Droht Ihrer Familie eine Zerreissprobe?

Marco Streller: Weil wir am nächsten Dienstag gegen Real Madrid spielen?

Ja, Ihr sechsjähriger Sohn Sean Lionn soll ein grosser Fan von Cristiano Ronaldo sein.

Wahrscheinlich wird nicht nur mein Sohn hin- und hergerissen sein. Denn Cristiano Ronaldo hat eine extreme Wirkung auf die Jungen. Mein Sohn wünscht sich ein Unentschieden zwischen Basel und Real. Damit wäre ich einverstanden.

Hat Ihr Sohn gejubelt, als dem FCB Real Madrid zugelost worden ist?

Ja, ja. Wir haben alle gejubelt. Es ist ein Traum in Erfüllung gegangen – für mich und alle, die mit dem FC Basel etwas zu tun haben.

Warum ist Real das Nonplusultra?

Bei allem Respekt, den ich vor Klubs wie Bayern München, Barcelona, Chelsea oder Manchester United habe: Real Madrid ist noch etwas mehr. Das sind die Ausserirdischen, die Galaktischen. Real hat einen Glanz, wie ihn kein anderer Klub versprüht. In den letzten zwölf Jahren hat der FCB gegen fast alle grossen europäischen Teams gespielt. Aber Real ist der ganz, ganz Grosse, der uns bisher noch gefehlt hat.

Welche Wirkung hat Cristiano Ronaldo auf Sie?

Für mich ist er seit Jahren der absolut beste Spieler der Welt. Man hört immer wieder von Mitspielern Ronaldos, wie ehrgeizig, seriös und teamfähig er sei. Ich habe von vielen gehört, die gegen ihn gespielt haben, dass er sie für einen guten Pass gelobt hat. Ich denke, Ronaldo ist ein ganz normaler Typ. Und dazu ein überragender Fussballer. Ich habe höchste Achtung vor ihm.

Aber Ronaldo war an der WM eine tragische Figur.

Er war definitiv nicht fit, weil er einen anderen Traum verwirklichen wollte: Mit Real Madrid die Champions League zu gewinnen. Ronaldo ist auch nur ein Mensch. Das hat diese WM gezeigt.

Werden die Superstars überstrapaziert?

Ronaldo absolviert gegen 80 ernst zu nehmende Spiele pro Saison. Auf diesem Niveau kann man das nicht durchhalten.

Kommt dazu, dass die Spieler zu Marketing-Zwecken unmittelbar nach dem Titelgewinn auf einem fernen Kontinent ein Testspiel bestreiten müssen.

Das ist so. Die astronomischen Transfersummen und Gehälter müssen irgendwie finanziert werden. Das Business wird immer grösser. Aber man sollte trotzdem mehr Rücksicht auf die Gesundheit der Spieler nehmen. Generell denke ich, dass es punkto Taktik und Technik kaum mehr Steigerungspotenzial gibt. Raum zur Steigerung sehe ich einzig noch im Bereich Regeneration, Ernährung und mentale Stärke. Alles andere ist ausgereizt.

Wie gehts denn Ihrem Körper?

Gut. Verglichen mit ehemaligen Weggefährten, die mit 33 stets mit Schmerzen aufgewacht sind, sogar hervorragend.

Worauf führen Sie ihre gute Verfassung zurück?

Ich hatte während meiner Karriere nicht immer den intensiven Rhythmus der letzten fünf Jahre. Die Auszeiten während der Verletzungen kommen mir heute entgegen.

Und Sie haben mit 17 noch nicht auf höchstem Niveau gespielt.

Auch das kann ein Vorteil sein. Denn man hat nur etwa zehn, zwölf Jahre Spitzenfussball in sich drin.

Trotzdem: Irgendwann waren Sie nicht mehr der talentierte Fussball-Lebemann. Kam dieser Prozess mit der Rückkehr zum FC Basel in Gang?

Auslöser dafür war die Geburt meines Sohnes. Ich teile meine Karriere in drei Phasen ein. Die erste war jene der Unbekümmertheit. Die zweite Phase war jene in der Bundesliga nach meinem Beinbruch. Stuttgart hat mich für viel Geld verpflichtet. Aber ich konnte nicht die erwarteten Leistungen bringen. Und ich habe auch nicht immer für den Beruf gelebt, was mir mein Körper aber noch verziehen hat. Ich musste lernen, mit Gegenwind umzugehen. Danach folgte die dritte Phase mit der Geburt meines Sohnes und der Rückkehr nach Basel. Ich wusste fortan: Kinder sind der Sinn des Lebens. Mit der Verantwortung für ein Kind wurde ich erwachsen. Und diese Ausgeglichenheit widerspiegelt sich auch in den Leistungen auf dem Feld.

