Herr Ceccaroni, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie im St. Jakob-Park sitzen und der ersten Mannschaft zuschauen? Wären Sie am liebsten zwanzig Jahre jünger und stünden unten auf dem Rasen?

Ja, zwischendurch wünsche ich mir dies tatsächlich. Besonders in der Champions League, wenn das Joggeli mit 35 000 Fans gefüllt ist. Aber ich will mich nicht beklagen. Ich selber habe eine Karriere gehabt, die sehr speziell gewesen ist.

Hätte ein Massimo Ceccaroni in der heutigen Mannschaft einen Platz?

Ja, warum nicht? Ich denke, jene Eigenschaften, die mich ausgezeichnet haben, sind auch heute noch gefragt. Fehl am Platz wäre ich sicher nicht.

Könnte die Mannschaft, in der Sie damals spielten, der heutigen Equipe Paroli bieten?

Nein, von zehn Spielen würden wir sieben verlieren, eines gewinnen und deren zwei Unentschieden gestalten. Das hat aber nichts mit der individuellen Qualität der Spieler zu tun, sondern mit der Entwicklung des Fussballs. In den letzten Jahren haben die Dynamik, die Athletik aber auch die technischen Fähigkeiten enorm zugenommen. Die gelaufenen Kilometer, die Sprinthäufigkeit, die Sprintschnelligkeit, alles wurde gesteigert. Die Spieler heute sind im Vergleich zu jenen vor 15 Jahren besser ausgebildet, sie sind die besseren Athleten. Sie haben nicht mehr Talent, sind aber trotzdem besser.

Wie viel Freude bereitet Ihnen das Meisterteam beim Zuschauen?

Mir bereitet insbesondere die Entwicklung einzelner Spieler Freude. Ich achte vor allem auf die jungen Spieler, sehe aber auch gerne der Integrationsfigur Marco Streller zu und freue mich über die Leidenschaft, die er mitbringt. Ich beobachte neue, spannende Spieler wie Derlis Gonzalez und einen Typen wie Shkelzen Gashi, der eine super Saison spielt. Solche Spieler dienen als Vorbild für unseren Nachwuchs.

Einer überstrahlt aber alles.

Breel Embolo hat vor zwei Jahren noch in der U16 gespielt! Er hat ein unheimliches Potenzial, sollte aber nicht als Muster dienen. Er steht ausserhalb. Er ist ein Ausnahmetalent. Und trotzdem: Auch er muss sich noch weiterentwickeln. In vier Jahren wissen wir mehr.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Paulo Sousa, dem Trainer der ersten Mannschaft?

Wir haben einen intensiven Kontakt. Er ist einer, der die jungen Spieler immer wieder sehen will und sie ins Training der ersten Mannschaft integriert. Paulo hat auch das Auge für Embolo gehabt und ihn viel spielen lassen. Aber klar: Ein Nachwuchsleiter darf nie zufrieden sein, möchte immer, dass noch mehr Junge integriert werden.

Hand aufs Herz: Hatten Sie damals, als Sie im März 2001 mit dem FCB ins neue Stadion einzogen, eigentlich geahnt, dass der Verein vor einer neuen grossen Ära mit bisher neun Meistertiteln und fünf Cupsiegen stehen könnte?

Ja, als ich erstmals in dieses Stadion einlief, spürte ich: Dieser Verein wird künftig führend sein. Mit dem Präsidenten René C. Jäggi als grossem Antreiber. Wir hatten dann auch das Glück, dass mit Frau Oeri jemand kam, die uns die finanzielle Sicherheit gab. Die Klubgeschichte hatte ja schon lange gesagt: Der FCB ist ein Verein mit unheimlich vielen Anhängern, der Emotionen schürt und ein Riesenpotenzial besitzt, das man aber endlich ausschöpfen müsste.

Auch die Wirtschaft zog nun plötzlich mit.

Mit dem Einstieg von Frau Oeri wurden Sponsoren mit einem namhaften Renommee an Land gezogen. Man bewegte sich gegenseitig auf eine neue Ebene. Man konnte sich viele gute Spieler leisten und einen guten Trainer. Es war wichtig, dass Trainer Christian Gross seine Philosophie und seine Aura einbringen konnte.

Manchmal hat man sogar fast das Gefühl, der FC Basel trage das Bayern-Gen in sich. Eine Art «Mia san mia» nach Basler Façon.

Ein Zürcher hat uns dazu verholfen. Gross’ grösste Hinterlassenschaft für den FCB war die Winnermentalität.  Ich möchte uns jedoch nicht mit Bayern München vergleichen. Aber auf dem Feld ist dieses Selbstverständnis da: Wer in Rotblau auftritt, will besser als der Gegner sein. Das kriegt schon früh der Nachwuchs mit. Die Junioren müssen erkennen, dass Siegen nur durch harte Arbeit kommt. Ich sage zu ihnen:  Mir ist es egal, wenn du mal schlecht spielst, aber nach dem Spiel muss dein Leibchen nass sein.

