az-Wahlkampfbus

Bus Nummer 453 zieht in den Wahlkampf

Doris Meier fuhr in 23 Jahren als Buschauffeurin unfallfrei – doch die Aggressivität auf der Strasse habe zugenommen, sagt sie.

Doris Meier fuhr in 23 Jahren als Buschauffeurin unfallfrei – doch die Aggressivität auf der Strasse habe zugenommen, sagt sie.

Bevor der Linienbus für die az umgebaut wurde, fuhren wir mit auf seiner letzten Tour. Die Chauffeurin ist nicht unglücklich, dass sie sich nun von dem altbewährten Fahrzeug verabschieden muss.

Äusserlich ist er einzigartig: Der blau und schwarz lackierte Bus Nummer 453 der Regionalbus Lenzburg AG (RBL). Im Jahr 2000 wurde er in Wildegg feierlich eingeweiht. Damals erhielt er seine auffällige Lackierung mit der Aufschrift «Zugkraft Aargau», weil der Kanton eine Ausstellungsreihe um den öffentlichen Verkehr durchführte.

Still verabschiedet er sich nun 15 Jahre später an einem unscheinbaren Dienstagmittag im August. Nach über einer Million gefahrenen Kilometern geht der Bus in Pension. Zumindest beim RBL.

Im September und Oktober aber ist er nochmals unterwegs, und zwar im gesamten Kanton. Zum az-Wahlkampfbus umgebaut, wird er mit jeweils sechs Nationalratskandidaten die elf Bezirkshauptorte ansteuern. Doch bevor sich der 280 PS-starke Mercedes Citaro in den Dienst der Demokratie stellt, sollte er auf der Linie zwischen Lenzburg und Othmarsingen ein letztes Mal Passagiere befördern.

Die Trennung schmerzt nicht

Um 11.15 Uhr betritt Doris Meier mit einem Rollkoffer das Busdepot. Die 55-jährige Lenzburgerin ist durch und durch Busfahrerin, seit 23 Jahren. Dass sie sich nun von dem altgedienten Bus trennen muss, schmerzt sie nicht. Im Gegenteil: «Er ist nicht so komfortabel wie die neueren Modelle», sagt sie. 

Die Schaltung sei holprig und der Motor für heutige Ansprüche zu schwach. Nachdem sie die Tachoscheibe, die Geschwindigkeit und gefahrene Kilometer aufzeichnet, kontrolliert und die Kasse eingeschaltet hat, fährt sie los. Um Punkt 11.30 Uhr rollt der Bus aus dem Depot in Richtung Bahnhof Lenzburg. Dort wartet jedoch kein Passagier, und auch an der nächsten und übernächsten Haltestelle steht niemand. Werden die 38 Sitz- und 67 Stehplätze auf der letzten Fahrt leer bleiben?

Niemand will mitfahren

Um 11.47 Uhr stoppt Doris Meier am Bahnhof in Othmarsingen. Vergebens. Weit und breit sind keine Passagiere in Sicht. Der Kurs sei eigentlich für Schulkinder gedacht, sagt sie. In der Ferienzeit laufe manchmal wenig. Umso besser kann Meier von ihren Erlebnissen als Chauffeurin erzählen. Denn normalerweise spricht sie nicht beim Fahren. Eigentlich ist die Lenzburgerin eine überaus kommunikative Person.

Sie nennt die Dinge beim Namen und lacht oft. «Manche Leute bekommen wohl ein falsches Bild von mir, weil ich im Bus so still bin.» Aber sie nehme die Arbeit ernst und wolle sich voll und ganz auf die Fahrt konzentrieren. Und das kommt den Fahrgästen zugute. In all den Jahren habe sie weder einen Unfall verursacht noch sei sie jemals vom Kurs abgekommen. Aber: «Man muss immer unheimlich aufpassen.» In den letzten Jahren habe auf den Strassen die Toleranz ab- und die Aggressivität zugenommen.

Tram fahren würde sie nicht

Zum Busfahren kam Doris Meier wegen ihres Mannes, auch er ist Buschauffeur. Bei den Verkehrsbetrieben Zürich absolvierte sie eine Ausbildung. Trams sei sie aber nie gefahren. «Ich bin ein Busfan», sagt sie. Im Sommer fährt Meier für Eurobus auch weite Strecken mit dem Car, so etwa nach Spanien.

Unterdessen ist über die Hälfte der letzten Linienfahrt vorüber. Doch noch immer bleiben die Sitze mit dem blauen Überzug und den türkis, gelb und roten Buchstabenmustern leer. Bei der Haltestelle Bahnhofstrasse in Othmarsingen geschieht es dann doch: Eine junge Frau mit Kopfhörern steigt ein. «Grüezi», sagt Meier.

Die junge Frau hört es wohl nicht. Überpünktlich erreicht der Bus schliesslich den Bahnhof Lenzburg. Der Minutenzeiger springt gerade auf 11.22 Uhr, als die Frau mit den Kopfhörern aussteigt – nichts ahnend, dass sie die letzte Passagierin war. Für Doris Meier ist damit die heutige Schicht beendet, begonnen hatte sie morgens um fünf Uhr.

Der Bus Nummer 453 beendet damit ohne Spektakel seine letzte Linienfahrt. Doch bevor er wohl verkauft und in ein fernes Land exportiert wird, darf er noch einmal aufleben.

Als neuer az-Wahlkampfbus kommt ihm eine Ehre zuteil, die vor ihm erst ein Bus hatte: der Wahlkampfbus von 2011. Dieser erhielt übrigens nach den Wahlen ein drittes Leben. In der Rumänischen Stadt Iasi fährt er wieder als Linienbus und befördert Passagiere in den Quartieren rund ums Stadtzentrum.

Störer: Wahlkampfbus Störer

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