Wenn man in der Familie von FCB-Verteidiger Marek Suchy nach einem roten Faden sucht, dann ist es die Medizin. Die Mutter Kinderärztin, der Vater Chirurg, die Schwester Medizinstudentin – und Marek Suchy ein Verfechter der Chirurgengrätsche. Statt wie die Raubeine aus vergangenen Zeiten rücksichtslos dazwischenzuhauen, tut es der Tscheche seinem Vater am Operationstisch gleich: Antizipieren, zum Schnitt ansetzen und dann Ball und Gegner sezieren. Nur drei Gelbe Karten in 27 Einsätzen seit Februar 2014 ist eine aussergewöhnliche Bilanz für einen Innenverteidiger – eigentlich. Wenn da nicht der 20. März wäre, an dem Chirurg Suchy für einmal grob daneben schnitt: Im Europa-League-Achtelfinal in Salzburg mähte er Red-Bull-Stürmer Alan von hinten die Beine um, sodass Rot die logische Konsequenz war. Blut- statt Chirurgengrätsche. «Es war keine böse Absicht, ich kam einfach zu spät. Kann passieren», erinnert sich Suchy.

2-Millionen-Transfer

Das dachten sich auch die Verantwortlichen des FCB und besannen sich auf die Stärken des 26-Jährigen, als sie ihn im Mai nach der halbjährigen Ausleihe endgültig von Spartak Moskau lossägten und dafür etwas mehr als zwei Millionen Franken nach Russland überwiesen. Nicht, dass es ihm nach vier Jahren in der pulsierenden Metropole Moskau nicht mehr gefallen hätte, er hält immer noch Kontakt zu ehemaligen Teamkollegen. Doch für Suchy war der Wechsel in die Schweiz ein Glücksfall. «Als Fussballprofi hat man das Privileg, viele Länder, Sprachen und Kulturen kennenzulernen. Das will ich nutzen», sagt er. Wegen des proppenvollen Spielplans im Frühling hatte er bislang nur Zeit für Ausflüge nach Luzern und Montreux. Was trotzdem genug ist, um zu sagen: «Es ist wahrscheinlich für jeden Menschen ein Aufstieg, in die Schweiz zu kommen. Hier läuft alles perfekt, man muss sich um nichts Sorgen machen.»
Das gilt für Suchy derzeit auch im Bezug auf seine Einsatzzeit. Er gehört neben Landsmann Tomas Vaclik und Taulant Xhaka zum illustren Kreis jener drei Spieler, die unter Rotations-König Paulo Sousa jede Minute absolviert haben. Angesprochen auf das grosse Gedränge im FCB-Kader sagt er: «Jeder spürt den Kampf um die Plätze. Aber wir unterstützen uns auch gegenseitig, die Stimmung im Team ist gut.»

Das Abwehrtalent aus «Prag 10»

Trotz Stammplatz – Suchy ist in dieser Saison noch nicht der unverrückbare Abwehrfels, der er unter Ex-Trainer Murat Yakin war. Er teilt die Meinung, an Sicherheit verloren zu haben. Und hat auch eine Begründung: «Ich habe in vier Spielen drei Mal auf einer anderen Position gespielt. Es sind nur kleine Dinge, die man ändern muss. Aber es braucht trotzdem Zeit.» Von ganz rechts über halb rechts bis nach halb links wurde er von Sousa herumgeschoben. Der Trainer sagt: «Ich stelle jeden Spieler so auf, wie er uns am meisten bringt.»
Kommt dazu, dass Suchy bei der offensiven Spielweise der Basler seiner grossen Stärke, dem Zweikampf, beraubt wird. Jedenfalls muss er sich in der Super League mehr mit der Spielauslösung als mit gegnerischen Stürmern beschäftigen. Er, der sagt: «Ich offensiv? Nein, ich bin ein geborener Verteidiger. Seit ich ein kleiner Junge bin, liebe ich es zu verteidigen.»

Alles in der Nähe

Angefangen hat alles im Prager Stadtteil «Prag 10», wo Suchy aufgewachsen ist. Elternhaus, Grosseltern, Schule, Fussballplatz – alle wichtigen Orte seiner Jugend waren in Gehdistanz erreichbar. Auch das Stadion von Slavia Prag, dem Stadtrivalen und ewigen Herausforderer des tschechischen Überklubs Sparta. Als sechsjähriger trainiert er das erste Mal mit den Piccolos von Slavia, elf Jahre später ist er in der ersten Mannschaft. Vom Vater, den er wegen der Scheidung seiner Eltern nur einmal in der Woche sieht, bekommt er noch Tennisunterricht, bevor er sich endgültig für den Fussball entscheidet. 2008 ist er Teil der Mannschaft Slavias, die nach elf Jahren des Leidens wieder einmal Meister wird. «Ich habe die schwierige Phase des Klubs als Junior und Fan verfolgt. Dann mit dem Klub Meister werden und die glücklichen Gesichter der Menschen zu sehen – das werde ich nie vergessen.»
Nach einem weiteren Titel geht Suchy 2010 nach Moskau. Er gilt als eines der vielversprechendsten Abwehrtalente Europas und bestätigt dies in den ersten Jahren als unbestrittener Stammspieler. Doch im Sommer 2013 setzt der Klub plötzlich auf andere Innenverteidiger, Suchy sucht ein neues Abenteuer und wird im Winter in Basel fündig. In welches Land ihn die Karriere noch führen wird, lässt er auf sich zukommen. Eines aber hat er sich fest vorgenommen: Der Kreis soll sich dort schliessen, wo alles angefangen hat. In «Prag 10» bei Slavia.