Liverpool. Anfield Road. Es ist der späte Abend des 9. Dezembers 2014, als die Spieler des FC Basel einer nach dem andern aus den heiligen Katakomben des Fussballtempels treten. Hinter ihnen das famose 1:1 gegen den FC Liverpool. Weihnachten steht vor der Tür, der Moment also, auf das erste Halbjahr unter Paulo Sousa zurückzublicken.

Was war gut? Was war schlecht? Die Meinungen gehen auseinander, doch in einem Punkt sind sich alle einig: Die Wende kam im letzten Moment. Und zwar an einem Ort, der so gar nichts zu tun hat mit dem, an dem die Basler gerade den grössten Triumph der jüngeren Klubgeschichte bejubeln.

Das Schicksalspiel in Wohlen

Bühnenwechsel. Wohlen. Stadion Niedermatten. Tiefste Fussball-Provinz statt Fussball-Mekka. Ein Rasen, der die Bezeichnung nicht verdient. Nebel. Kälte. Der Gegner? Das Team der Stunde in der Challenge League und bis in die Haarspitzen motiviert. Wohlen-Trainer Ciriaco Sforza damals: «Wann, wenn nicht jetzt können wir den besten Klub der Schweiz schlagen?» Als der FC Basel am 29. Oktober 2014 ins Aargauer Freiamt reist, sind die Bananenschalen ausgelegt, alles ist bereit für eine Cup-Sensation.

Das liegt auch daran, dass Rot-Blau damals alles andere als in der gewohnten Herbstform ist. Im Zentrum der Kritik steht Paulo Sousa. Dem Portugiesen wird viel vorgeworfen: ideenloses Gekicke, exzessives Rotieren, ständige Systemwechsel, mangelhafte Kommunikation mit den Spielern, nicht vorhandene Deutschkenntnisse. Nach gutem Start ist der Punkteschnitt in den letzten fünf Spielen auf 1,6 Punkte pro Partie gesunken.

Sousa spürt das und wirkt vor dem Cup-Achtelfinal in Wohlen sehr angespannt. Er spricht mit ernster Miene, sagt nicht mehr als nötig. Er singt zwar noch das ewige Lied vom «Prozess», doch er sagt auch: «Die nächsten Spiele werden wegweisend für den weiteren Verlauf der Saison.»

Was Sousa nicht sagt, aber auch spürt: Rutscht der FCB in Wohlen aus, dann steht er wohl ohne den Portugiesen wieder auf. Das will in der Führungsetage niemand bestätigen. Doch Sportdirektor Georg Heitz sagt nach dem 1:1 in Liverpool einen Satz, der tief blicken lässt: «Wenn wir in Wohlen ausgeschieden wären, dann wäre es richtig unangenehm geworden.»

Die grosse Erleichterung

Die Anspannung spüren auch die Spieler des FC Wohlen. Joël Geissmann: «In der Halbzeitpause war es extrem laut in ihrer Kabine.» Warum? Wohlen überrollt den FCB in den Anfangsminuten, hat vier Riesenchancen und müsste nach 45 Minuten führen. Doch FCB-Ersatzgoalie Germano Vailati erwischt einen Sahnetag und hält den wankenden Favoriten im Spiel.

Noch verrückter: Vorne retten zwei Spieler den Kopf des Trainers, mit denen Sousa sonst während der ganzen Saison nichts anzufangen weiss: Giovanni Sio und Yoichiro Kakitani sorgen mit ihren Toren für die sehr schmeichelhafte 2:1-Pausenführung – Endresultat 3:1.

Nach dem Schlusspfiff lehnt Sousa an einer Wand im engen Kabinentrakt. Er lächelt, tätschelt seinen Spielern die Wange und ballt immer wieder die Faust. Erleichterung pur.

Sieben Tage später: Sousa blickt auf eine Königswoche zurück: Sieg im Cup gegen Wohlen, Sieg in der Super League gegen GC (2:0), Sieg in der Champions League gegen Ludogorez (4:0). Und vor allem: In dieser Phase legt sich Sousa endlich auf ein personelles Gerüst und ein System fest. Die Erfolgswelle trägt Rot-Blau zur Geschichtsstunde an der Anfield Road und schliesslich zum sechsten Meistertitel in Serie.