Das Pro von Daniel Fuchs:

Ein Unantastbarer, so glatt, dass man ihn kaum fassen kann

Roger Federer ist vielleicht der beste Tennisspieler überhaupt. Seine Fans aber neigen zu Aberglaube. Ein Rücktritt wäre deshalb fällig.

Kennen Sie die sogenannten Federer-Momente? Momente, bei welchen es Zuschauern und Kommentatoren gleichermassen den Atem verschlägt und alle sich fragen, ob sie richtig hingesehen haben? Schier aussichtslose Bälle also, die Roger Federer zurück ins Spiel katapultiert und damit seine noch so hochklassigen Gegner alt aussehen lässt.

Ich selber kenne sie nicht, die Federer-Momente. Ich lese nur über sie. Obwohl mich Roger Federer gar nicht interessiert, komme ich nicht um ihn herum. Denn «Fedi» zieht die Journalisten nicht weniger in seinen Bann als ihre Leser. Journalisten sind sogar ganz ausgeprägte Federer-Fans, und so spiegelt sich ihre Anhängerschaft in der schieren Masse der Berichte wider. Wer sich in der Federer-verrückten Schweiz aber als Tennis-Banause outet, der gerät in Erklärungsnot. Und wer auch nur leise Kritik am Hype äussert, der begeht unverständlicherweise Majestätsbeleidigung.

Zwei Gründe, weshalb das so ist: Roger Federer verkörpert den Lieblingsschwiegersohn der Nation. Den liebevollen Familienvater, Strahlemann und Werbeträger – ein Mr. Perfect aus dem Bilderbuch. Auch die US-Skirennfahrerin Lindsay Vonn ist von Federer begeistert. Das wundert niemanden, ist sie doch selber die Miss Perfect des Skizirkus.

Langweilig. Keine Ecken und Kanten. Keine Skandale, keine Ausraster, keine Abgründe. Federer ist ein Unantastbarer, so glatt, dass man ihn kaum fassen kann. Eigentlich gäbe es über ihn also gar nichts zu berichten. Für seine Jünger aber ist Roger Federer eine Art Messias. Sein Talent wird verklärt, die Anhänger rücken die Federer-Momente in die Nähe des Göttlichen. Das nervt. Denn Federer ist kein Messias, kein Überirdischer. Federer ist ein sehr guter Tennisspieler. Vielleicht der Beste überhaupt. Basta.

Nach seiner Niederlage gegen die Weltnummer-Eins, Novak Djokovic, macht Federer in der Lenzerheide Skiferien. Dort will er seinen Töchtern beim Skifahren zusehen. Er selber steigt nicht auf die Skis, zu hoch sei das Verletzungsrisiko. Das spare er sich für die Zeit nach der Karriere auf. Tun Sie es jetzt, lieber Roger Federer? Sie haben alles erreicht. Treten Sie ab und bringen Sie Ihren Töchtern selber das Skifahren bei. Dann werden wir auch diesen metaphysischen Schwachsinn los.

Das Kontra von Michael Wehrle:

Roger Federer dient den Medien als Quotenheini

Der Tennisstar lässt sich trefflich vermarkten, auch wenn es gar nichts Relevantes über ihn zu melden gibt.

Die Frage nach dem Rücktritt von Roger Federer ist so unsinnig wie überflüssig. Roger Federer ist ein freier Mensch und im Gegensatz zu einem Politiker niemanden Rechenschaft schuldig. Er ganz alleine entscheidet, wann für ihn die Zeit gekommen ist, dem Spitzensport Adieu zu sagen. So wie die Rolling Stones ihren Abschied geben, wann es ihnen passt. Und kein Mensch fordert ihren Rücktritt, auch wenn die alten Herren längst nicht mehr den Drive ihrer besten Tage haben.

Doch eigentlich geht es gar nicht um den Rücktritt von Federer. Es geht schlicht um seine Person. Federer ist mit Abstand der bekannteste Schweizer, im Ausland schlichtweg das Gesicht der Schweiz. Laut einer Studie des vergangenen Jahres kennen 90 Prozent der Deutschschweizer Federer, ihm am nächsten kommt noch DJ Bobo mit 85 Prozent. 80 Prozent finden Federer sympathisch. Die klassischen Neider bilden eine kleine Minderheit, genauso wie die fanatischen Anhänger, die nur den Hauch einer Kritik schon als Gotteslästerung empfinden.

Federer polarisiert also kaum, doch Federer zieht, erweckt Aufmerksamkeit. Schon vor sechs Jahren wollte sich deshalb ein Kollege mit der Forderung, Roger Federer und Martina Hingis an den Herd, profilieren. Dabei hatte der gute Mann, der heute bei der «Schweizer Illustrierte» arbeitet, vom Sport und speziell Tennis noch weniger Ahnung als der Durchschnittsbürger von Einsteins Relativitätstheorie. Die Wettschulden, Federer gewinnt nie mehr ein Grand-Slam-Turnier, ist er übrigens bis heute grosszügig schuldig geblieben.

Federer ist also immer ein Thema. Weil er aber weitgehend skandalfrei ist, bleibt nur der Sport. Das reicht aber nicht immer, besonders wenn er einige Wochen lang nicht die ganz grossen Triumphe feiert. Da schiessen dann Spekulationen ins Kraut, wie er denn seine Zwillinge gezeugt habe oder, dass die nächsten Federer-Kinder bereits geplant seien. Oder halt, wann er den endlich zurücktrete. Bei Simon Ammann schafft es diese Frage höchstens in den Sportteil, er ist nicht sexy genug. Bei Federer wird eine solche These zum grossen Thema. Dabei ist die Frage so relevant wie die Farbe seiner Socken beim nächsten Turnier: schwarz oder weiss? Hauptsache, jeder kann seinen Senf dazugeben.