Von aussen betrachtet hat man den Eindruck, eine ganze Stadt, eine ganze Region, stehe hinter dem FCB und es gebe auch keinerlei Neider.

Das ist so. Natürlich gibt es Kritiker, aber unsere Region und unsere Stadt ist rotblau. Es gibt keinen Gegenpol. Jene, die sich nicht für Fussball interessieren, die kommen einfach nicht ins Stadion. Das sind ganz wenige Menschen. Wenn man nicht aus der Region ist, kann man das nicht begreifen. Ein Matchtag ist etwas vom Schönsten. Egal, wo du wohnst: Man spürt, dass ein Spiel stattfindet. Die Leute kommen aus ihren Häusern, stehen an den Bushaltestellen, tragen einen Schal oder eine Fahne. Es herrscht eine freudige Erregung. Das gibt ein unheimliches Zusammengehörigkeitsgefühl und eine positive Kraft.

Nach der erfolgreichen Ära 1967 bis 1980 mit sieben Meistertiteln und zwei Cupsiegen war der FCB abgestürzt. Könnte sich ein solches Szenario wiederholen?

In den nächsten zwanzig Jahren ist es für mich undenkbar, dass es nochmals einen solchen Rückfall gibt.

Der aktuellen Klubführung sei Dank?

Es ist eine Führung, die nicht sich in den Vordergrund stellt, sondern den Verein und die Mannschaft. Präsident Bernhard Heusler besitzt unheimliche Führungsqualitäten. Er hat ein Gefühl für Menschen und weiss, wie er sie einsetzen muss. Er gibt Vertrauen und verteilt Kompetenzen, will aber immer den Überblick haben. Sein beruflicher Hintergrund als Jurist gibt ihm einen Pragmatismus, den er mit viel FCB-Herzblut kombiniert.

Sie selber hatten 1987 in der ersten Mannschaft debütiert und erlebten die schwierigen Zeiten hautnah mit.

Der Klub hatte kein Geld und keinen Erfolg. Es war niemand bereit, diesen Verein finanziell zu unterstützen. Wir waren kurz vor dem Bankrott. Ich weiss, wovon ich spreche. Ich musste einen Monat lang an den freien Nachmittagen im Migros Abziehbilder mit dem Slogan «Ich stehe zum FCB» für zehn Franken verkaufen. Ich hatte damals einen Fünfzigprozentjob und verdiente 2500  Franken im Monat. Es war brutal. Das prägt einen, bindet aber noch mehr an Rotblau. Es war aber nicht so, dass der FCB in der Stadt niemanden mehr interessierte. Als wir unter Friedel Rausch um den Aufstieg spielten, kamen innerhalb von zwei Wochen zwei Mal 38 000 Zuschauer ins Stadion.

Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihre letzten zwei Jahre als Spieler?

Das vorletzte Jahr, ein Übergangsjahr auf der Schützenmatte, war schwierig. Wir wussten, dass wir in ein neues Stadion kommen werden und die ganze Region erwartete, dass wir schon auf der Schützenmatte Schweizer Meister würden. Wir hatten eine tolle Mannschaft mit Zubi im Tor, Murat und Hakan Yakin sowie mit Didier Tholot. Nachdem wir dann am 15. März 2001 ins neue Stadion gezogen waren, war ich der Einzige, der alle drei Stadien erlebt hatte: Das alte Joggeli, die Schützenmatte und den neuen St. Jakob-Park. Das erste Spiel bleibt mit in bester Erinnerung, obwohl es ein 0:0 gegen Lausanne war. Die Emotion, dort einzulaufen, war unbeschreiblich. Ich war ja schon beim letzten Spiel im alten Stadion gegen Lugano dabei gewesen, als wir am Ende die Tore wegtrugen, und drei Jahre später waren wir wieder am selben Ort in einem neuen Stadion. Ich wusste, es beginnt etwas Neues. Ich war stolz und glücklich, wusste aber auch, dass meine Zeit langsam zu Ende geht.

Sie hatten 15 Jahre auf einen Titel warten müssen. Und ausgerechnet zum Zeitpunkt, als die 22-jährige Durststrecke ohne Titelgewinn zu Ende gegangen war und Sie 2002 mit dem FCB das Double holten, mussten Sie den Verein verlassen.

Ich war zwar lange Zeit verletzt gewesen, hatte aber dennoch ein paar grosse und spezielle Spiele erlebt. Etwa das 1:8 beim Saisonauftakt in Sion, als wir zur Pause 0:1 zurücklagen, kurz nach der Pause ausglichen und dann noch sieben Tore kassierten. Am Ende aber noch Meister wurden. Aber klar: Ich hätte gerne noch ein Jahr lang weiter gespielt. Gross war allerdings der Meinung, es würde mir nicht mehr reichen. Das ist legitim. Natürlich war ich enttäuscht, aber im Nachhinein war es schon okay so. Doch das rotblaue Herz hat geblutet.

