Wochenkommentar
11. September: Das Jahrzehnt der Angst ist vorbei

Am 11. September 2001 flogen Terroristen einen Angriff auf die Türme des World Trade Center und damit auf die USA. az-Chefredaktor Christian Dorer spricht im Wochenkommentar von einem epochalen Ereignis.

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Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 setzten die USA Anti-Terror-Massnahmen in Kraft

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 setzten die USA Anti-Terror-Massnahmen in Kraft

Keystone

Die Redaktion schart sich um das TV-Gerät. CNN überträgt Bilder vom brennenden Tower. Während wir uns fragen, was da wohl passiert sei, sehen wir live ein Flugzeug in den zweiten Tower krachen. Wir wähnen uns in einem Science-Fiction-Film, so surreal wirkt die Szene. Mein damaliger Chef schickt mich sofort für eine Reportage nach New York. Am Flughafen ist die Reise bereits zu Ende: Luftraumsperre über den USA.

Wir alle erinnern uns im Detail an den 11. September 2011, daran, wo wir waren, was wir machten, was wir dachten. Experten sprechen von «Blitzlichterinnerungen». Sie brennen sich bei dramatischen, emotionalen Ereignissen im Gehirn ein. Vor zehn Jahren haben wir ein epochales Ereignis erlebt. Die Ermordung Kennedys, die Mondlandung, der Fall der Berliner Mauer - 9/11.

Chefredaktor Christian Dorer

Chefredaktor Christian Dorer

Aargauer Zeitung

9/11 hat die Welt verändert. Zuerst negativ: Das vergangene Jahrzehnt war geprägt von der Angst vor fundamentalem Islamismus. Und der Angst um unsere Zivilisation, deren Zerstörung Kaida-Führer Osama Bin Laden stets propagiert hat. Wegen seiner engen Beziehungen zu Pakistan war selbst die Angst vor einem Atomschlag nicht abwegig. Die Kriege von US-Präsident George W. Bush förderten den Hass auf Amerika und den «Kampf der Kulturen» (Harvard-Professor Samuel Huntington) - und trieben die USA in die Verschuldung. Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz hat die Kriegskosten auf 3000 bis 5000 Milliarden Dollar berechnet. Sein Fazit: «Präsident Bushs Reaktion auf die Anschläge kompromittierte Amerikas Grundprinzipien, untergrub seine Wirtschaft und schwächte seine Sicherheit.»

2011 hat eine überraschende, positive Wende gebracht: Der arabische Frühling hat drei Despoten in muslimischen Ländern weggefegt, die der Westen stets als Garant im Kampf gegen islamische Fundamentalisten unterstützt hatte. Und was sehen wir nun dort? Islamisten? Menschen, die Bilder von Bin Laden schwenken? Die unsere Kultur zerstören wollen?

Im Gegenteil. Die befreiten Menschen streben nach unseren Werten: nach Freiheit, Wohlstand, Demokratie. Dafür haben sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt; die Kaida dagegen hat bei den Revolten überhaupt keine Rolle gespielt. Der neuste «Report über die arabische Jugend» zeigt, dass sich die jungen Leute in Ägypten, Bahrain, Jordanien, im Libanon und im Irak vor allem nach Demokratie sehnen. Für 92 Prozent ist sie «sehr wichtig».

Ironie der Geschichte, dass Bin Laden ebenfalls im Frühling 2011 liquidiert wurde. az-Auslandchef Christian Nünlist schrieb damals: «Das Trauma von 9/11 darf mit der erfolgreichen Kommandoaktion gegen den Kaida-Führer als überwunden gelten.» Das bedeutet auch: Das Jahrzehnt der Angst ist vorüber.