Was passiert, wenn Sie eineinhalb Stunden vor einem Spiel von Ihrer Frau benachrichtigt werden, dem Jungen gehe es schlecht?

Dann würde ich meine Tasche packen und nach Hause gehen.

Klammern wir mal Real Madrid aus: Was hätten Sie verpasst, wenn Sie Ihre Karriere Ende der letzten Saison abgeschlossen hätten?

Solange ich noch Freude habe und leistungsmässig genüge, wäre ich unglücklich ohne Fussball. Ausserdem hatte ich das Gefühl, der Mannschaft weiterhin helfen zu können, und Murat Yakin hat sich ebenfalls dafür eingesetzt, dass ich meinen Vertrag verlängere. Verpasst hätte ich . . .

. . . einen neuen Trainer.

Ich hatte schon so viele Trainer. Klar, es ist immer wieder spannend. Die Karten werden neu gemischt und im Moment läuft es sehr gut – auch für mich. Was mir am meisten fehlen würde, wäre das Zusammensein in der Kabine.

Obwohl von Ihren Kumpels Huggel, Frei, Stocker und den beiden Degens nur Philipp Degen übrig geblieben ist?

Jeder dieser Abgänge hat geschmerzt. Angefangen bei Beni Huggel, den ich häufiger gesehen habe als meine Frau. Mir war immer bewusst, dass Huggel und Frei vor mir aufhören und Stocker ins Ausland wechselt. Aber ich versuchte stets, diese Gedanken auszublenden, bis ich vor vollendeten Tatsachen stand und mich die Emotionen überrollten. Deshalb bin ich sehr froh, dass alte Weggefährten wie Behrang Safari oder Matias Delgado den Weg zurück nach Basel gefunden haben und Philipp Degen und Fabian Frei noch hier sind.

Ist beim FCB überhaupt noch ein Jass möglich?

Doch, doch. Frei, Schär und Degen können jassen. Luca Zuffi sagt, er könne auch jassen. Nur hat er es bisher noch nicht bewiesen. Aber es werden mit jedem Jahr weniger Jasser.

Wie gehen Sie mit einem wie Yoichiro Kakitani um, der nur Japanisch spricht?

Die Asiaten sind grundsätzlich am einfachsten zu integrieren. Vielleicht, weil sie sich nicht verständigen können. Aber die Asiaten haben eine derart herzliche, zugängliche Art. Da reicht es, sich mit Zeichen zu verständigen.

Sehen wir den bestbesetzten FCB der Geschichte?

Würde ich Ja sagen, täte ich anderen unrecht. 2002 mit den Yakins, Cantaluppi, Gimenez, Rossi, Zuberbühler – fantastisch. Dann die Mannschaft mit acht Baslern, die Manchester United aus der Champions League eliminierten – hervorragend. Wir haben jetzt eine Mannschaft mit unglaublich guten Einzelspielern.

Und einer imposanten Breite. Selbst ein WM-Teilnehmer wie Serey Die muss mal auf die Tribüne.

Ich werde immer wieder gefragt, ob es wegen dieser Vielzahl an Klasse-Spielern zwangsläufig Stunk geben wird. Ich habe das Gefühl, dass unser Trainer Paulo Sousa das hinkriegen wird. Weil er jedem eine faire Chance gibt.

Wie gehen Sie als Captain mit diesem verschärften Verdrängungskampf um, der zwangsläufig Opfer fordern wird?

Meine Sensibilität ist manchmal ein Vorteil. Ich spüre, wenn Unruhen aufkommen. Sollte dies der Fall sein, suche ich sofort den Dialog. Einem wie Serey Die würde ich sagen, wie dankbar wir ihm für seine Leistungen in der letzten Saison sind. Und dass er auch in dieser Saison noch wichtig für uns sein wird.

Mussten Sie diese Saison schon mal ein Gespräch dieser Art führen?

(Überlegt) Äh, nein.

Waren die internen Unruhen der letzten Saison das Resultat einer fehlenden oder falschen Kommunikation?

