Lucien Tschachtli sitzt in der VIP-Lounge im Stadion Niedermatten. Der Präsident des FC Wohlen nimmt sich zweieinhalb Stunden Zeit für ein Interview. Gegen Ende des Gesprächs zieht der bald 67-Jährige genüsslich an einer Zigarette, lächelt sanft und sagt: «Der FC Basel als Gast in Wohlen? Da lacht einem Bebbi wie mir natürlich das Herz. Ich hoffe auf ein Fussballfest ohne Zwischenfälle, auf gutes Wetter und natürlich auch auf einen Sieg des FC Wohlen.»

Für Tschachtli ist der heutige Cup-Achtelfinal gegen den Schweizer Meister und Champions-League-Teilnehmer etwas Besonderes. Er ist in Basel aufgewachsen, ging dort zur Schule und zügelte erst im Alter von 22 Jahren in den Aargau. Seine Sportart Nummer eins ist Handball. Fussball spielte er kurzzeitig bei den Old Boys. Vor 40 Jahren hätte Tschachtli nicht im Traum daran gedacht, dass er einst eine tragende Rolle beim FC Wohlen übernehmen wird. Exakt das ist passiert: Tschachtli ist seit Mitte Mai dieses Jahres der Anführer. Er stellte auf diese Saison hin zusammen mit Trainer Ciriaco Sforza eine Mannschaft zusammen, die es an die Spitze der Challenge League schaffte. Dank dem Erfolgsduo darf man im Umfeld des Klubs momentan davon ausgehen, dass zumindest die Zeit des lästigen Abstiegskampfs endlich vorbei ist.

Chance nutzen

Zurück zum fussballerischen Leckerbissen gegen den FC Basel. Hat der FC Wohlen eine Chance? «Man hat immer eine Chance. Man muss sie nur nutzen», sagt Tschachtli mit einem Augenzwinkern. Die sportliche Seite ist nur ein Aspekt. Weil der FC Wohlen wirklich nicht im Geld schwimmt und das Budget von 2,35 Millionen Franken wegen der Rang- und Punkteprämien ins Wanken geraten ist, erhofft man sich vom Spiel des Jahres einen satten Gewinn. Sollte man den grossen FCB tatsächlich schlagen und die Viertelfinal-Qualifikation schaffen, gäbe es vom Schweizerischen Fussballverband (SFV) eine Prämie von 75 000 Franken. Und was bekommen die Spieler, wenn sie den Coup schaffen? «Darüber reden wir, wenn es so weit ist», sagt Tschachtli. Hakt man nach, lässt er durchblicken, dass im Erfolgsfall wohl rund ein Drittel der SFV-Prämie in die Mannschaftskasse fliessen würde.

Tschachtli hat beim FC Wohlen eine neue Ära eingeläutet. Und das, obwohl er erst seit acht Jahren zur Führungscrew zählt. Bis im Mai dieses Jahres stand der Unternehmer im Schatten von René Meier und Andy Wyder. Tschachtli sorgte in der Vergangenheit dafür, dass der Finanzhaushalt einigermassen im Gleichgewicht geblieben ist. Nach den Rücktritten von Meier und Wyder ist er das Alphatier. Und fühlt sich in der neuen Rolle gar nicht mal so schlecht. Glücklicherweise ist er alles andere als ein Selbstdarsteller. Es geht ihm stets um die Sache, sprich um den FC Wohlen als Ganzes. Tschachtli strebt denn auch nicht den kurzfristigen Erfolg an. Er hat einen Dreijahresplan ausgearbeitet. Um auf Dauer erfolgreich zu sein, wurden in den vergangenen Monaten mit talentierten Spielern wie Torhüter Joel Kiassumbua langfristige Verträge ausgehandelt. Wer weiss? Vielleicht gelingt schon bald ein Transfer in der Grössenordnung von Dusan Veskovac, der 2008 von Wohlen zum FC Luzern wechselte.

Einsatz für den FC Wohlen

Momentan ist Tschachtli beim FC Wohlen der Alleinherrscher. Mit der Bekanntgabe des neuen Verwaltungsrats in einigen Wochen wird sich das ändern. Das ist gut so, denn langfristig kann er das grosse Arbeitspensum nicht bewältigen. Angesprochen auf die Frage, warum er neben seinem Sitz im Verwaltungsrat auch noch das Amt des Vereinspräsidenten angenommen habe, zögert Tschachtli mit der Antwort. Dann schüttelt er den Kopf, zündet sich erneut ein Nikotinstäbchen an und sagt: «Manchmal frage ich mich auch, warum ich mir das antue. Das Gute an der Sache: Es ist alles zum Wohl des FC Wohlen.»