Es muss nach verbranntem Holz gerochen haben: Aus den Schornsteinen der dicht bebauten Stadt quillt Rauch. Über das Kopfsteinpflaster vor dem Hauptbahnhof huschen Fussgänger; die Männer tragen, je nach sozialem Status, Zylinder, Hut oder Schirmmütze, die Frauen lange Röcke. Dazwischen fahren Velos, elektrische Strassenbahnen, Pferdekutschen, Handkarren – und hie und da rollt mal eine Kutsche ohne Pferd durch die Bahnhofstrasse: Das Automobil ist noch eine Ausnahmeerscheinung in Zürich, 1914. Dafür lassen Lokomotiven in der Bahnhofshalle Dampf ab.

Szenen wie diese aus dem Alltag vor 100 Jahren zeigt eindrücklich ein Kurzfilm unter dem Titel «Zürich 1914», der auf Youtube zu finden ist. Die Datierung dürfte korrekt sein: Die letzte Sequenz des Films bildet in flackerndem Schwarz-Weiss den Stapellauf des Zürichsee-Dampfschiffs «Stadt Rapperswil» ab – ein Ereignis, das nachweislich 1914 stattfand. Auch das im selben Jahr eröffnete Universitäts-Hauptgebäude ist in dem Film zu sehen. Doch was prägte das Alltagsleben der Zürcherinnen und Zürcher damals, als der Erste Weltkrieg ausbrach?

Während in Basel nachts das bedrohliche Donnern der Kanonen von den Schlachtfeldern im Elsass zu hören war, sorgten sich die Zürcher vor allem ums Essen und ums Geld. Bei Kriegsausbruch kursierten Gerüchte, wonach die Ersparnisse auf den Bankkonten bedroht oder Lebensmittelgeschäfte ausverkauft seien.

(Quelle: Youtube/Patrik Süess)

Zürich 1914

Hamsterkäufe und Bankenkrise

Es kam zu Hamsterkäufen; viele hoben ihr Erspartes ab und wechselten es in silberne Fünfliber und goldene 20-Franken- Stücke, wie im soeben erschienenen historischen Sammelband «Kriegs- und Krisenzeit. Zürich während des Ersten Weltkriegs» nachzulesen ist. Der damalige Stadtpräsident Robert Billeter mahnte im «Tagblatt der Stadt Zürich» zur Besonnenheit: «Die Verkaufsstellen von Lebensmitteln und die Kassen der Banken und der Post werden belagert und mit Begehren bestürmt, die unbegründet sind», liess er auf der Frontseite verlauten.

So ganz unbegründet waren die Sorgen indes nicht. Zwar gab es während der Kriegsjahre hierzulande immer noch etwas zu essen. Doch die Preise für Lebensmittel stiegen massiv an. Das 1917 erschienene «Statistische Jahrbuch der Stadt Zürich» für die Jahre 1914–16 listet ausdrücklich aus diesem Grund seitenweise die Preise aller damals gängigen Lebensmittel im Detail auf. Die Listen jener Jahre zeigen: Die Fleischpreise verdoppelten sich. Weniger stark, aber trotzdem markant, stiegen auch die Preise für Milchprodukte, Eier und Gemüse an. Die Behörden legten Höchstpreise fest und stellten Wucher unter Strafe.

Die unmittelbar nach Kriegsausbruch gegründete bürgerliche Frauenzentrale Zürich nahm sich ebenfalls des Themas an: Sie sammelte auf den Märkten Gemüse, um es an Bedürftige weiterzuverteilen. Aus den Annalen der Frauenzentrale ist überliefert, dass es auf Märkten in Zürich zu wüsten Szenen kam, bei denen Arbeiterfrauen den Bäuerinnen vor Hunger das Gemüse entrissen.

Wie sehr die sozialen Schichten ohnehin schon auseinanderklafften, zeigt ein Detail der Wohnungsstatistik aus dem erwähnten Statistischen Jahrbuch: Während Badezimmer in den bürgerlichen Stadtkreisen 1 und 6 in knapp 90 Prozent aller Neubauwohnungen Standard waren, verfügte im Kreis 5, wo die Arbeiter zu Hause waren, erstmals im Zeitraum 1911–15 mehr als die Hälfte der Neubauwohnungen über Badezimmer.

Massiv mehr Sozialhilfebezüger

Die Not der Unterschichten nahm in den Kriegsjahren zu: 1914 wurden in Zürich 10 Prozent der Steuereinnahmen für Sozialhilfe eingesetzt; bis 1919 stieg der Anteil auf knapp 40 Prozent. Die sozialen Gegensätze in der Stadt waren mit ein Grund, warum Zürich bei Kriegsende im November 1918 zum Zentrum des Landesstreiks wurde. Hinzukam, dass die Limmatstadt seit dem 19. Jahrhundert Fluchtpunkt revolutionärer Köpfe aus dem Ausland war. Prominentestes Beispiel: Lenin lebte von 1916 bis 1917 in Zürich, ehe er nach Russland aufbrach, um Revolution zu machen. Und eine Gruppe von Künstlern, die vor den Kriegsgräueln nach Zürich geflohen waren, gründete unweit von Lenins Wohnung in der Zürcher Altstadt 1916 das «Cabaret Voltaire». Es wurde die Geburtsstätte des Dadaismus, der die moderne Kunst revolutionierte.

1918 marschierte die Armee ein

Die sozialen Gegensätze und die Offenheit der Limmatstadt für radikal Andersdenkende bilden den Hintergrund des Landesstreiks in Zürich. Anders als die Streikführer vom Oltner Aktionskomitee unter Robert Grimm drängten führende Zürcher Sozialdemokraten wie Ernst Nobs darauf, den Streik durchzuziehen, auch als der Bundesrat und die Armeeführung mit Waffengewalt drohten. Nobs war bitter enttäuscht, dass die Streikenden nach wenigen Tagen aufgaben, als die Armee in Zürich einmarschiert war.

Die Forderungen der Streikenden wirken aus heutiger Sicht alles andere als revolutionär: Frauenstimmrecht, Alters- und Invalidenversicherung und 48-Stunden-Woche zählten zu den zentralen Punkten. Ihre Verwirklichung ist aus heutiger Sicht selbstverständlich.

Und noch eine Spätfolge jener hektischen Zürcher Tage im November 1918 bleibt zu erwähnen: Ernst Nobs wurde in den 1930er-Jahren zunächst Zürcher Regierungsrat und Stadtpräsident, 1944 dann erster sozialdemokratischer Bundesrat. An der Erkenntnis, dass die Arbeiterbewegung verstärkt ins politische Geschehen einzubeziehen sei, führte nach den Erfahrungen am Ende des Ersten Weltkriegs kein Weg mehr vorbei.

Buchtipp Kriegs- und Krisenzeit. Zürich während des Ersten Weltkriegs. Herausgeber: Erika Hebeisen, Peter Niederhäuser
und Regula Schmid. Chronos Verlag, Zürich 2014.