Terror-Verdächtiger
Anis Amris Vater: «Er hat getrunken und gestohlen, aber er wurde in Europa radikalisiert»

Die deutschen Behörden fahnden nach Anis Amri, der den Terror-Anschlag in Berlin verübt haben soll. Nun meldet sich seine Familie zu Wort.

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Der Tunesier Anis Amri wird dringend verdächtigt, Täter des Terror-Anschlags von Berlin zu sein.

Der Tunesier Anis Amri wird dringend verdächtigt, Täter des Terror-Anschlags von Berlin zu sein.

EPA

Mit Hochdruck fahnden die deutschen Behörden nach dem Tunesier Anis Amri. Er wird verdächtigt, den Terroranschlag von Berlin mit einem Lastwagen auf dem Weihnachtsmarkt bei der Berliner Gedächtniskirche verübt zu haben. Nun hat sich Amris Familie zu Wort gemeldet. Sie schildert eine Karriere, die typisch ist für viele Dschihadisten: vom Kleinkriminellen zum Massenmörder.

Anis Amri stammt aus Oueslatia, einem verarmten Dorf in der Umgebung der Stadt Kairouan. Diese gilt als Hotspot der tunesischen Salafisten, hier wurden junge Männer für den Dschihad rekrutiert, ehe die Regierung 2013 dagegen vorging. Anis allerdings sei bis zu seiner Flucht nach Europa nie religiös oder intolerant gegenüber Andersgläubigen gewesen, erklärte sein Vater der britischen Zeitung «The Times».

Terroranschlag an Berliner Weihnachtsmarkt Ein Lastwagen raste am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche.
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Der Lastwagen krachte durch die Gasse zwischen den Buden und überfährt Menschen. Nach 60 bis 80 Metern durchbrach er die linke Reihe der Buden und kam halb auf der Budapester Strasse zum Stehen.
Der Fahrer kletterte aus dem LKW und flüchtete.
Mindestens 12 Menschen sterben, etwa 50 werden verletzt.
Ein Grossaufgebot von Rettungskräften kümmerte sich um die Verletzten nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt.
Die Polizei sperrte den Breitscheidplatz weiträumig ab. Die Kriminalpolizei begann mit ersten Untersuchungen des Tatorts.
Notärzte und Sanitäter versorgten verletzte Menschen. Die Feuerwehrleute deckten Leichen ab.
20:56 Uhr: Eine Polizeistreife aus einem Funkwagen nimmt einen Verdächtigen nahe der Siegessäule fest. Der Mann war nach einem Medienbericht von einem Zeugen durch den Tiergarten verfolgt worden, der gleichzeitig über sein Telefon die Polizei verständigte. Der Verdächtige wird in den folgenden Stunden befragt.
Medien berichten vom Ort des Geschehens. Im Hintergrund die Berliner Gedächtniskirche.
Der Morgen danach: Der Lkw-Anhänger neben zerstörten Weihnachtsstände und -hütten.
Der polnische Lastwagen war von Turin nach Berlin gefahren.
Route des Lastwagens von Turin nach Berlin – und dort zum Breitscheidplatz
Die Zugmaschine des Lastwagens, deren Windschutzscheibe zersplittert ist, wird am Morgen nach der Tat abgeschleppt und soll weiter untersucht werden.
18.54 Uhr am 20.12.: Der festgenommene Verdächtige kommt wieder frei. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse hätten keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten ergeben, teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.
Augenzeugen hätten den Lastwagenfahrer nach dem Anschlag nicht lückenlos verfolgt, die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten ausserdem bislang keinen Beleg erbracht, dass der Mann im Führerhaus des Lastwagens gewesen sei.
20.13 Uhr: Fast genau 24 Stunden nach dem Anschlag nimmt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) den Angriff für sich in Anspruch. Der Täter sei ein "Soldat des Islamischen Staates" gewesen, meldete das IS-Sprachrohr Amak.
Die Menschen trauern in Berlin um die Opfer des Terroranschlags.
Die Bundeskanzlerin schreibt in der Gedächtniskirche ins Kondolenzbuch.
Bundeskanzlerin Angela Merkel legt am Berliner Weihnachtsmarkt Blumen nieder, neben ihr Innenminister Thomas de Maiziere (CDU), Aussenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Berlins Bürgermeister Michael Müller.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und andere legen Blumen nieder.
Nach dem Anschlag werden an den Weihnachtsmärkten die Sicherheitsmassnahmen verschärft.
Der Spediteur und Besitzer des Todes-Lastwagens erteilt den Medien Auskunft. Er ist auch der Cousin des LKW-Chauffeurs. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter bei einem Kampf im Fahrerhaus des Camions mit dem polnischen Chauffeur verletzt worden ist und den Polen tötete.
Das Brandenburger Tor leuchtet am Abend nach dem Anschlag in den Berliner Farben.
21.12.2016: Zwei Tage nach dem Terroranschlag von Berlin wird ein tunesischer Tatverdächtiger öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben: Es handelt sich um den 24-jährigen Anis Amri. Für Hinweise wurden bis zu 100'000 Euro Belohnung ausgeschrieben.
Der Name Anis Amri war auf einem Ausweisdokument im Fahrerhaus des Lastwagens gefunden worden, mit dem am Montag der Anschlag verübt wurde. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen hatte der Tatverdächtige mehrere Identitäten genutzt.
MIt Kerzen und Blumen trauert Berlin um die Opfer.
Berlin trauert - hier mit Kerzen auf dem Breitscheidplatz im alten Westberliner Zentrum.
Am 23. Dezember wird Anis Amri bei einer Polizeikontrolle in Mailand getötet. Um 3 Uhr wollen ihn Polizisten kontrollieren, da zieht er eine Waffe, schiesst und verletzt einen Polizisten. Der andere Polizist verfolgt den Terroristen und erschiesst ihn.

