Marcelo Diaz überlegt, richtet sich im Stuhl auf und sagt: «Ja, ich war überrascht, weil ich nach der Weltmeisterschaft doch mit dem einen oder anderen guten Angebot gerechnet habe.» Aber am Strand in der Karibik, wo er sich zwei Wochen lang von den Strapazen erholte, blieb das Handy still.

Ein gutes Angebot, das heisst für Diaz: grössere Liga als die Super League und ein Klub mit Titelambitionen. Stattdessen gab es nach der Rückkehr zum FCB nur losen Kontakt mit Leicester (Aufsteiger in England) und Sassuolo (Abstiegskandidat in Italien), mehr nicht.

Premier League oder die Bundesliga

Konkret war einzig die Anfrage aus Saudi-Arabien. Doch Diaz winkte schnell ab. «Unglaublich, was ich hätte verdienen können! Aber zum jetzigen Zeitpunkt kommt ein Wechsel dahin nicht infrage.» Die Premier League oder die Bundesliga sollen es sein – Diaz sagt sich: «Wenn nicht in diesem Jahr, dann im nächsten. Es ist alles andere als schlimm für mich, weiterhin in Basel zu spielen.»

Rückblick: An der Weltmeisterschaft in Brasilien vermag das Nationalteam von Chile zu begeistern. In zentraler Rolle vor der Abwehr ein gewisser Marcelo Diaz, der mit seiner Ballsicherheit die überfallartigen Angriffe orchestriert. Bis zum dramatischen Achtelfinal-Out gegen den Gastgeber ist er der Laufstärkste aller Spieler. Die Folge: Seit der WM gehört Diaz auf dem südamerikanischen Kontinent zu den Attraktionen, vergangene Woche reiste ein TV-Team für ein Porträt über den 26-Jährigen in die Schweiz. Jenes in der Nationalmannschaft, es ist das eine Gesicht des Marcelo Diaz.

Eigenwerbung nur im Chile-Trikot

Als wir Marcelo Diaz vergangenen Mittwoch treffen, sind die Eindrücke vom erknorzten Heimsieg gegen Vaduz noch frisch. Eine Partie, in der Diaz bis zu seiner frühen Auswechslung aus einer biederen Basler Mannschaft herausragte – negativ. Er sieht das genauso, verwirft die Hände, nennt seine Leistung «katastrophal» und sagt: «So bin ich keinem Team der Welt eine Hilfe.»

Zu sagen, Diaz habe gegen Vaduz sein typisches FCB-Gesicht gezeigt, würde ihm nicht gerecht. Er hat seit seinem Wechsel 2012 vom chilenischen Vorzeigeklub Universidad einige gute Spiele gemacht, er hat wunderschöne Tore erzielt gegen die Young Boys, Tel Aviv und Bukarest. Aber nicht zum ersten Mal stand der Beobachter nach der Partie gegen den Super-League-Aufsteiger vor einem Rätsel: Wieso schafft es eine Schlüsselfigur der weltweit gelobten Chilenen auch nach zwei Jahren nicht, beim FC Basel mehr als nur ein Mitläufer zu sein?

Es ist die Frage, die sich wohl auch die Klubs stellen, zu denen Diaz gerne wechseln würde. Und die keine Antwort finden und sich nach Alternativen umschauen. Wie Bundesligist Schalke 04, der im Januar Interesse zeigt an einer Verpflichtung in der Sommerpause, von dem Diaz seither aber nichts mehr gehört hat. Auch, weil er im Frühling nicht mehr überzeugen kann. Diaz sagt: «Das kann gut sein. Werbung für mich machen konnte ich zuletzt eigentlich nur in der Nationalmannschaft.»

Überall – und doch nirgendwo

Natürlich beschäftigt die Frage nicht nur die Beobachter, sondern auch ihn selber. Diaz glaubt, die Antwort zu kennen: «Sehen Sie: Seit zwei Jahren hat Chile den gleichen Trainer (Jorge Sampaoli; d. Red.), das gleiche System und die gleichen Spieler. Jeder spielt immer auf der gleichen Position und weiss, was er zu tun hat.» Kein Vergleich zu den 17 Monaten unter Murat Yakin: Mal vor der Abwehr, mal als offensiver Spielmacher, mal auf dem Flügel – Yakin tat sich schwer, für Diaz die geeignete Rolle zu finden. Ergo vermochte dieser die Ansprüche seines Trainers nicht zu erfüllen.

In dieser Saison nun versucht sich Paulo Sousa am Rätsel Marcelo Diaz – findet er die Lösung? Einiges spricht dafür: Als Portugiese ist Sousa dem Wesen der FCB-Südamerikaner nicht nur sprachlich näher als Yakin. Zudem verbindet den früheren genialen Mittelfeldstrategen die Rolle auf dem Platz mit Diaz.

Der schwärmt von der Arbeitsweise des «Misters», sagt: «Er ist ein Fussball-Aficionado – und wir teilen die gleiche Philosophie vom Fussball: Er lässt immer offensiv spielen, egal ob der Gegner Real Madrid oder Vaduz ist. Für mich hat es nur gute Seiten, dass jetzt er unser Trainer ist.»

Diaz ist überzeugt: «Er kann mich besser machen.» Anders gesagt: Sousa soll ihn zum Spieler formen, der im nächsten Sommer ein gutes Angebot erhält.