Mein Lieblingswerk

Leonhard Burckhardt: «Die Vitalität hat wunderbarerweise überlebt»

Marc Chagalls «La prisée (Der Rabbiner)», 1923 bis 1926, Öl auf Leinwand, 116.7 x 89.2 Zentimeter.

Marc Chagalls «La prisée (Der Rabbiner)», 1923 bis 1926, Öl auf Leinwand, 116.7 x 89.2 Zentimeter.

Leonhard Burckhardt, Präsident der Kunstmuseum-Freunde, wählt Marc Chagalls «La prisée (Der Rabbiner)» als sein Lieblingswerk aus dem Kunstmuseum.

«Macht der Mann im Bild eine kleine Pause vom intensiven Buchstudium? Seine Hände wirken allerdings nicht wie die eines Gelehrten, sondern währschaft. Gewohnt, auf dem Feld oder in der Werkstatt zuzupacken. Jetzt aber hantiert der Rabbiner mit einer Schnupftabakdose und gönnt sich eine Prise – wahrscheinlich ein bescheidener Luxus in der Welt des osteuropäischen Schtetls, in die uns das Bild führt.

Prägende jüdische Kultur

Der Künstler Marc Chagall entstammte dem osteuropäischen Judentum und kannte ausgezeichnet, was er malte, auch wenn es in diesem Fall nur der Erinnerung (und einer Vorlage aus eigener Hand) geschuldet war. Das Gemälde schuf er nämlich im Paris der Mitte 1920er Jahre; kurz zuvor hatte er zusammen mit Gattin und Tochter sein Herkunftsland verlassen – von den Folgen der Oktoberrevolution enttäuscht.

Die jüdische Kultur seiner weissrussischen Heimat blieb für ihn jedoch prägend, was sich auf dem Bild in den wenigen Details wie dem Davidstern auf dem Wandteppich oder der angedeuteten Menora in der Bildecke links oben zeigt. Der Mann selbst ist durch Kippa, Schläfenlocken und Bart in seiner Zugehörigkeit zum Judentum bezeichnet, seine Funktion durch das Buch betont. Dessen unterschiedliche Seitengrössen, aber auch die Farbgebung oder die verschobenen Schulterhöhen heben die Figur allerdings in eine leicht surreale, aus dem eigenen Kosmos hinausweisende Sphäre, die durch ihren ein wenig verschmitzten, den Betrachter direkt ins Auge fassenden Ausdruck zart konterkariert wird.

Untergegangene Welt

Ich erinnere mich nicht mehr daran, was mich als Gymnasiast an diesem Bild vor vielen Jahren so faszinierte, dass ich es auswählte, als im Deutschunterricht ein Aufsatz über ein Werk im Museum zu verfassen war. Heute ziehen das malerische Können Chagalls in den Bann, aber auch das Wissen darum, dass dieses wie auch viele andere seiner Gemälde von einer untergegangenen, einer ermordeten Welt zeugen. Die künstlerische Vitalität Chagalls war stärker und hat wunderbarerweise überlebt.»

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