Leben vor 100 Jahren (5) Die Schulklassen sind gross und die Budgets klein

Auf dem Land ist die Sek das Ziel

Um 1914 ist die moderne Volksschule noch keine 100 Jahre alt. Trotzdem befindet sie sich bereits in einem starken Wandel. Grund ist ein neues Gesetz.

Als der Dietiker Jakob Grau Mitte der 1890er-Jahre die Sekundarschule besucht, ist das noch etwas Besonderes. «Das war für manche begabte Schüler noch nicht selbstverständlich wie heute; war es doch der Kostenpunkt, der keine nebensächliche Rolle spielte», schreibt Grau in seinen Jugenderinnerungen. Gemeint sind die Schulmittel, die noch von den Eltern berappt werden müssen. Auf 30 bis 35 Franken beziffert Grau die Anschaffung aller notwendigen Materialien, das bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 115 bis 210 Franken eines Arbeiters. Minutiös müssen die Schüler Buch führen über den Verbrauch von Bleistiften, Federn oder Heften.

Doch schon bald wird sich das ändern. Wie überhaupt das Schulwesen im Kanton Zürich einen Wandel erfahren wird. Mit dem neuen Volksschulgesetz von 1899 kosten die Lehrmittel nichts mehr. Gleichzeitig wird die Schulpflicht auf acht Jahre ausgedehnt.

Zu diesem Zeitpunkt ist die moderne Zürcher Volksschule noch keine 100 Jahre alt. Ihre Gründung geht auf 1832 zurück. In diesem Jahr tritt im Kanton Zürich das Gesetz über die Organisation des Volksschulwesens in Kraft. Die Schule wird von der Kirche losgelöst und zur selbstständigen Organisation. Die obligatorische Volksschule ist in die Elementarschule und die Realschule gegliedert. Sie entsprechen der späteren Unterstufe beziehungsweise der späteren Mittelstufe. Zusammen bilden sie die Alltagsschule mit einer wöchentlichen Unterrichtszeit von 27 Stunden. Der Besuch der 1833 eingeführten Sekundarschule ist noch freiwillig und bis 1872 kostenpflichtig.

Ab 1899 gliedert sich die Zürcher Volksschule neu in die Primarschule und die Sekundarschule. Schulbeginn ist jeweils Anfang Mai. Das Eintrittsalter liegt bei sechs Jahren. Unterrichtet wird während 43 Wochen pro Jahr. Insgesamt haben die Schüler neun Wochen Ferien. In der ersten Klasse wird zwischen 15 und 20 Stunden wöchentlich unterrichtet. In der siebten und achten Klasse sind es zwischen 27 und 33 Stunden pro Woche.

Auf dem Stundenplan stehen Fächer wie Muttersprache, Lesen, Schreiben, Rechnen. Teilweise wird auch Geografie und Geschichte unterrichtet. Der neue Lehrplan von 1905 steht ganz im Zeichen der Reformpädagogik. Neben dem Intellekt soll neu auch die körperliche und emotionale Bildung gefördert werden. Knaben erhalten unter anderem Handarbeitsunterricht. Gelehrt werden Techniken wie Hobeln, Holzschnitzen oder Kartonagearbeiten. Bei den Mädchen wird das Turnen weiter ausgebaut.

Die Kantonsschule ist teuer

Für gute Schüler bietet sich nach der sechsten Klasse der Wechsel in die Sekundarschule an. Dort werden im Gegensatz zur siebten und achten Klasse der Primarschule eine oder zwei Fremdsprachen gelehrt. Sie ist schon bald Ziel vieler Schüler, weil sie bessere Aufstiegschancen bietet. Ab dem 12. Altersjahr besteht auch die Möglichkeit, an die Kantonsschule zu wechseln. Voraussetzung ist das Bestehen der Aufnahmeprüfung. Das Einschreibegeld ist auf sechs Franken festgelegt. Dazu kommen eine jährliche Sammelgebühr von sechs Franken sowie ein halbjährliches Schulgeld von 15 Franken für die ersten vier und 24 Franken für die fünften bis siebten Klassen.

Das neue Schulgesetz sorgt in verschiedenen Limmattaler Gemeinden für Bewegung im Bildungswesen. Denn neben der Ausdehnung der Schulpflicht bringt es noch weitere Änderungen mit sich. Etwa jene, die es verbietet, konfessionell getrennte Schulen zu führen. In Dietikon müssen deshalb die reformierte und die katholische Schule vereinigt werden. Die neu formierte Schule findet schliesslich ihren Platz im Zentralschulhaus, das 1909 bezogen werden kann.

Eine andere Herausforderung bildet die neue Vorschrift, dass nur noch maximal 70 Schüler gleichzeitig unterrichtet werden dürfen. Steigt diese Zahl, muss eine neue Lehrerstelle geschaffen werden. In Oberengstringen wird das schon bald zum Problem. Bereits 1904 besuchen 84 Schüler den Unterricht, davon 23 aus dem Rütihof oberhalb von Höngg. Die Bezirksschulpflege verpflichtet die Gemeinde deswegen, eine zweite Lehrerstelle zu schaffen. Gegen ihren Willen setzt sie die Anordnung um. Neben einer weiteren Person auf der Gehaltsliste sind nun auch bauliche Massnahmen vonnöten. Für die armen Gemeinden ist das eine grosse finanzielle Belastung. Man behilft sich damit, die Lehrerwohnung in ein Schulzimmer umzurüsten.

Sek wirbt um Schüler

Überhaupt bleibt der Schulraum ein fortwährendes Thema. Besonders in Schlieren und Dietikon, wo im Zuge der Industrialisierung die Bevölkerung stetig anwächst, müssen immer wieder neue Unterrichtslokale gesucht und auch Lehrer eingestellt werden. Immerhin verbessert sich für die Schlieremer Sekundarschüler zur Jahrhundertwende die Situation. Ab 1901 befindet sie sich im neu eröffneten Grabenstrasse-Schulhaus. Der lange Weg nach Altstetten ist Geschichte.

Rechts der Limmat hat die Sekundarschule in Weiningen ganz andere Sorgen. Sie muss förmlich um Schüler werben und steht kurz vor dem aus. Die Lage bessert sich erst um 1910. Neben Schülern aus Oetwil, Geroldswil, Weiningen und Unterengstringen besuchen auch solche aus Oberengstringen den Unterricht. Sie müssen allerdings einen Beitrag von fünf Franken an die Lehrmittel bezahlen.

All diese Probleme sind allerdings nur ein Vorbote für die Herausforderungen, welche die Schule mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu bewältigen hat.

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