USA
Nach Cyber-Angriff: Hamsterkäufe an Tankstellen und nein, Benzin in Plastiksäcke zu füllen, ist keine gute Idee

Fünf Tage nach einem Cyber-Angriff auf die wichtigste Treibstoff-Versorgungsader an der amerikanischen Ostküsten hat die Colonial Pipeline ihren Betrieb wieder aufgenommen. Dieser Schritt kam gerade rechtzeitig – machte sich doch in der betroffenen Bevölkerung langsam Panik breit.

Renzo Ruf aus Alexandria (Virginia)
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Die frohe Botschaft kam kurz vor dem Abendessen. Am Mittwoch verkündete Colonial Pipeline, der private Betreiber einer fast 9000 Kilometer langen Pipeline in Amerikas Südosten, dass der Betrieb nach einer mehrere Tage dauernden Zwangspause wieder hochgefahren werde. Damit kann der Betreiber der Pipeline erneut Millionen von Gallonen Benzin, Heizöl und Kerosin von Houston (Texas) nach Linden (New Jersey) transportieren. In einer Stellungnahme warnte das Unternehmen, zu dessen Eigentümern der Ölkonzern Shell gehört, aber vor überhöhten Erwartungen. Es werde «mehrere Tage» dauern, bis die Treibstoff-Versorgungskette wieder normal funktioniere.

Den eigentlichen Grund der Zwangspause – die Hacker-Attacke einer dubiosen Gruppierung mit dem Namen «DarkSide», die sich auf Ransomware spezialisiert hat – erwähnte Colonial Pipeline in der Stellungnahme nicht. Damit blieb vorerst unklar, ob der Betreiber der Treibstoff-Leitung die finanziellen Forderungen der Hacker erfüllt und «DarkSide» ein Lösegeld überwiesen hatte.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Donnerstag, mit Verweis auf anonyme Kreise, dass Colonial Pipeline gegen 5 Millionen Dollar bezahlt habe. Die Zahlung erfolgte angeblich in Bitcoins, deren Preis stark fluktuiert. Das Unternehmen wollte diese Meldung nicht kommentieren.

«Das ist verrückt», sagt Randy von der Tankstelle

Für die betroffene Bevölkerung wiederum kam die frohe Botschaft gerade rechtzeitig, machte sich doch am Mittwoch von Georgia bis Virginia Panik breit. Seit der Ölpreiskrise in den Siebzigerjahren habe er so etwas nicht mehr gesehen, sagte zum Beispiel Randy Allen, ein Automechaniker in Alexandria (Virginia), einem Vorort von Washington. Mit Blick auf die vielleicht 25 Automobilisten, die vor seiner Tankstelle in der Schlange warteten, sagte Allen: «Das ist verrückt.»

Zwei Angestellte des Franconia AmeriGo Servicecenter, wie die simple Tankstelle etwas bombastisch heisst, regelten derweil den Verkehr – auch weil die wartenden Autofahrerinnen und -fahrer wesentliche Verkehrsregeln ignorierten, aus Angst, leer auszugehen.

Die Tankstelle Franconia AmeriGo Servicecenter in Alexandria (Virginia), einem Vorort von Washington.

Die Tankstelle Franconia AmeriGo Servicecenter in Alexandria (Virginia), einem Vorort von Washington.

Renzo Ruf

Ganz unbegründet war diese Panik nicht. Zwar wurde die unabhängige Tankstelle noch am Morgen mit neuem Benzin versorgt, wie ein anderer Angestellter erzählte. Dabei seien aber nur 5000 Gallonen Benzin (oder umgerechnet mehr als 22'700 Liter) geliefert worden. Früher oder später drohe der Tankstelle also der Sprit auszugehen.

69 Prozent der Tankstellen in North Carolina ohne Benzin

Am Freitag sagten 51 Prozent der Tankstellen im Bundesstaat Virginia, dass ihre Zapfsäulen ausser Betrieb seien. Schlimmer waren die Auswirkungen des Cyber-Angriffs auf die Colonial Pipeline nur gerade im benachbarten North Carolina, wie der Branchendienst GasBuddy meldete. Dort mussten gar 69 Prozent der Tankstellen den Benzinhahn zudrehen. Andere Staaten an der Ostküste – New York beispielsweise oder Pennsylvania –, waren derweil von der Treibstoff-Versorgungskrise nur am Rande betroffen.

Mitverantwortlich für die chaotischen Zustände in Virginia, North Carolina oder Georgia waren auch Hamsterkäufe. So füllten Automobilisten nicht nur den Benzintank ihres Fahrzeugs auf, sondern auch noch gleich eine Reihe von (mehr oder weniger geeigneten) Kanistern, zum Verdruss vieler Wartenden.

In den vergangenen Tagen habe sich «das Kaufverhalten komplett verändert», sagte ein Branchenvertreter der «Washington Post», obwohl die Benzinpreise in den vergangenen Tagen stark gestiegen seien. Eine Rolle spielte wohl auch, dass vielen Amerikanerinnen und Amerikanern noch der Schock des vergangenen Frühjahres in den Knochen steckt, als es zu Hamsterkäufen in Supermärkten kam.

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