Etwas älteren Badenerinnen und Badenern kommen Erinnerungen auf. Dabei denkt man sofort an die Barrieren, die ständig geschlossen waren, an die Trauben von Velofahrern, den Verkehrspolizisten, der auf der Kanzel den Verkehr vor der Weiten Gasse regelte, an die alten Hotels Falken und Linde oder das Pissoir, das ennet des Schulhausplatzes, wo heute die «Kiste» sieht, still vor sich hinstank.

Der Verkehr stand 230 Mal still

In Erinnerung bleiben insbesondere die langen Verkehrskolonnen: Von Mellingen her staute sich der Verkehr manchmal bis über die Stadtgrenze hinaus. Gemäss einer Verkehrszählung von 1948 querten 3534 Fahrzeuge die Bahnlinie. Bis 1952 waren es mit 8500 Fahrzeugen mehr als doppelt so viele. Rund 230 Eisenbahnzüge fuhren damals täglich zwischen Baden und Zürich. Bis zu einem Drittel der Zeit tagsüber waren also die Barrieren geschlossen.

Heute starten in Baden am Schulhausplatz die Bauarbeiten für die Neugestaltung. Rund 100 Millionen Franken werden innert rund zweieinhalb Jahren in die Strassenkreuzung investiert – zum Vergleich: Vor 60 Jahren, im November 1955, war es mit 25,7 Millionen Franken der grösste Kredit, den der Grosse Rat bis anhin je genehmigt hatte. Damals übernahmen Bund 8,4, Kanton und Stadt Baden je 6,3, die SBB 4,6 Millionen Franken.

Bei der grossen Verkehrssanierung im vergangenen Jahrhundert war die Verlegung der Eisenbahnlinie ein wesentlicher Teil. Für den Bau des neuen rund 850 Meter langen Tunnels – vom Schlossberg bis zur Liegenschaft Restaurant Chrüzliberg – mussten zahlreiche Häuser weichen. Dieser Tunnel hat auch bei der Lösungssuche des neu bevorstehenden Umbaus am Schulhausplatz die Auswahl an Varianten stark eingeschränkt.

Der Baubeginn der ersten Etappe am 15. Oktober 1957 erfolgte mit dem Abbruch des Eckhauses an der Mellinger-/Oberstadtstrasse. Dort führt die Bahnstrecke vom neuen Schlossbergtunnel in den Kreuzliberg hinein. Den Tunnelabschnitt unter der Mellingerstrasse hindurch baute man im Tagbau. Beim Schulhausplatz musste die gesamte Häuserzeile mit dem Hotel Falken und der Linde abgebrochen werden. Das eigentliche Vorprojekt der Arbeiten war jedoch die Absenkung des Stadtbachgrabens, der vom Schadenmühleplatz her in der Mellingerstrasse tiefergelegt werden musste.

Bahnhofseitig des Schlossbergs erforderte in erster Linie der Strassenbau mit dem neuen Trassee der Bruggerstrasse und dem Blinddarm (Stadtturmstrasse) einen massiven Eingriff ins beschauliche Gstühl-Quartier, das damit quasi entzweit wurde. Das durch die neue Bruggerstrasse abgetrennte Gstühl-Dreieck mit der «Seerose» ist vor einiger Zeit verschwunden, während der Hahnrainweg sich heute noch tapfer hält. Mehrere prägende Häuser wie der «Augarten» und das Restaurant Schlossberg verschwanden.

Koloss weicht für Schulhausplatz: Der Mammutbaum in Baden ist nicht mehr. Der rund 40-jährige Riese wurde gefällt und in gut 3 Stunden zu Kleinholz verarbeiten.

Mammutbaum muss für Schulhausplatz weichen

Mit dem Abbruch beidseits des Schlossbergs ergab sich dafür die Möglichkeit einer modernen Stadtentwicklung. Als Ersatz für die abgebrochenen Liegenschaften der Buchdruckerei AG und des Hotels Linde bekam die Stadt zwei Hochhäuser aufs Mal. Beidseits des Schlossbergs folgten weitere Häuser in der Vorstadt in zeitgemässer Architektur.

Die kleine Bahnverlegung

Das Projekt, das in zwei Etappen realisiert wurde, trug den technischen Titel «kleine Bahnverlegung». Der Kanton wollte das «Schraubenprojekt» als billigere Lösung, die darin bestanden hätte, bei den beiden Bahnübergängen Unterführungen zu bauen; der Verkehr wäre dann weiter durch die Innenstadt geflossen.

Der Stadtrat konnte aber die «kleine Bahnverlegung» durchsetzen. Die Geschäftsleute befürchteten zuerst, dass Baden künftig umfahren würde, willigten aber angesichts des boomenden Verkehrsaufkommens in die Lösung der Stadt ein. Im Laufe der Planung waren wiederholt neue Vorschläge aufgetaucht. Eine davon war die «Grosse Bahnverlegung». Bei dieser wären Bahntrassee und Bahnhof unter den Boden verlegt worden, während darüber ein neues Zentrumsgebiet hätte entstehen können. 

Am 30. September 1961 wurde der neue Bahntunnel eingeweiht. Dazu fuhr eine festliche Gesellschaft in einem Dampfzug von Baden durch den alten Bahntunnel nach Wettingen. Bei der letzten Zugsdurchfahrt, nachdem sich die Barriere nochmals gesenkt hatte, vollführte der damals 58-jährige Stadtpolizist und Stadtturner Gusti Müller einen Handstand auf der Barriere. Nach ihm – er trug den Übernamen Handstand-Guschti – wurde in der Folge eines der Lichtsignale auf dem neuen Schulhausplatz benannt.

Bei der zweiten Bauetappe erfolgten die Strassenbauten beidseits des Schlossbergs. Auf dem alten Bahntrassee Richtung Zürich entstand die Neuenhoferstrasse. Der Bau eines Velotunnels am Schulhausplatz galt als besonders innovativ; er wird heute längst nicht mehr so oft befahren wie damals und fällt jetzt dem neuen Bustunnel zum Opfer. Nachträglich wurde beim Sanierungsprojekt die Mellingerstrasse stadteinwärts auf drei Spuren erweitert.

Weitere Projekte tauchten auf

Mit der Vollendung der grossen Verkehrssanierung tauchten aufgrund der damaligen Wachstumsprognosen neue Grossprojekte auf. Baden erhielt eine Autobahn mit zwei Anschlüssen. Der «Grosse Ring» wurde neu aufgegriffen; dabei handelte es sich um eine Umfahrung des Zentrums über die Siggenthalerbrücke, durch den Martinsberg- und den Kreuzlibergtunnel, eine zweite Spange über Ennetbaden nach Wettingen und eine Transitstrasse oberhalb der Mellingerstrasse. Das Projekt wurde nicht weiter verfolgt. Dafür wurden Teile der Innenstadt zu Beginn der Siebzigerjahre zu einer der ersten Fussgängerzone in der Schweiz. Der Erweiterung der Hochbrücke Anfang der Neunzigerjahre folgten noch der Bau der Siggenthalerbrücke und der Tunnelumfahrung Ennetbaden.

Quellen: Badener Neujahrsblätter 1957, 1962, 2002, Schweiz. Bauzeitung 1968, Schweiz. Zeitschrift für Vermessung.