Krieg im Internet
Am Tisch mit Estlands Cyber-Kriegern

In Westeuropa steckt sie noch in den Kinderschuhen, doch im Baltikum ist die Cyber-Verteidigung längst Realität. Computer-Krieg

Paul Flückiger, Tallinn
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Simuliertes Gefecht am Computer

Simuliertes Gefecht am Computer

Keystone

Cyber-Vertreidigung

Deutschland eröffnet am 1. April eine zentrale Agentur für Cybervertreidigung. Die Schweizer Armee steckt noch in der Planungsphase. Bis Ende März will s8ie beim Bundesrat Cyber-Defense-Mittel beantragen. (FLÜ)

Hackerangriff nach Denkmalstreit

Der Mann im sportlichen Pullover weiss, wovon er spricht. Knapp vier Jahre sind es her, da funktionierten eines Tages landesweit keine Bankomaten mehr, Hackerangriffe legten Regierungsseiten und elektronische Medien lahm. Vorausgegangen waren die heftigsten Auseinandersetzungen mit der russischsprachigen Minderheit seit der Unabhängigkeit vor 20 Jahren. Die Verlegung eines sowjetischen Kriegerdenkmals vom Stadtzentrum Tallinns in einen rund zwei Kilometer stadtauswärts gelegenen Soldatenfriedhof hatte zu tagelangen Strassenschlachten geführt. Veteranen- und Russenverbände machten – von Moskau dazu ermuntert – gegen die Regierung mobil. Kaum war die Bronzefigur, für die Esten ein Symbol der fast 50-jährigen sowjetischen Besatzung, verlegt, folgte ein von Russland aus koordinierter Hackerangriff auf zivile Einrichtungen.

100-köpfige Freiwilligentruppe

«Das war nur ein Warnschuss», ist Kaido R. heute überzeugt. Doch dieser Testfall hat den IT-Spezialisten einer Grossbank dazu bewogen, sich dem estnischen Cyber-Verteidigungsbund anzuschliessen. Die Freiwilligentruppe, die nach einem Regierungsbeschluss vom Januar im Ernstfall der Armee unterstellt werden soll, vereint rund 100 IT-Spezialisten aus allen Bereichen. Geführt werden die beiden in den Grossstädte Tallinn und Tartu stationierten Einheiten von erfahrenen Cyber-Spezialisten des Innenministeriums.

Für Kaido R. ist die Teilnahme an den regelmässigen Schulungen eine patriotische Pflicht. Sold bekommt er keinen, sein Fachwissen gibt er gerne weiter. Der anschliessende Stammtisch im Baieri Kelder (deutsch: Bayernkeller), einem deutschen Bierlokal an der Roosikrantsi-Strasse, dient nicht nur der Geselligkeit, sondern auch der Vernetzung.

Gruppenchef Agu Kivimägi gibt sich dem ausländischen Besucher gegenüber vorsichtig. Genaue Zahlen nennt er keine. Nur so viel: Es brauche schon eine gewisse Erfahrung, um dem Bund beitreten zu können, unterstreicht Kivimägi, deshalb fehlten die jungen Internetfreaks der hiesigen E-Gesellschaft.

Angriffe aus Russland oder China

In der Tat: Um den Tisch hat sich ein Dutzend Männer zwischen 30 und 50 zu einem deftigen Essen mit Weizenbier versammelt. Zu erfahren ist, dass der Cyber-Verteidigungsbund bald ein mit Staatsgeldern finanziertes Trainingszentrum bekommen soll, in dem ein Unternehmen mit 4500 Computern simuliert werden kann. Angriffe erwartet man am ehesten von Russland oder China. In Estland werden bereits heute über
90 Prozent der Banküberweisungen per Internet abgewickelt; Fahrkarten, Konzertbillette, Arztrezepte werden online ausgestellt. Die ganze Verwaltung hat auf online umgestellt. «Das Angriffspotenzial ist damit sehr gross», warnt Kivimägi.

Manöver am Bildschirm

Einen simulierten Angriff auf ein Grossunternehmen hatten letztes Jahr in Tallinn bereits sechs IT-Expertengruppen im Rahmen einer Nato-Übung abgewehrt. Das «Baltic Defense Shield»-Manöver wurde im 2008 in Tallinn eröffneten Nato-Internetverteidigungszentrum (CCDCOE) am Bildschirm ausgetragen. Das Zentrum wird von den drei baltischen Staaten, Deutschland, Italien, Schweden sowie Ungarn und der Slowakei finanziert. Die Vernetzung ziviler und militärischer IT-Experten, bei der Estland nun Nato-weit eine Vorreiterrolle übernimmt, wird dort als durchaus sinnvoll bewertet. «Die Eingliederung unserer Cyber-Defense-Freiwilligentruppe ist längst überfällig», sagt der bei einem lokalen Internetanbieter angestellte Siim K. im «Bayernkeller» selbstbewusst und hebt das Bierglas.