Amerika
Die Verurteilung von George Floyds Mörder ist ein Meilenstein – doch das Verhältnis zwischen Polizei und dunkelhäutigen Amerikanern bleibt zerrüttet

Der Ex-Polizist Derek Chauvin muss ins Gefängnis, weil er im vorigen Mai in Minneapolis (Minnesota) den Afroamerikaner George Floyd tötete. Das Urteil sorgt für Erleichterung. Nun aber muss ein Ruck durchs Land gehen, damit sich solche Vorfälle nicht allzu häufig wiederholen.

Renzo Ruf, Washington
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Feiert das Urteil: Eine Demonstrantin mit George-Floyd-Plakat in Minneapolis.

Feiert das Urteil: Eine Demonstrantin mit George-Floyd-Plakat in Minneapolis.

Morry Gash / AP

Das System hat funktioniert. Und Derek Chauvin, ehemaliger Stadtpolizist in Minneapolis (Minnesota) muss ins Gefängnis — weil zwölf Geschworene, nach einem emotionalen Gerichtsverfahren, einstimmig der Meinung waren, Chauvin habe im vorigen Jahr den Afroamerikaner George Floyd mit bedingtem Vorsatz ermordet.

Das Urteil ist eine Wegmarke. Denn normalerweise droht einem amerikanischen Polizisten weder ein Strafverfahren noch ein Prozess, wenn er im Dienst einen Menschen tötet. So wurden in den vergangenen 15 Jahren bloss sieben Ordnungshüter aufgrund eines Tötungsdeliktes verurteilt, wie der Kriminologe Phil Stinson aus Kentucky herausgefunden hat.

Chauvin allerdings gelang es nicht, sich hinter seiner Dienstmarke zu verstecken, und der Tatsache, dass amerikanische Polizisten einen Job ausüben, der buchstäblich lebensgefährlich sein kann. Die Rechtsdoktrin, die eine Immunität für Polizisten vorsieht, die sich im Dienst «angemessen» verhalten, griff in seinem Fall nicht.

Die ganze Welt konnte zusehen

Das hatte auch damit zu tun, dass sich die Tat — die brutale Festnahme Floyds auf einer Strasse vor dem Supermarkt Cup Foods in Minnesota — vor Zuschauern abspielte. Und damit, dass eine dieser Augenzeuginnen, die heute 18 Jahre alte Darnella Frazier, die Szene mit ihrem Smartphone festhielt.

Während die Stadtpolizei zuerst den Versuch unternahm, den Tod Floyds mit einem nicht näher definierten «medizinischen Vorfall» zu begründen, konnte die ganze Welt alsbald mit eigenen Augen sehen, wie Polizist Chauvin sein Knie minutenlang gegen den Hals von Floyd drückte. Und wie er auch dann nicht nachliess, als der Mann in seinem Gewahrsam schon lange das Bewusstsein verloren hatte.

Solch klare Beweismittel gibt es aber leider nicht in jedem Fall von Polizeigewalt, der für Schlagzeilen sorgt. So wurde ausgerechnet am Dienstag in Columbus (Ohio) die 16-Jährige Ma’Khia Bryant von einem Polizisten erschossen, weil sie angeblich andere Teenagerinnen mit einem Messer bedrohte. Eine Verwandte der Getöteten behauptete, Bryant habe das Messer fallen gelassen, bevor sie getötet wurde. Die Polizei wiederum sagte, das Gegenteil sei wahr, mit Verweis auf Bodycams, die den Einsatz filmten.

Letztes Jahr wurden 1000 Menschen von Polizisten erschossen

Zu solchen Episoden kommt es in kleinen und grossen amerikanischen Städten fast täglich. Im vorigen Jahr wurden im ganzen Land gegen 1000 Menschen durch Polizisten erschossen. (Zum Vergleich: 77 Ordnungshüter wurden Opfer eines Verbrechens.) Und obwohl es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass das Risiko für Schwarze, von einem Polizisten mit einer Schusswaffe getötet zu werden, höher ist — ohne Zweifel werden dunkelhäutige Amerikaner von Ordnungshütern mit grösserer Feindseligkeit behandelt.

Dies lässt sich mit der langen, traurigen Geschichte der Ordnungsmacht in Amerika begründen. In den Augen der Afroamerikaner war die Polizei lange kein «Freund und Helfer», sondern ein Werkzeug für die Durchsetzung der staatlich sanktionierten Segregation. Kein Wunder, fehlt noch heute vielen Afroamerikanern das Vertrauen in die Arbeit der Polizei, das viele weisse Amerikaner quasi automatisch besitzen. Begründen lässt sich diese Feindseligkeit aber auch mit der grösseren Gefahr, die in gewissen Vierteln für Polizisten besteht. So wurden in der Hauptstadt Washington seit Jahresbeginn bereits 58 Menschen ermordet — rund die Hälfte davon in Quartieren, die mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnt werden.

Werden Verkehrskontrollen abgeschafft?

Ein Ausbruch aus diesem Teufelskreis scheint nur möglich, wenn die Polizei ihre Arbeit überdenkt. Zur Diskussion steht beispielsweise der Vorschlag, dass die Polizei künftig auf Verkehrskontrollen verzichtet — und stattdessen technische Hilfsmittel einsetzt, um Raser zu schnappen. Dies mag zwar radikal klingen. Immer wieder fühlen sich dunkelhäutige Amerikaner aber von Verkehrskontrollen schikaniert; und damit besteht das Risiko, dass diese zufälligen Begegnungen eskalieren.

Auch wird immer lauter über das Ende der besonderen Behandlung für Polizisten nachgedacht, von der Ordnungshüter bisher im Kontakt mit der Justiz profitierten. Fraglos ist es angebracht, dass Polizisten zu einer Dienstwaffe greifen können, wenn sie sich bedroht fühlen oder sie bedroht werden. Es muss aber möglich sein, ihr Verhalten nachträglich straf- und zivilrechtlich zu überprüfen. Das Verfahren gegen Derek Chauvin zeigt, dass sich eine solche Überprüfung häufig lohnt.