Es ist nur eine Einwechslung. Es sind nur ein paar gelungene Dribblings. Es ist nur das Tor zum 3:0, nicht mehr als Resultatskosmetik. Es ist nur ein Torjubel. Es sind Szenen, die im Fussball zuhauf vorkommen und in der Regel nicht mehr wert sind als eine Randnotiz. 

Doch gestern im St. Jakob ist ab der 74. Minute alles anders. Da verkommen die eingangs erwähnten Dinge gefühlt zur Staatsaffäre. Warum? Weil es Renato Steffen ist, der die Dinge tut. Ab der 74. Minute ist das Publikum im St. Jakob-Park, sonst so oft der beim Gegner gefürchtete zwölfte Mann des FCB, in zwei Lager geteilt: Als Steffen eingewechselt wird, schlägt ihm aus der Muttenzerkurve blanker Hass entgegen. Die Haupt- und Gegentribüne hingegen streichelt Steffen mit warmem Applaus, genauso demonstrativ stehen auf der Basler Ersatzbank alle auf und klatschen in die Hände.

Der harte Kern der Fans hat Steffen bis heute nicht verziehen, dass er in der Vorrunde den Platzverweis gegen Taulant Xhaka provozierte und dass er einmal vor die Muttenzerkurve gespuckt haben soll. Diejenigen, die den Neuzugang von YB mit Applaus empfangen, freuen sich einfach über einen wirbligen, frechen Spieler, der dem in der Vorrunde bieder auftretenden FCB nur guttun kann.


Graben zwischen Team und Fans?


In den letzten 20 Minuten der Partie gegen Luzern sind alle Augen auf Steffen gerichtet. Jeder im Stadion spürt: Es liegt etwas in der Luft. Und dann passiert, was passieren muss. Eine Geschichte, wie man so schön sagt, die nur der Fussball schreiben kann: Nach einem abgewehrten Eckball laufen Breel Embolo und Steffen gemeinsam auf das Luzerner Tor zu. Steffen wird angespielt und trifft cool per Aussenrist zum 3:0. Sofort eilen alle Mitspieler, auch die auf der Ersatzbank, zu Steffen und gratulieren. Es ist einerseits die Freude über den gelungenen Einstand des neuen Kollegen. Vielmehr aber ist es das Zeichen an die Muttenzerkurve und an alle anderen, die Steffen auspfeifen: «Renato ist jetzt einer von uns! Da könnt ihr noch so laut pfeifen!»

Das ändert nichts daran, dass die Stimmung im Stadion komisch bleibt. Nach dem Schlusspfiff scheint es gar, als habe sich da gerade ein Graben aufgetan zwischen Mannschaft und Muttenzerkurve. Die obligate La-Ola-Welle nach Siegen ist gestern weder auf Spieler- noch auf Fanseite ein Feierakt, sondern mühsame Pflicht. Und während der Grossteil der Mannschaft in die Kabine eilt, diskutieren Captain Matias Delgado und Behrang Safari mit einigen Fans.
Der Schwede sagt anschliessend: «Steffen ist ein fantastischer Spieler. Er liebt den FCB, das hat er mit seinem Tor gezeigt. Was in der Vergangenheit passiert ist, interessiert uns nicht. Ich hoffe, die Fans verstehen das.» Auch Trainer Urs Fischer äusserte sich: «Ich mag Renato das Tor gönnen. Er muss sich den Respekt der Fans erarbeiten, heute hat er eindrucksvoll damit angefangen.» Wer Fischer während seiner Worte genauer beobachtete, merkte: Innerlich kocht der FCB-Trainer über die Pfiffe der Fans gegen einen eigenen Spieler.
Und was sagt Steffen selber? «Ich bin sehr glücklich, beim FCB gleich mit einem Tor zu beginnen. Ich kann verstehen, dass einige nicht einverstanden sind damit, dass ich hier bin. Mit guten Leistungen will ich zeigen, dass ich ein guter Typ bin. Es liegt an mir.»

Angesichts dieses hollywoodreifen Dramas mit Renato Steffen in der Hauptrolle rückte der Rest der Partie in den Hintergrund. Schade eigentlich. Denn Diskussionsstoff war auch so genügend vorhanden: etwa die gigantische Leistungssteigerung des FCB nach einer lahmen ersten Halbzeit. Oder der fehlende Plan B des FC Luzern, der auf das 0:1 durch Bjarnason keine Antwort hatte. Oder die Frage, ob der Penaltypfiff vor dem 2:0 gerecht war oder ob es nicht eher anders herum war, also Delgado Puljic foulte.

Sicher ist: Der Sieg des FCB ist verdient. Und gewinnt er auch nächste Woche gegen GC, sind es in der Tabelle bereits 15 Punkte Vorsprung auf die Zürcher.

Das Spiel zum Nachlesen im Liveticker: 

Scribblelive FC Basel - FC Luzern