Könige der Schweiz

Der Schweizer Latin-König Roger Furrer bringt Schwung in die Hüften

Setzt dem Zwingli-Zürich seine Krone auf: Roger Furrer.

Setzt dem Zwingli-Zürich seine Krone auf: Roger Furrer.

Roger Furrer ist solider Schweizer, Familienvater und Organisator des alljährlichen Festivals «Caliente!» in Zürich. Der Schweizer Latin-König konnte bereits in den Ursprungsländern der tropikalen Musik Erfolge verbuchen. Dieses Jahr will er die Dominikanische Republik erobern.

Eigentlich ist die Linie denkbar einfach von der Wirklichkeit zum Traum. Schnurgerade. Und das Ziel selber, der Traum, alles andere als kompliziert. Ein Traum kann enthalten sein in einem Wort: Sonne. Dazu passt sehr gut: Musik. Also Sonne und Musik - Herrschaft! Das sollte doch kein Kunststück sein, im Leben dahinzukommen: Sonne und Musik.

Roger Furrer (54) ist dahingekommen, auch dahinter gekommen. Furrer ist der Schweizer Latin-König. Das freilich international. Gerade sein Beispiel zeigt, wie sich das Leben keinesfalls an die schnurgerade Linie hält vom Traum zur Wirklichkeit.

Und so erzählt Furrer auch, bei unserer Begegnung in Zürich: mäandernd, durch die Zeiten springend, assoziativ. Schlägt er eine Seite seines Lebens auf, wächst sich das jedes Mal zum Kapitel aus. Mit Anekdoten, illustren und weniger illustren Namen, mit Örtlichkeiten hier und dort: Rom, London, Mexiko, Ibiza, Rio, Havanna, Miami ... Irgendwann bekommt auch er den Eindruck: «Ein Buch könnte ich darüber schreiben.» Vielleicht tut er es eines Tages.

Denn gewiss ist das bemerkenswert: Ein Schweizer, hundert Prozent Innerschweizer, wird im Verlauf von 25 Jahren zum König der Latin-Music. Furrers alljährliches Festival «Caliente!» im sommerlichen Zürich ist in Europa das grösste seiner Art. Aber das Erstaunliche kommt erst jetzt: Furrer agiert in seinem Genre wie vor ihm schon der Schweizer Chocolatier oder der Schweizer Cafetier.

Furrer nimmt sozusagen den Rohstoff aus exotischen Regionen, organisiert und veredelt ihn, verkauft ihn dann; am Ende auch dort, wo der Rohstoff eigentlich herkommt. Furrers Markt ist die tropikale Musik. Er importierte sie. Und dann exportierte er sie unter seinem Label: zurück nach Kuba, nach Miami. Und dieses Jahr (ab 15. August) erstmals zurück in die Dominikanische Republik. Alles Wiegen dieser Musik.

Ans Rezept von Schokolade oder Kaffee habe er indes nie gedacht, sagt Furrer: «Ich wollte einfach Sonne. Und lebte ständig, von Jugend auf, mit Musik.» In anderen Worten: Er brauchte kein Modell.

Aber er sagt auch: «In lateinamerikanischen oder karibischen Ländern ticke ich anders, finde mich mühelos zurecht - das passt. Da bewege ich mich wie ein Fisch im Wasser.» Als solider Schweizer, Familienvater, ohne ein entsprechendes Gen?

An den Gestaden des Vierwaldstättersees hatte einst ein Reporter der italienischen Fernsehgesellschaft RAI zu tun und begegnete dabei Furrers Mutter. Sie zog mit dem Mann nach Rom und nahm die Kinder mit. Später kam Furrer nach London. Zu Island Records, dem famosen Music Label, das u.a. Stevie Winwood, Cat Stevens oder Bob Marley unter Vertrag hatte. Furrer lernte eine Mexikanerin kennen und ging mit ihr nach Mexiko, wo er sich in einem Schlösschen mit Golfplatz wiederfand, umsorgt von zehn Angestellten.

Aus dem Rockfan und Hippie wurde ein Liebhaber Lateinamerikas. Zudem machte ihn der mörderische Verkehr von Mexiko-Stadt agil am Steuer für jedes andere chaotische Land. In Ibiza legte er dann die Basis zu einem Leben als Festival-Chef. Aber im Winter gibts auch da nicht richtig Sonne. Das ganze Jahr Sonne gabs nur in der Karibik. Ausserdem galt die Tollkühnheit, als Auswärtiger in der Karibik ein Festival durchzuführen, als «Königsdisziplin».

Furore machte Furrers «Caliente!» 2001 in Havanna. Noch nie hatte da ein Auswärtiger etwas zu bestellen gehabt. Furrer veranstaltete ein Open Air und Konzerte an zehn verschiedenen Orten in der Stadt. 100'000 Leute kamen, auch Fidel Castro tauchte mehrmals auf, alles war gratis. Zehn Jahre Vorbereitung hatte Furrer dafür gebraucht.

Acht Jahre später stemmte er ein noch grösseres Projekt: «Caliente!» in Miami, in der eigentlichen Hauptstadt Lateinamerikas. «Alle Künstler sind dort», sagt Furrer, «und Millionen von Emigranten.» Nach rund 30 Besuchen mietete Furrer fest eine Wohnung und schickte seine Kinder in Florida in die öffentliche Schule. Er dachte daran, zu bleiben. Und geriet mitten in die Krise. Ins American-Airlines-Stadium kam nur die Hälfte der erwarteten Besucher. Und die amerikanischen Gepflogenheiten widerten Furrer an: «Lustig ist das nicht.» Eines Tages konnte er sich nicht mehr aus dem Bett erheben: «Ich war nahe an einem Burnout.»

Miami ist Geschichte. Wie oft aber hatte Furrer, unterwegs nach Florida, auf der Dominikanischen Republik den Flieger gewechselt. Vor allem im Ferienort Punta Cana. Nun zieht er halt dahin, erstmals im August, wieder mit dem Gedanken, «Caliente!» in Punta Cana fix zu etablieren. In der Hoffnung, dass ihm auch aus der Schweiz Leute dahin folgen.

Besser deckt sich beides offenbar nirgends: Sonne, Musik und Strand. Über die Schwierigkeiten oder Eigenheiten, dort Fuss zu fassen mit Latin-Zauber aus der Schweiz, kann Furrer wieder viele Geschichten erzählen. Aber - im Unterschied zu Miami - scheinen sie ihn hier nicht zu zermürben, sondern zu beflügeln.

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