FC Basel

Der FCB-Doc ist mehr als «nur» Mediziner

Felix Marti (rechts) musste schon Spielereinsätze verbieten, obwohl der Trainer (hier Paulo Sousa) dies anders sah.

Felix Marti (rechts) musste schon Spielereinsätze verbieten, obwohl der Trainer (hier Paulo Sousa) dies anders sah.

Felix Marti, der Mannschafts-Arzt des FC Basel, begleitet den Verein seit 36 Jahren. Seine Tätigkeiten gehen weit über jene eines normalen Arztes hinaus.

Kaum haben wir uns vorgestellt, ahnt Felix Marti, um was es geht: «Sie wollen mit mir sicher über den Rücktritt von Dr. Müller-Wohlfahrt sprechen.» Ja, wollen wir. Aber noch über viel mehr: Über seine 36 Jahre als Mannschaftsarzt beim FC Basel, über das Spannungsfeld Trainer-Arzt-Spieler, über neue und verschwundene Verletzungen – und natürlich erhoffen wir uns die eine oder andere Anekdote.

Guter Kontakt zu Dr. Müller-Wohlfahrt

1977 nahm Dr. Müller-Wohlfahrt seinen Dienst bei Bayern München auf, zwei Jahre später begann Marti in Basel. Kurz darauf das erste Aufeinandertreffen. «Wir waren mit unseren Klubs im Trainingslager auf Gran Canaria. Als Müller-Wohlfahrt erfuhr, dass sich ein Spieler von uns verletzt hatte, bot er seine Hilfe an.» In der Folge hält der Kontakt an. Sei es bei Spielen zwischen Basel und Bayern oder beim Transfer von Xherdan Shaqiri nach München, als «Mull» nach dem Medizincheck in Basel zusätzliche Atteste anforderte.

Vor zwei Jahren hielt Müller-Wohlfahrt auf dem Basler Nachwuchscampus einen Vortrag und schwärmte von der Jugendarbeit des FCB. «Müller-Wohlfahrt ist auch ein wichtiger Grund für die exzellente Beziehung zwischen Basel und Bayern.»

Über Müller-Wohlfahrts urplötzlichen Rücktritt weiss Marti nicht mehr als wir. «Da muss irgendetwas vorgefallen sein. Wenn das Vertrauen des Trainers und der Klubführung nicht mehr gegeben ist, kann man als Mannschaftsarzt nicht mehr arbeiten.» Solche Spannungsfelder können laut Marti schnell entstehen. Der Trainer sorgt sich primär um das Resultat, der Arzt um die langfristige Gesundheit der Profis.

«Kommunikation ist das A und O. Meine Kollegen und ich mussten schon Einsätze verbieten, obwohl der Spieler selbst und der Trainer anderer Meinung waren.» Grundsätzlich gelte: «In sportlich erfolgreichen Zeiten sind verletzte Spieler kein Problem. In schlechteren Phasen werden auch wir von der medizinischen Abteilung kritischer hinterfragt.»

Mehr als 20 verschiedene Trainer

Mit mehr als 20 Trainern hat Marti beim FCB zusammengearbeitet. «Uns Ärzten geht es wie den Spielern: Die Unsicherheit, ob wir wohl den Vorstellungen des neuen Trainers entsprechen, spüren auch wir.» Anpassungen im Arbeitsalltag seien möglich, aber das Gerüst der medizinischen Versorgung stehe. Neben Marti kümmern sich mit Dr. Markus Weber und Dr. Markus Rothweiler zwei weitere Ärzte um die FCB-Profis, aber keiner hauptberuflich.

Anders als bei Grossklubs wie Chelsea, die vier oder mehr Ärzte angestellt haben. «Als Paulo Sousa nach Basel kam, wollte er, dass in jedem Training ein Arzt dabei ist. Er akzeptierte aber dann, dass dies nicht nötig ist, weil auch die Wege hier in Basel kurz sind. Mit dem Physio-Team vor Ort und unserer ständigen Erreichbarkeit ist die Erstversorgung gewährleistet. » Die ersten 25 Jahre machte Marti den Job sogar ehrenamtlich. «Das macht nur, wer ein grosser FCB-Fan ist.» Mittlerweile hat er zwar einen Vertrag – «vom FCB leben könnte ich aber nicht.»

