«Berglandschaften haben mich schon immer fasziniert. Als Junge, der östlich des Eisernen Vorhangs in Halle (Saale) als Flachlandindianer aufwuchs, besass ich zwei Alpen-Alben. Das eine mit alten Postkarten hatte mir mein Grossvater anvertraut. Das andere entstand aus den Verpackungen von Swiss Premium Mini-Schokoladentäfelchen mit Panorama-Ansichten. Meine Eltern bekamen sie regelmässig von Freunden aus Bern geschenkt. Ich schnitt die alpinen Berglandschaften aus, klebte sie geografisch geordnet ins Album und begab mich auf Traumwanderungen zu schneebedeckten Gipfeln.

Empfindlich gestört wurden diese Ausflüge einige Jahre später, als ich eine Ausgabe von Ernst Ludwig Kirchners Davoser Tagebuch mit Zeichnungen des Malers in die Hände bekam. Eine abstrakt surreale Bildsprache strömte mir entgegen – expressive Farbexplosionen aus Pink-, Giftgrün, Blau- und Lavendeltönen. Massive Felswände begannen sich bei näherer Betrachtung zu bewegen. Diese Bilder hatten mit meinen fotografischen Vorlagen nichts gemeinsam. Sie strahlten eine viel stärkere magische Anziehungskraft aus, die ich mir nicht erklären konnte.

Die Verbindung Halle–Davos

Erst später erfuhr ich, dass es eine direkte Verbindung zwischen den Davoser Bergen und meiner Heimatstadt gab. Kirchner hatte sich als Soldat für den Ersten Weltkrieg gemeldet und kam 1915 zur Militärausbildung nach Halle. Schon nach wenigen Wochen erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und wurde entlassen. Er trank bis zur Besinnungslosigkeit, betäubte sich mit Tabletten und Morphium. Die in dieser Zeit entstandenen Selbstporträts gehören sicherlich zu den ergreifendsten Darstellungen existenzieller Angst und Verzweiflung. Entziehungskuren in deutschen Sanatorien blieben erfolglos. Lähmungserscheinungen der Gliedmassen und Bewusstseinsstörungen führten ihn an den Rand des Todes. 1918 dann die Rettung: Kirchner verliess Deutschland und begann ein neues Leben in Davos.

Die Darstellung der Natur, der Bergwelt und ihrer einfachen Bewohner rückte nun ins Zentrum seines künstlerischen Schaffens. Sie steht symbolisch für eine Vision von der inneren Erneuerung von Körper und Seele. Doch Kirchners Utopie von Vollkommenheit und innerer Ruhe schliesst die ‹erlebte› Realität nicht aus. Sie baut eher auf durchlebte Erfahrungen auf und möchte durch Steigerung des Ausdrucks Neues entstehen lassen. Das ist das Faszinierende.

Sein Bild ‹Amselfluh› ist für mich das eindrücklichste Ergebnis dieser Auseinandersetzung. Die Formen der Berge werden stark vereinfacht zu abstrakten Gebilden, die miteinander ins Gespräch kommen. Mit wellenförmigen Bewegungen scheinen sie zum Leben erweckt. Noch stärker zeigt sich das im wogenden Schneemassiv, in dessen Mitte ein kleines dunkles Männlein in ein Kuhhorn bläst. Doch der Klang kommt von der illuminierten Natur, den singenden Bergen und glühenden Schneefeldern. In Stefan Schwieterts wunderbarem Film ‹Heimatklänge› gibt es eine vergleichbare Szene, in der man Christian Zehnder und Balthasar Streiff – damals noch als Duo Stimmhorn – in die Berge ziehen sieht, um der Natur ihre Klänge abzulauschen, die sie dann neu komponieren. Schon bei Kirchner ist das Naturerlebnis Ausgangspunkt, aber auch nicht mehr als Anregung, um die Natur komplett umzugestalten und aus der inneren Vorstellung und Erlebniswelt etwas Neues entstehen zu lassen. Das unterscheidet die Kunst von der technischen Reproduzierbarkeit, die Malerei von einer Ansichtskarte oder einer Schokoladenverpackung. Die Alpen-Alben besitze ich trotzdem noch.»