Mit dem im August eröffneten Zentrum für stationäre forensische Therapie bauen die PDAG ihr forensisches Bettenangebot
um einen Drittel aus. Sie werden damit zum grössten nicht-universitären
forensisch-psychiatrischen Zentrum der Schweiz und zu einem
wichtigen Partner des Strafvollzugskonkordats der Nordwest- und Innerschweiz.

In der Schweiz herrscht ein Mangel an stationären forensischen Therapieplätzen.Warum? Gibt es immer mehr psychisch kranke Straftäter?
Josef Sachs: Nein, aber die Patienten bleiben länger im Massnahmenvollzug; das heisst, die Therapieplätze sind länger von denselben Personen besetzt.


Warum?
Man will damit die Gefahr eines Rückfalls ausschliessen. Eine stationäre forensische Therapie wird gemäss Artikel 59 des Strafgesetzbuches für fünf Jahre angeordnet und kann danach bei Bedarf um weitere fünf Jahre verlängert werden. Das entspricht auch dem Sicherheitsbedürfnis
der Gesellschaft.


Kritische Stimmen sähen Straftäter lieber in einer Gefängniszelle als in einer teuren Therapie.
Ja, aber dadurch wird der Schutz für die Gesellschaft nicht grösser. Wird jemand, der psychisch krank ist und eine Straftat begeht, nicht therapiert, ist eine Gefängnisstrafe nur Symptombekämpfung. Nach deren Ablauf kommt der Täter raus, ohne dass die Ursache bekämpft wurde. Die Rückfallgefahr ist gross.


Bitte nennen Sie ein Beispiel.
Viele Straftäter, bei denen Artikel 59 zum Zug kommt, leiden zum Beispiel an einer Erkrankung aus der Gruppe der Schizophrenien. Je länger Schizophrenie unbehandelt bleibt, desto mehr chronifizieren sich die Wahnvorstellungen. Je schneller die Behandlung erfolgt, desto besser die Perspektive.


Das Angebot an stationären forensischen Therapieplätzen sei hierzulande zu klein, sagen Sie. In Zahlen?
Aktuell würde es 800 Plätze brauchen, vorhanden sind nur deren 500. Die PDAG bieten neu 48 statt der bisher 32 Massnahmeplätze an. Der Ausbau erfolgte hauptsächlich im Akutbereich, weil hier die Nachfrage am grössten ist.


Die Massnahmepatienten sind in einem eigenen Pavillon auf dem
Areal Königsfelden untergebracht. Kein Sicherheitsrisiko?
Nein, es handelt sich dabei um geschlossene Abteilungen mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Patienten, die sich in einer akuten psychotischen Störung befinden, zum Beispiel sehr aggressiv oder selbstmordgefährdet sind, kommen vorübergehend in ein Intensivzimmer mit Doppeltür und Späher.


Nach welchen Kriterien erfolgt die Therapie?
Das hängt von Delikt und Person ab. Es gibt Einzel- und Gruppentherapien sowie medikamentöse Behandlungen. Als Psychiatrische Klinik haben wir sehr viel Fachwissen gebündelt vor Ort. Zentral ist, mit dem Patienten das Delikt aufzuarbeiten, die Ursachen zu erkennen und Strategien für heikle Situationen zu entwickeln. Ganz wichtig ist: Verweigert er die Therapie, ist er hier am falschen Platz.

Strafvollzugskonkordat

Das Strafvollzugskonkordat der Nordwest- und Innerschweiz koordiniert
und vereinheitlicht den Straf- und Massnahmenvollzug. Die dem Konkordat angehörenden elf Kantone stellen einander gegenseitig die Vollzugseinrichtungen für den Vollzug der Strafen und Massnahmen zur Verfügung. Die Konkordatskantone planen zusammen den Bau neuer Vollzugsanstalten. Dadurch können die einzelnen Kantone erheblich Kosten sparen. Profitieren vom Zentrum für stationäre forensische Therapie in Königsfelden werden die Kantone Bern, Luzern und Solothurn, mit denen die PDAG eine vertragliche Zusammenarbeit
über ein Kontingent an Therapieplätzen vereinbart haben.

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau