmal die Moral und den glühenden Patriotismus der Staatsgenossen zu stärken. Empfänger der Signale dürfte vor allem das Ausland gewesen sein, vorrangig die USA und nicht ganz nebenbei auch China. Beobachter in Seoul vermuten in dem Spektakel die Ankündigung eines weiteren Tiefschlags gegen die internationale Öffentlichkeit. Es ist wahrscheinlich, dass Kim in nicht so ferner Zukunft wieder einen oder mehrere Atomsprengköpfe testen lässt.

Die selten gesehene Kavallerie läuft auf.

Die selten gesehene Kavallerie läuft auf.

Kcna / EPA

Leif-Eric Easley von der Ewha-Universität in Seoul vermutet:

«Pjöngjang plant möglicherweise einen neuen Testzyklus, um dafür von den USA im Austausch Fördergelder und Sanktionserleichterungen zu erpressen.»

Gleichzeitig könnte die Parade darauf abzielen, das nordkoreanische Volk auf eine weitere Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten vorzubereiten, mutmasst Cheong Seong Chang, Direktor des Zentrums für Nordkoreanische Studien an der Sejong-Universität.

Umstrittene Atom-Anlage ist wieder in Betrieb

Das letzte Mal hatte Pjöngjang 2017 vor einem Moratorium Kernwaffen seines Raketenprogramms getestet. Seit 2019 liegen die darauf erfolgten Gespräche mit der US-Führung zur Abrüstung jedoch auf Eis – ein Zustand, der Pjöngjang nicht voran bringt. Fest steht zumindest für die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA), Nordkorea hat seine umstrittene kerntechnische Anlage Yongbyon wieder in Betrieb gesetzt.

Diktator Kim Jong Un ungewohnt zivil, an der Seite zwei Kinder statt dekorierte Generäle.

Diktator Kim Jong Un ungewohnt zivil, an der Seite zwei Kinder statt dekorierte Generäle.

AP

Nach deren jüngstem Rapport gibt es seit Anfang Juli deutliche Anzeichen, einschliesslich des Ablaufs von Kühlwasser, die auf die Aktivität des Reaktors hinweisen. Auch das radiochemische Labor soll von Mitte Februar bis Anfang Juli aktiv genutzt worden sein - eine Zeitspanne, die von der Testanlage benötigt wird, um Kernbrennstoffe wiederaufzubereiten. Das alarmierende Fazit der IAEA:

«Die Nuklearaktivitäten Nordkoreas geben weiterhin Anlass zu ernster Sorge.»

Genaues aber weiss man nur wenig, weil Pjöngjang schon seit 2009 den IAEA-Kontrolleuren einen direkten Zugang verweigert. Die meisten Informationen stammen deshalb aus Satellitenaufnahmen und daraus abgeleiteten Mutmassungen. Eine davon ist, Kim will den durch seinen chaotischen Afghanistan-Abzug in Bedrängnis geratenen US-Präsidenten Joe Biden auch in Fernost unter Druck setzen. Immerhin war es die erste Militärshow Nordkoreas nach dessen Amtsübernahme. Der Machthaber will zeigen: unser Atomraketenprogramm läuft auf vollen Touren und ist auch durch die internationalen Sanktionen oder die Coronapandemie nicht zu stoppen.

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