FC Basel

Auf den Spuren von FCB-Trainer Paulo Sousa: Ein Besuch in Viseu

Am Dienstag findet das Rückspiel des FCB im Champions League Achtelfinal gegen den portugiesischen Verein Porto statt. In Portugal begann auch die Geschichte des heutigen FCB-Trainers Paulo Sousa. Ein Besuch in seiner Heimatstadt Viseu.

Viseu und ich, wir brauchen etwas Zeit, bis wir einander mögen. Die Ankunft ist holprig. Mein Mobiltelefon will die Strasse des Hotels partout nicht finden. Und die Pflastersteine schütteln ununterbrochen. Ich wähne mich schon fast als Velofahrer bei Paris–Roubaix. 45 Minuten (und sehr, sehr viele Kreisel-Fahrten mit dem Auto) später sind wir doch noch am schmucken Ziel angelangt. «Kennen Sie Paulo Sousa?», frage ich die Rezeptionistin. «Wer ist das?», antwortet sie. Am nächsten Morgen ist ihr das Unwissen etwas peinlich, «jetzt bin ich informiert», sagt sie lächelnd. Und gibt mir Tipps, wofür Viseu ausser Kreiseln auch noch berühmt ist.

Es ist kurz vor 10 Uhr. Ich schlendere durch die Gassen. Die 100'000-Einwohner-Stadt schläft noch. Es ist angenehm ruhig. Und überall blitzsauber. Wo immer ich durchgehe, überall sind Autos abgestellt. Das trübt das schöne Bild etwas. Aber vielleicht dienen sie auch dazu, um zu verbergen, wie viele Schaufenster leer sind. Die Krise des Landes ist an fast jeder Fassade sichtbar. Ist darum das Wettbüro so gut gefüllt? In einer anderen Seitenstrasse begehrt eine Katze energisch um Einlass. Die alte Dame ist hörbar nicht erfreut, dass sie die Treppen runtersteigen muss, um die Türe zu öffnen.

Auf dem Weg zur thronenden Kathedrale komme ich an lustigen Bäumen vorbei. So habe ich mir die Affenbrotbäume aus dem Buch «der kleine Prinz» vorgestellt, als ich klein war. Google widerspricht. Egal. Wurde Paulo Sousa eigentlich auch einmal «der kleine Prinz» genannt in Portugal? Er, der einer der «goldenen Generation» war, die 1989 den U20-WM-Titel gewann.

Der Beste von allen

Zehn Fussminuten von der Innenstadt entfernt betrete ich ein kleines Sportgeschäft. Ich treffe Carlos Soares. Der 61-Jährige war Sousas Jugendtrainer bei dessen erstem Verein, dem «Clube de Futebol Os Repesenses». «Coach Carlos», wie ihn alle nennen, erzählt gerne und viel. Bei manchen Geschichten ist er so gerührt, dass ihm Tränen über die Backen kullern. Er zeigt Fotos von früher, die er rausgesucht hat.

Auf eines ist er besonders stolz. Es hängt eingerahmt an der Wand in seinem Sportgeschäft. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Sousa, Leal und Marito – zwei anderen Spielern, die ebenfalls von Viseu aus den Sprung in den Weltfussball geschafft haben. «Eines ist klar», sagt Coach Carlos, «Sousa war der Beste von allen – einen solchen Fussballer hat Viseu nie zuvor und nie mehr danach hervorgebracht.»

Als Jugendlicher spielt Sousa bald mit Jungs, die zwei, drei Jahre älter sind. Ganz reibungslos verläuft seine Pubertät allerdings nicht. Die Schule interessiert Sousa nicht wirklich, sein Vater hat plötzlich Angst, er würde die Promotion nicht schaffen. Als der Lehrer – ein Freund von Coach Carlos – zu Hause anruft und fragt, warum Paulo nicht im Unterricht sei, reicht es dem Vater. Er verbietet ihm, weiter ins Training zu gehen.

Coach Carlos, auch er war Lehrer, gelingt es aber, Sousas Vater davon abzuhalten. «Ich erzählte ihm, dass ich Paulo wegen einer Verletzung zum Doktor begleitete und er deshalb fehlte in der Schule.» Und dann, es ist einer jener emotionalen Momente für Coach Carlos, sagt er: «Wenn ihm sein Vater nicht wieder erlaubt hätte, ins Training zu gehen, wäre die Weltkarriere von Paulo Sousa nicht zustande gekommen.»

Eigentlich will Sousa seit je zu Sporting Lissabon wechseln. Schliesslich ist jeder in seiner Familie Anhänger der «Grünen». Doch dann, Sousa ist 15, kommt eines Tages ein Vertreter von Benfica Lissabon nach Viseu. Er will den Spieler Rebelo verpflichten. Die Trainer überzeugen ihn aber, auch Sousa unter Vertrag zu nehmen. Und Sporting, das zwei Tage später ebenfalls vorbeikommt, hat das Nachsehen – vorübergehend. Als Profi wechselt Sousa später von Benfica zu Sporting. Es ist ein Wechsel, den ihm die Benfica-Fans nie verzeihen.

