Afghanistan
Die Taliban erbeuten US-Helikopter und Schusswaffen – die Diensthunde nahmen die Soldaten mit

Nach dem Zusammenbruch der regulären Streitkräfte und dem Abzug der US-Armee verfügen die Taliban über grosse Mengen an Kriegsgerät – darunter auch Helikopter und Flugzeuge. Schätzungen über die Grösse des Arsenals, die aktuell kursieren, sind aber mit Vorsicht zu geniessen.

Renzo Ruf, Washington
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Der Flughafen von Kabul wird nun von Taliban-Kämpfern bewacht, die auf Kriegsgerät westlicher Provenienz zurückgreifen können.

Der Flughafen von Kabul wird nun von Taliban-Kämpfern bewacht, die auf Kriegsgerät westlicher Provenienz zurückgreifen können.

Khwaja Tawfiq Sediqi / AP

Das Filmchen machte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die Runde, kaum hatte sich am Montag die Nachricht über den vollständigen Truppenabzug der amerikanischen Streitkräfte aus Afghanistan verbreitet.

Es zeigt einen «Black Hawk»-Helikopter (UH-60), hergestellt von einer Tochterfirma des US-Rüstungsgiganten Lockheed Martin, der über den Dächern der Stadt Kandahar eine Runde dreht – mit einem Menschen im Schlepptau. Angeblich, so sagte ein afghanischer Journalist, handle es sich dabei nicht um eine Vergeltungsaktion, sondern um den Versuch, die Taliban-Flagge auf einem Gebäude zu hissen.

Ob dies der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht eruieren. Das Filmchen zeigt aber mit aller Deutlichkeit: Die neuen Machthaber Afghanistans befinden sich im Besitz von modernstem Kriegswerkzeug. So erbeuteten die Taliban nicht nur Flugzeuge oder Helikopter der regulären afghanischen Streitkräfte.

Sie konnten sich auch Kampfgerät unter den Nagel reissen, das die US-Streitkräfte bei ihrem Rückzug am Flughafen von Kabul zurücklassen mussten. Auf Twitter kursierte am Dienstag beispielsweise Fotos eines Parkplatzes, auf dem Dutzende von geländegängigen «Humvees» zu sehen waren. Auch paradierten Taliban-Kämpfer in amerikanischen Uniformen und mit amerikanischen Waffen.

Allein: Wie gross die Mengen an schwerem Kriegsgerät sind, die in die Hände der neuen Taliban-Armee gefallen sind, darüber lässt sich bisher nur spekulieren. Klar ist nur, dass eine Zahl, die in den letzten Tagen auch vom amerikanischen Ex-Präsidenten Donald Trump herumgeboten wurde, nicht der Wahrheit entspricht. Es stimmt nicht, dass die Taliban nun Kriegsgerät im Wert von 88 Milliarden Dollar besitzen.

Denn bei dieser Zahl handelt es sich um das Total sämtlicher amerikanischer Investitionen in die regulären afghanischen Truppen seit 2002. Wie der Militär-Experte Jonathan Schroden auf Twitter erklärte, floss ein grosser Teil dieses Geldes in Treibstoff und den Unterhalt; zudem verpuffte wohl auch ein nicht unerheblicher Dollar-Betrag, angesichts der grassierenden Korruption in Afghanistan.

Schroden, der für die Denkfabrik CNA in Washington arbeitet, hält auch wenig von Info-Grafiken, die einen Überblick über das angebliche Arsenal der Taliban geben. So kritisierte er eine Zusammenstellung der britischen «Times» als unrichtig.

Der Analyst verwies darauf, dass gemäss offiziellen amerikanischen Quellen nicht alle diese Kriegsgeräte einsatzfähig waren. Auch gibt es zeitgenössische Berichte, die darauf hindeuten, dass sich afghanische Piloten kurz vor dem Fall von Kabul aus dem Staub gemacht haben. So sollen sich Dutzende von Flugzeugen der ehemaligen afghanischen Luftwaffe in Usbekistan und Tadschikistan befinden. Schroden verweist auf ein unabhängiges Inventar zweier Holländer: Demnach sind von den 76 Helikoptern amerikanischer Provenienz, die sich nun im Besitz der Taliban-Luftwaffe befinden, nur 14 einsatzfähig.

Das Pentagon wiederum betonte am Montag, dass die Streitkräfte das Kriegsgerät, das sie in Kabul zurücklassen mussten, «demilitarisiert» hätten – wie der Fachbegriff im Pentagon lautet. Generalmajor Kenneth «Frank» McKenzie sagte, 70 Militärfahrzeuge des Typus MRAP und 27 Humvees seien unbrauchbar gemacht worden. «Sie werden nie mehr gefahren werden», sagte McKenzie. Auch hätten die amerikanischen Streitkräfte die 73 Flugzeuge ausser Betrieb gesetzt, die sich noch auf dem Gelände des Hamid Karzai International Airport befanden.

Ein anderes Gerücht, das am Dienstag kursierte, wurde von Pentagon-Sprecher John Kirby widerlegt. Demnach stimme es nicht, sagte Kirby, dass die amerikanischen Streitkräfte ihre Diensthunde in Afghanistan zurückgelassen hätten. Für die Hundeboxen, die auf aktuellen Bildern aus Kabul zu sehen waren, sei ein lokales Tierheim verantwortlich gewesen, sagte Kirby.

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