Es wurde von allen Seiten zu viel über die Medien kommuniziert. Man soll kritisch miteinander umgehen. Aber nicht so. Nehmen wir das Beispiel Bukarest. Murat Yakin sagte nach dem Spiel, ich hätte ihm signalisiert, nicht mehr fit zu sein. Ich hingegen sagte, dem Trainer nichts in diese Richtung signalisiert zu haben. Ein Missverständnis, das wir noch am gleichen Abend ausgeräumt haben. Aber am nächsten Tag war in allen Zeitungen von Querelen und Knatsch zu lesen. Das hat uns bis Ende Saison begleitet. Dabei war das schon längst kein Thema mehr.

Was für ein Typ ist Paulo Sousa?

Er ist sehr kommunikativ (lacht) und fordernd. Sehr direkt und offen. Aber auch sehr sensibel. Und akribisch. Er weiss sogar, wie wir letzte Saison gegen Münsingen oder Old Boys spielten. Dinge, die ich schon längst vergessen habe.

Ich sehe ihn als Verwandlungskünstler: Während des Spiels ein Vulkan, davor und danach ist er aber ein smarter Typ.

Das ist seine Art. Er geht auch im Training extrem mit. Am liebsten würde er uns in zwei Tagen den Fussball erklären. Ausserdem finde ich, dass er während der Spiele bereits etwas ruhiger geworden ist. Kommt dazu, dass es Zeit braucht, ehe wir seine Ideen richtig umsetzen. Wenn uns das gelingt, sind wir kaum zu bezwingen und Sousa kann dann vielleicht auch etwas entspannter an der Linie draussen stehen.

Und Sie haben extrem Spass im Spiel?

Klar, denn wir schiessen im Schnitt fast drei Tore pro Spiel. Wir sind hinten – derzeit – etwas anfälliger als letzte Saison. Aber nach vorne haben wir extrem viele Möglichkeiten.

Also liegt ein Punkt gegen Real drin?

Was soll ich sagen? In den vergangenen zwei Saisons haben wir auch dank Yakins Defensivkonzept international für Furore gesorgt. Unter Torsten Fink haben wir in Manchester 90 Minuten lang Pressing gespielt und ein 3:3 erreicht. Es wäre für alle eine kleine Enttäuschung, wenn wir in der Champions League die Achtelfinals nicht erreichten.

Der FCB dringt auch punkto Zielsetzung in neue Sphären ein.

Kann sein. Aber wir sind etabliert und werden in Europa nicht mehr als kleiner Klub wahrgenommen. Real Madrid ist zwar einer von drei europäischen Vereinen, gegen den wir mit grosser Wahrscheinlichkeit zweimal verlieren werden. Dann haben wir Liverpool zu Hause. Wir wissen, wie man zu Hause englische Teams bezwingt. Dann spielen wir zweimal gegen Ludogorets. Bei allem Respekt: Aber wenn wir in der Champions League überwintern wollen, sollten wir Ludogorets zweimal schlagen. Also haben wir zum Schluss ein Endspiel an der Anfield Road, wenn alles perfekt läuft. Und in England haben wir zuletzt gegen Tottenham, Manchester und Chelsea nicht verloren.

Haben Sie keine Bedenken, dass Ihnen die forsche Zielsetzung um die Ohren gehauen wird?

Doch. Erst recht in der Schweiz, wo man eher auf Understatement macht. Aber ich könnte es nicht mit mir vereinbaren, wenn ich sagen würde, dass ich nach den grossen Erfolgen zufrieden wäre, wenn wir Platz 3 und damit die Sechzehntelfinals der Europa League erreichen.

Im August gab es Wirbel, weil Ihnen West Ham den Lottosechser offerierte: Kolportierte 9 Millionen Franken Lohn für drei Jahre. Warum haben Sie den Lottoschein nicht eingelöst?

Ich habe beim FCB schon den Lottosechser. Ich bin Luftlinie 400 Meter vom «Joggeli» geboren. Ich war immer Fan dieses Vereins. Der Verein dominiert in der Schweiz, sorgt in Europa für Furore. Ich darf Captain sein. Familie, Frau, Freunde – alle von hier. Meine Kinder sind hier zu Hause. Was will ich mehr? Ich muss nicht päpstlicher tun als der Papst. Ich verdiene auch in Basel viel Geld. Auch wenn man in London auch gut leben kann und die Premier League reizvoll ist. Aber ich habe das Angebot schon abgelehnt, bevor es auf dem Tisch von Bernhard Heusler lag.