Kevin Pezzoni, was verschlägt einen ehemaligen Profi der Bundesliga in die Provinz zum FC Wohlen?

Kevin Pezzoni: Wohlen ist für mich so etwas wie ein Neuanfang. Die skandalösen Vorfälle, die ich beim 1. FC Köln erlebte, haben Spuren hinterlassen. Die Zeit nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga vor zwei Jahren war für mich ein Horror. Die Fans haben mich zum Sündenbock für das Tief gemacht. Schliesslich ist das Ganze ausgeartet.

Was ist passiert? Erzählen Sie …

… ich wurde von Kölner Anhängern während eines Heimspiels gegen Erzgebirge Aue bespuckt. Beleidigungen sind für mich kein Problem, aber bespucken lasse ich mich nicht. Es gab Leute, die warteten vor meinem Haus und haben mich aufs übelste beschimpft. Das ging so weit, dass sich meine Frau nicht mehr vor die Türe gewagt hat. Es gab eine Facebook-Gruppe, die Stimmung gegen mich machte und während des Karnevals wurde ich tätlich angegriffen. Man hat mir das Nasenbein gebrochen. Ich musste etwas tun. Das Verrückte an der Sache ist – ich weiss nicht, warum mich die Fans als Opfer aussuchten.

Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Was heisst Angst? Ich fühlte mich extrem unwohl, extrem unsicher. Mir wurde empfohlen, einen Privatschutz zu engagieren. Als ich eines Tages ins Training kam, waren da jede Menge Polizisten. Die kamen meinetwegen. Der Verein hatte im Internet gesehen, dass 200 Kölner Fans mich aufmischen wollten. Das ging zu weit. Ich beschloss, den 1. FC Köln zu verlassen.

Hatten Sie überhaupt noch Lust auf Fussball?

Die Lust ist mir am Anfang tatsächlich vergangen. Nach den Stationen Erzgebirge Aue und Saarbrücken, wo ich auch nicht richtig glücklich wurde, wollte ich nicht mehr in der Bundesliga spielen. Ich zog einen Schlussstrich und hatte nur noch einen Wunsch – raus aus Deutschland.

Dann kam Trainer Ciriaco Sforza und holte Sie zum FC Wohlen.

Richtig. Ciriaco Sforza nahm mit meinem Vater Kontakt auf. Mein Vater ist mein Manager. Nach kurzer Zeit einigten wir uns mit Mittelsmann Orazio Ferranti auf einen Zweijahresvertrag.

Hatten Sie andere Angebote?

Ja. Servette und Schaffhausen wollten mich auch verpflichten.

Warum machte der FC Wohlen das Rennen?

Es war einerseits ein Bauchgefühl, anderseits spürte ich, dass mich der FC Wohlen unbedingt verpflichten wollte.

Worin liegt der Reiz des FC Wohlen?

Für mich liegt der Reiz darin, mit einer willigen Mannschaft und einem ehrgeizigen und erfolgsorientierten Trainer für Überraschungen zu sorgen. Ciriaco Sforza ist ein Vertreter der jungen Trainergeneration. Er spricht die Sprache der Spieler und ist nahe beim Team. Er ist ein hervorragender Motivator.

Welche Rolle spielen Sie? Sie gelten als neuer Star des FC Wohlen.

Was heisst schon Star? Ich bin ein Teilchen in einem grossen Puzzle. Eines ist klar: Im Fussball ist der Weg vom Helden zum Deppen kurz. Ich habe das am eigenen Leib erfahren. Dank der Erfahrung kann ich beim FC Wohlen ein Führungsspieler sein.

Was sagen Sie zum aktuellen Höhenflug mit drei Spielen und 9 Punkten?

Das ist nicht mehr als eine schöne Momentaufnahme. Ich kenne die Challenge League noch zu wenig, um mir ein Urteil über das Stärkeverhältnis der Teams zu bilden. Bei Wohlen stimmt die Mischung aus Routiniers und Talenten. Ich spüre, dass die Spieler hungrig und bissig, ja sogar erfolgsgeil sind.

Erfolgsgeil?

Ja, erfolgsgeil. Ciriaco Sforza hat beim 1. FC Kaiserslautern und Bayern München gespielt und grosse Erfolge gefeiert. Er ist extrem selbstbewusst, will immer gewinnen und macht alles dafür. Er geht nie den Weg des geringsten Widerstands. Diese Erfolgsgeilheit des Trainers überträgt sich auf die Mannschaft.

Was ist für den FC Wohlen in dieser Saison möglich?

Das kann man noch nicht sagen. Wir wollen oben mitspielen. Momentan haben wir einen Lauf. Alles ist möglich. Wer weiss? Vielleicht gelingt am Schluss der grosse Coup.

Der grosse Coup?

Den Aufstieg natürlich. Aber lassen wir die Kirche erst einmal im Dorf.

Würden Sie auf den Aufstieg eine Wette riskieren?

Nein. Das wäre vermessen.

Aber Sie würden wetten, dass der FC Wohlen nicht absteigt.

Ja. Diese Wette würde ich eingehen. Und ich würde sie gewinnen. Mit Sicherheit.