Sie spielten dann bei Dornach und den Old Boys weiter.

Ja, und ich begann, meine Trainerdiplome zu erwerben. Ich baute mir in der Privatwirtschaft ein berufliches Standbein auf. Ich hatte in der Baubranche ein Geschäft mit Bodenbelegen, führte einen Betrieb mit 25 Leuten und trainierte nebenbei Mannschaften. Ich war sieben Jahre Trainer der Old Boys und habe dort meine Entwicklung vorangetrieben und ein neues Nachwuchskonzept entwickelt. Wir sind von der zweiten Liga regional bis in die erste Liga Promotion aufgestiegen.

Wie haben Sie in dieser Zeit den FCB wahrgenommen?

Ich verfolgte den FCB sehr intensiv, war bei fast jedem Heimspiel und pflegte einen guten Kontakt zu den Exponenten des Vereins. Es interessierte mich alles, ich bin rotblau.

Hatten Sie während der Trainerausbildung im Hinterkopf, zum FCB zurückzukehren?

Nein, ich wollte einfach den Trainerjob entdecken. Aber natürlich wollte ich mein Wissen am liebsten beim FCB weitergeben.

Wie ist es schliesslich zu Ihrer Rückkehr zum FCB gekommen?

Ich kam zurück, nachdem ich das Instruktordiplom erworben hatte. Vizepräsident Adrian Knup und ich standen immer in einem engen Kontakt. Wir haben zusammen bei den Junioren gespielt und gemeinsam in der ersten Mannschaft debütiert. Irgendwann ist er dann mal auf mich zugekommen und hat mir das Angebot gemacht, neuer Technischer Leiter Nachwuchs des FC Basel zu werden. Er, Georg Heitz und Bernhard Heusler waren der Meinung, ich sei der ideale Mann dafür. Ich war sehr stolz und traute mir auch absolut zu, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich war bereit für diese Herausforderung.

Ihr Bruder ist auch mit an Bord.

Stefano ist pädagogischer Leiter beim FC Basel. Angestellt von der Stiftung Campus im Hundertprozentpensum. Er ist zuständig für alle schulischen und beruflichen Lösungen. Er ist verantwortlich für unser Wohnhaus mit all den Spielern, die nicht aus Basel kommen. Das sind derzeit achtzehn Spieler. Die älteren von ihnen wechseln dann später in eine Wohnung. Stefano macht dies seit zwei Jahren. Er hat die Uefa-Pro-Lizenz und war Trainer im Spitzenfussball. Dies ergibt eine Wertsteigerung für die ganze Nachwuchsabteilung.

Der FCB-Nachwuchs ist in einem wunderbaren Campus beheimatet.

Wir sind dankbar für jeden Tag, an dem wir hierherkommen dürfen. Das motiviert uns, noch besser zu werden, um den Anforderungen der ersten Mannschaft gerecht zu werden.

Gegen Manchester United standen im Dezember 2011 sieben Basler in der Champions League auf dem Platz.

Das ist zwar fantastisch, aber angesichts der Entwicklung des internationalen Fussballs nicht normal. Wenn wir in Zukunft zwei oder drei eigene Akteure auf dieses Niveau bringen, dann ist dies ein toller Erfolg.

Wie wichtig sind die Basler im Team für die Identifikation mit dem Publikum?

Die sind sehr wichtig. Ich spreche oft mit Fans und die sagen mir, dass es bedeutsam sei, wenn wir zwei oder drei Spieler haben, die baseldeutsch reden. Aber auch die Fans wissen, dass dies halt nicht immer möglich ist.

Besteht nach den Rücktritten von Benjamin Huggel, Alex Frei, David Degen und bald auch Marco Streller die Gefahr, dass die Identifikation geringer wird?

Diese Gefahr besteht. Wir haben aber vier oder fünf Spieler in der Pipeline, die innerhalb der nächsten zwei Jahre eine Rolle in der ersten Mannschaft spielen können.

Hat der FCB international das Ende der Fahnenstange erreicht?

Nein, noch nicht. Wir wollen alles optimieren. Wir möchten nicht den totalen Fussball. Wir möchten nicht den FC Barcelona oder den FC Bayern München kopieren. Wir wollen der FC Basel sein. Ein Verein mit klaren Werten. Und mit realistischen Zielen. Wir müssen als Schweizer Verein auch mal ein wenig unschweizerisch sagen: Es ist möglich, in einen Europacupfinal zu kommen. In diesem Sinn bilden wir tagtäglich unseren Nachwuchs aus.