Indein
100 Tage nach der Vergewaltigung: Hat sich Indien verändert?

Der Aufschrei in Indien war gross, als eine 23-Jährige im Dezember von mehreren Männern brutal vergewaltigt wurde. Seitdem wurden Gesetze geändert, die Polizei sensibilisiert und eine gesellschaftliche Debatte losgetreten. Wurde Indien damit besser?

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Ganz Indien ist aufgewühlt: Frauen demonstrieren in Delhi.mukherjee/key

Ganz Indien ist aufgewühlt: Frauen demonstrieren in Delhi.mukherjee/key

100 Tage ist es her, da entführten sechs Männer eine junge Inderin in einem Bus, vergingen sich wie Bestien an ihr und liessen sie blutend am Strassenrand liegen. 13 Tage kämpfte sie um ihr Überleben. Überall in Indien nahmen die Menschen Anteil, nannte sie "Furchtlose", "Lichtgestalt", "Löwenherz". Sie wurde zum Symbol im Kampf gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte.

Es hat sich etwas getan in Indien in diesen 100 Tagen. Spezielle Notrufnummern für Frauen sind eingerichtet. Nachts sind viel mehr Polizisten in der Hauptstadt Neu Delhi unterwegs und überprüfen an Strassensperren jedes Auto.

Vergewaltigungsfälle werden in Schnellgerichten verhandelt. Und das Parlament verabschiedete gerade ein Gesetzespaket, das härtere Strafen für sexuelle Gewalttäter vorsieht, darunter auch die Todesstrafe in besonders schweren Fällen.

Wenig gelernt

Doch bei der Debatte über das "Anti-Vergewaltigungsgesetz" im Unterhaus wurde deutlich, wie wenig geläutert und unsensibel die Abgeordneten noch immer mit dem Thema umgehen. Sharad Yadav etwa sagte nach Medienberichten in seiner Rede zum neuen Stalking-Gesetz: "Wer von uns hat denn Frauen nicht nachgestellt?"

Das Haus kicherte. Jeder wisse doch, fuhr Yadav fort, dass das Objekt der Begierde einige Male verfolgt werden müsse, ehe es reagiere.

Der Oppositionspolitiker Bhola Singh erklärte dem Parlament laut Zeitungsberichten, für die steigende Zahl von angezeigten Vergewaltigungen seien Einflüsse aus westlichen Kulturen verantwortlich.

Auch würden Frauen und Männer in den Familien natürlich nicht gleich behandelt. "Wenn eine Tochter ins Haus kommt, gibt es keinen Applaus, die Menschen betrachten das noch immer als Unglück."

Vergewaltigung in der Ehe straflos

Kein Wunder, dass das Parlament nur wenige der Forderungen umgesetzt hat, die Frauenrechtler nach der Gruppenvergewaltigung erhoben, sagt Kavita Krishnan von der Frauenvereinigung AIPWA. So werde Vergewaltigung in der Ehe noch immer nicht bestraft. Auch Polizisten und Soldaten müssten oft nichts fürchten. "Die Zivilgesellschaft ist da schon weiter als unsere Politiker", sagt Krishnan.

Tatsächlich scheint die Aufmerksamkeit für die Rechte der Frauen in Indien gestiegen zu sein. "Die Mentalität hat sich verändert", meint Om Prasad von der Studentenvereinigung AISA. Auch junge Männer wie er seien nach der Vergewaltigung auf die Strasse gegangen und hätten Plakate gegen Sexualgewalt getragen.

Und seither diskutierten sie auch zu Hause über Gewalt gegen Frauen, über Partnerwahl und sogar über Frauen, die Rauchen und Trinken sowie Abends ausgehen.

Dass das selbst in der Hauptstadt Neu Delhi keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt eine Umfrage der Zeitung "Times of India". Demnach meinen 86 Prozent der befragten Männer, es sei nicht in Ordnung, wenn Frauen mit Freunden nachts in Bars und Clubs gingen.

Mehr als jeder Fünfte (22 Prozent) findet nicht, dass Frauen sich kleiden können, wie sie wollen. Und etwa die Hälfte (46 Prozent) meint demnach, Frauen sollten nachts nicht arbeiten.

Nur ein Tropfen

Trotzdem würden Frauen immer sichtbarer, beobachtet die Schriftstellerin und Verlegerin Urvashi Butalia. Sie arbeiteten heutzutage in Hotels, Läden, Restaurants, IT-Unternehmen - und durch Fernsehen und Handys sehen die Menschen die Welt jenseits ihrer eigenen Grenzen.

"Die Veränderung passiert so schnell, dass die Menschen kaum mithalten können und überall eine riesige Verwirrung herrscht, während das Land sowohl mit dem Gewicht der Traditionen als auch die Verheissungen der Moderne kämpft", meint sie.

Wie immer sei es wegen der Grösse und Vielfalt Indiens kaum auszumachen, was denn nun wirklich passiert im Land, fährt Butalia fort. Die neuen Gesetze und alle anderen Massnahmen nach dem 16. Dezember seien richtig, "aber wir müssen uns daran erinnern, dass sie nur ein Tropfen in einem sehr, sehr grossen Ozean sind".

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