Den verminderten Appetit habe er damals auf die seelische Belastung abgeschoben. «Vor rund einem Jahr habe ich meine Mutter im Sterbeprozess begleitet und dachte, meine Beschwerden hätten psychosomatische Ursachen», erzählt der 65-Jährige, der anonym bleiben möchte. Nennen wir ihn Herr Maier. «Rückblickend sehe ich natürlich Ansätze, die sich schon viel früher manifestiert haben», sagt er, «etwa die Schluckbeschwerden oder den Reflux, den Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre. Ich habe dem aber nicht weitere Beachtung geschenkt.» Doch mit der Zeit wurde die Nahrungsaufnahme immer problematischer. «Ich habe immer mehr Widerstand gespürt beim Schlucken und in der Folge immer weniger gegessen.» Innerhalb von sechs Monaten hat Maier 25 Kilogramm abgenommen. «Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel anschauen. Ich war ein Klappergestell, habe nebst dem Fett sehr viel Muskulatur verloren.»

Die Ärzte blieben hartnäckig
Endlich ging Maier zum Hausarzt; der hat ihn sogleich in ein nahegelegenes Regionalspital überwiesen. Dort haben die Ärzte eine Endoskopie gemacht und dabei am unteren Ende der Speiseröhre, direkt vor dem Mageneingang, einen Fremdkörper entdeckt. Krebs? Bei der Biopsie haben die Ärzte nur gesunde Schleimhaut diagnostiziert. «Die ganze Familie war erleichtert. Wir haben ein Fest gemacht», erinnert sich Maier. Doch dann ordneten die Ärzte eine neuerliche Untersuchung an. Denn in der Regel handelt es sich bei so lokalisierten Wucherungen um bösartige Tumore. Doch auch die zweite Biopsie bestätigte den Verdacht nicht. Die Familie Maier atmete ein zweites Mal auf. Und nach der dritten Biopsie ein drittes Mal. «Das emotionale Auf und Ab war sehr belastend. Das Hin und Her hat uns extrem verunsichert», sagt Maier. Und die Ärzte liessen nicht locker. Sie schickten ihren Patienten ins viszeralonkologische Zentrum des Kantonsspitals Aarau (KSA), wo sich dessen Leiter, Mark Hartel, seiner annahm. Der ausgewiesene Experte mit langjähriger Erfahrung an grossen Kliniken in Deutschland teilte den Verdacht seiner Kollegen. Doch auch eine vierte Gastroskopie mit Biopsie im KSA förderte keine Krebszellen zutage; und auch in den Lymphdrüsen, wo sich klassischerweise als Erstes Ableger bilden, fanden sich keine. «Ich vermutete einen zwar bösartigen, jedoch dick abgekapselten und deshalb kaum metastierenden Tumor, wie er weltweit nur selten beschrieben wird», erklärt Hartel. Er empfahl eine operative Entfernung des mutmasslichen Tumors, die allerdings mit einer Entfernung des Magens und der unteren Speiseröhre einhergehen würde. «Ich war sehr skeptisch», sagt Maier. «Ein Leben ohne Magen – das kann man sich doch gar nicht vorstellen!» Doch nach langen Gesprächen mit Familienangehörigen und Hartel hat sich Maier doch für die Operation entschieden – es blieb ihm auch kaum was anderes übrig: «Zuletzt konnte ich nicht einmal mehr trinken.» Er habe alles dafür getan, dass er möglichst kräftig in die OP reingehe, sagt Maier und betont: «Ich habe von Anfang an für mich gewusst: Das ist nicht das Ende. Ich war bereit, alles zu tun, damit ich möglichst rasch wieder gesund werde. Und mit dem Entscheid für die OP habe ich auch Professor Hartel das volle Vertrauen ausgesprochen. Ich denke, das hat er auch gemerkt.»

«Vertrauen ist enorm wichtig»
Ja, das habe er, sagt Hartel und betont, wie wichtig das Vertrauensverhältnis ist, für beide Seiten: «Wenn der Patient kein Vertrauen in den Arzt oder in die Behandlung hat, alles hinterfragt, immer skeptisch und negativ ist, dann kann ein Arzt auch mal Fehler machen, die er sonst nie machen würde. » Maier sei ein kritischer Patient gewesen, und das sei auch berechtigt. «Aber ich konnte offen mit ihm reden und er hat sich logischen Argumenten nicht verschlossen.» So habe sich bald ein Vertrauensverhältnis gebildet. «Dem Patienten war wichtig, dass wir einen Stufenplan haben und nur das Nötigste machen», fährt Hartel fort. Bei der Standardoperation hätte er Bauch und Brusthöhle eröffnet und die Speiseröhre samt Magen komplett entfernt. «Wir einigten uns darauf, zu schauen, ob der Tumor vom Bauch her erreichbar und zu entfernen ist. Das geht nur, wenn wir während der Operation auch die Gewissheit haben, dass es sich tatsächlich um diesen seltenen, nicht metastierenden Tumor handelt. Und dass wir ihn im gesunden Gewebe abgesetzt haben.» Dies sei nur machbar gewesen, weil es im Krankenhaus ein Institut für Pathologie gebe, wo die Gewebeproben umgehend untersucht wurden. Die Analyse bestätigte Hartels Verdacht und zeigte, dass er den Tumor vollständig entfernt hatte. Die rezipierte Speiseröhre und den Magen hat er mit dem Dünndarm rekonstruiert. Die Operation dauerte rund vier Stunden, der Tumor mass 3,5 Zentimeter.

Beschwerden ernst nehmen
«Ich kann heute wieder fast normal essen», freut sich Maier, «das ist unglaublich. » Seit gut einem Monat sei auch das Gewicht stabil bei 71 Kilogramm. Es habe aber viel Zeit und noch mehr Geduld gebraucht. Nach der OP habe er zunächst weitere fünf Kilogramm abgenommen. «Damit hatte ich enorm zu kämpfen», sagt Maier. Das sei normal», so Hartel, der Dünndarm müsse sich zuerst an seine neue Aufgabe gewöhnen. «Der Körper braucht bis zu einem Jahr, bis sich alles wieder stabilisiert und normalisiert.» Maier gilt als vom Tumor geheilt. Es bestehe zwar die geringe Gefahr, dass so ein Tumor an einer anderen Stelle wieder auftrete, so Hartel. «Aber er würde extrem langsam wachsen und der Patient diesmal schneller reagieren und sich untersuchen lassen.» Und das sei entscheidend: «Früh erkannt kann man Speiseröhrenkrebs heilen, auch die klassische aggressive Form.» Es sei deshalb eminent wichtig, sich dem Problem früh zu stellen und Anzeichen wie Schluckstörungen, Gewichtsabnahme, Schmerzen oder Blutungen ernst zu nehmen und abklären zu lassen. Komplexe Fälle, so Hartel, gehören zum erfahrenen Spezialisten in ein Zentrum, wo die ganze Rundumversorgung gewährleistet ist.