Terroranschlag an Berliner Weihnachtsmarkt Ein Lastwagen raste am 19. Dezember 2016 auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche.

Keystone

Sein Sohn sei ein normaler Teenager gewesen, mit einer Leidenschaft für Fussball. «Er war ehrgeizig und wollte seinen gesellschaftlichen und finanziellen Status verbessern», sagte der Vater. Angesichts der drückenden Armut habe Anis jedoch die Sekundarschule in Kairouan abbrechen müssen. Dafür kam er mit Alkohol und Drogen in Kontakt. Wegen Diebstählen und Gewaltdelikten kam er wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt.

Vier Jahre Gefängnis in Italien

Die Wirren nach dem Sturz von Diktator Ben Ali Anfang 2011 nutzte Anis Amri zur Flucht nach Italien, wo er wegen Diebstählen und Brandstiftung an einer Schule zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. «Dort traf er extremistische Gruppen, von denen er sich angezogen fühlte», sagte Amris Vater.

2015 zog Amri weiter nach Deutschland, wo er sich als syrischer Flüchtling ausgab und um Asyl ersuchte. Er hielt weiter Kontakt zu seinen sieben Geschwistern – drei Brüder und vier Schwestern –, mit dem Vater jedoch habe er seit seiner Flucht aus Tunesien nie mehr gesprochen. «Einmal schickte er mir ein Mobiltelefon und eine Schachtel Schokolade über einen tunesischen Freund, der in Italien lebte.»

In Deutschland geriet Anis Amir, der sechs verschiedene Namen verwendet haben soll, erneut in den Dunstkreis von Salafisten, darunter der Hassprediger Ahmad Abdulaziz Abdullah A. alias «Abu Walaa», der kürzlich verhaftet wurde. Amris Asylgesuch wurde abgelehnt und er selber von den Staatsschützern als «Gefährder» eingestuft. Eine Abschiebung nach Tunesien war wegen fehlender Papiere nicht möglich.

Geschwister sind schockiert

Nun wird er dringend verdächtigt, den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verübt zu haben. Seine Geschwister zeigten sich fassungslos. «Ich kann nicht glauben, dass er so etwas tun könnte», sagte seine Schwester Najoua der Nachrichtenagentur AFP. «Er gab uns nie das Gefühl, dass etwas falsch lief. Wir hatten Kontakt über Facebook, er hat immer gelacht und war fröhlich.»

Anis' Bruder Abdelkader äusserte sich deutlicher: «Ich war schockiert und konnte nicht glauben, dass er dieses Verbrechen begangen hat. Wenn er schuldig ist, verdient er jede Bestrafung. Wir distanzieren uns von Terrorismus und Terroristen – wir haben nichts mit Terroristen zu tun.» (pbl)

Verfolgen Sie die weitere Entwicklung zum Berliner Terror-Anschlag hier im News-Blog.

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