In den vergangenen 36 Jahren hat sich parallel zum Fussball auch Martis Arbeit verändert. Zu Beginn war er zusammen mit seinem Vater für alle medizinischen Belange zuständig. «Heute sind wir ein grosses Team, das sich sehr gut ergänzt.» Die allgemeine Annahme, dass es heute mehr verletzte Spieler als früher gebe, kann Marti so nicht bestätigen. «Okay, sie haben weniger und anders trainiert und es wurde nicht jede Verletzung medial kommuniziert. Dafür hatten damals viele Spieler Leistenbeschwerden, die dank guter Trainingsmethoden seltener geworden sind.»

Über Dr. Müller-Wohlfahrt heisst es, er sei für die Bayern-Profis mehr als «nur» Mediziner. Das gilt auch für Marti. Zu vielen aktuellen und ehemaligen Spielern pflegt er ein enges Vertrauensverhältnis. Das geht so weit, dass die Stars auch ihre Mütter und Ehefrauen in Martis Hausarztpraxis schicken.

«Viele ausländische Spieler nehmen ihre Familienangehörigen mit, wenn sie nach Basel kommen. Da sie hier sonst keine Ärzte kennen, bietet es sich an, dass ich auch der Hausarzt der ganzen Familie bin.» So betreut er auch noch Jahre nach ihrem Weggang vom FC Basel ehemalige Spieler, Trainer und Mitglieder der Klubleitung.

Martis Anekdoten

Wer Marti erzählen lässt, der bekommt viel zu hören. «36 Jahre – da sammelt sich viel an. Wenn ich wollte, gäbe es ein dickes Buch.» Bevor wir uns nach drei Stunden bester Unterhaltung verabschieden, bitten wir noch um einige Anekdoten. Et voilà:

Sein erstes Trainingslager 1979 in Haiti: «Weil weder mein Vater noch mein Onkel, die damals noch die FCB-Ärzte waren, mitfliegen konnten, schickten sie mich. Ich war damals mitten im Staatsexamen und entsprechend nervös. Dann das: Wegen der miserablen hygienischen Zustände hatte in der ersten Woche das halbe Team Fieber und Durchfall. Ich war sehr gefordert. Seither bin ich Mannschaftsarzt des FC Basel.»

Der Zaubertrank: «Einmal spielten wir im Letzigrund gegen den FC Zürich, als unser Stürmer über Magenbrennen klagte. Ich eilte in die Kabine und mischte ein Medikament mit Wasser. In dem Moment, in dem ich ihm den Becher überreichte, eroberte unsere Abwehr den Ball. Er trank aus, rannte los und erzielte direkt ein Tor. Danach kamen von der FCZ-Bank natürlich die Sprüche – ‹Doper› war noch das Harmloseste.»

Das Herzinfarkt-EKG: «Jeder neue Spieler kommt für den medizinischen Check in meine Praxis, bevor der Vertrag unterschrieben wird. Unter anderem wird mittels EKG die Herzfunktion überprüft. Viele neuen Spieler kommen aus verschiedenen Ethnien – und bei bestimmter Herkunft sieht ihr Sportler-EKG tatsächlich formal genau so aus, als hätten sie gerade jetzt einen massiven Herzinfarkt. Beim ersten Mal hatte dies zur Folge, dass nach sofortiger Rücksprache mit dem Kardiologen des Unispitals die geplante Vertragsunterzeichnung verschoben und der Spieler im Spital sofort kardiologisch abgeklärt werden musste. Inzwischen wurden diese Fälle publiziert und wir hatten seither vier weitere Spieler mit diesen aussergewöhnlichen Normvarianten.»

Der Zahn von Stocker: «In St. Petersburg wurde bei einem Ellbogenschlag Valentin Stockers vorderer Schneidezahn eingedrückt. Auf dem Platz brachte ich den Zahn wieder in die richtige Position, aber wegen der starken Schmerzen und der Blutung musste Vali ausgewechselt werden. Murat Yakin war zuerst nicht sehr erfreut. Im Eishockey spielen die ja ohne Zähne weiter! Schliesslich kam es zum Happy-End: Der FCB qualifizierte sich für die nächste Runde und Valentin hat seinen Zahn heute noch.»

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