Die vergessene Heimat

Ich gehe weiter. Ins Quartier «Jugueiros». Durch die Strassen, wo Paulo Sousa aufgewachsen ist. Die Sonne schimmert herrlich durch die Bäume. Nur noch das Trottoir ist aus Pflasterstein. Die Sauberkeit ist auch ausserhalb des Zentrums auffällig. Die Umgebung erinnert ein wenig an das Quartier rund ums Aarauer Brügglifeld. Das kleine Haus der Familie Sousa von früher steht noch immer. Es ist zum Verkauf ausgeschrieben. Nicht von den Eltern, diese wohnen heute 300 Meter nördlich. In der Nähe von Sousas Bruder.

Eine Frau stellt sich als Sousas Cousine vor. Ihr Mann und sie wollen mich mit Sousas Eltern bekannt machen, «sehr herzliche Leute, sie freuen sich über den Besuch aus der Schweiz». Und tatsächlich, Sousas Eltern würden gerne plaudern. Aber sie dürfen nicht – weil es Paulo Sousa nicht möchte.

Also gehe ich zurück in die Innenstadt. Ich treffe einen ehemaligen Mitspieler und Freund von Sousa aus Jugend-Zeiten. Nennen wir ihn Pepe. Pepe spricht leise und nachdenklich, wenn es um Sousa geht. Warum? «Sousa hat seine Heimat etwas vergessen», sagt er. Und schiebt hinterher: «Er hat halt keine Zeit.» Pepes Wahrnehmung ist kein Einzelfall.

Mit wem auch ich über Sousa spreche, immer herrscht Zwiespalt. Stolz auf der einen Seite über seine Karriere. Aber auch etwas Unverständnis. «Nachdem Sousa mit 15 zu Benfica ging, zeigte er sich nie mehr im Verein. Das ist schade», sagt ein Vereinsmitglied bei Repesenses. Projekte für seine Heimatstadt, die Sousa einst ankündigte, sind meist versandet. Seien es Trainingsplätze für Kinder. Oder ein «Public Viewing» in einem «Paulo-Sousa-Mini-Stadion» für die Stadt während der EM 2004.

Zeit für einen letzten Rundgang in der Stadt. Das Thermometer ist auf knapp über 20 Grad geklettert. Die Sonne spiegelt sich im «Viriato»-Denkmal. Der Feldherr führte im zweiten Jahrhundert den Widerstand der Lusitaner gegen die Römer an. Nur zu Beginn erfolgreich. Ein Stadt-Held ist Viriato gleichwohl. Einige Bäckereien bieten «Viriato-Kuchen» an.

An der Strasse beim Denkmal treffe ich Clemente, einen Barista. Als er erfährt, dass der Gast aus der Schweiz kommt, leuchten seine Augen. Seine Mutter sei einst mit ihm ein Jahr in Zürich gewesen. Lang ists her. Einige Erinnerungen sind geblieben, allen voran die S-Bahn-Stationen. «Urdorf–Altstetten–Hardbrücke–Hauptbahnhof–Stadelhofen–Stettbach», zählt Clemente auf. Er lacht laut.

Hoffnung auf einen nächsten Paulo Sousa

Es ist Abend geworden in Viseu. Auf dem Trainingsgelände von Repesenses herrscht Hochbetrieb. 12 Mannschaften stellt der Verein. Zwischen 10 und 24 Jahre sind die Spieler. Ein Fanionteam gibt es nicht. Manchmal trainieren mehrere Mannschaften gleichzeitig auf dem Kunstrasen. Wie jetzt.

Auf dem Gelände treffe ich Luis Vaze, Präsident des OS Repesenses. Der Stolz ist ihm ins Gesicht geschrieben, wenn er den Kindern beim Trainieren zuschaut. Hinter dem modernen Kunstrasen befindet sich ein Sandplatz. Die Tore darauf haben keine Netze. Er sieht ein bisschen verloren aus. Warum steht der Platz noch, frage ich mich. Präsident Vaze erklärt: «Die Kinder müssen auch lernen, bei schwierigen Bedingungen zu spielen.» Die Hoffnung auf den «nächsten Paulo Sousa» ist ungebrochen.

In Zusammenarbeit mit dem FC Porto bietet Repesenses auch eine Fussballschule an. Antonio Graça sitzt interessiert auf der Steintribüne des Trainingsgeländes. Unten spielt sein Sohn Jaime engagiert. 50 Kilometer ist Graça gefahren, um seinen Sohn ins Training zu bringen. «Im Dorf, wo wir herkommen, gibt es fast keine Kinder, darum fahre ich einmal wöchentlich hierher.» Will Jaime einmal auf den Spuren Sousas wandeln, ebenfalls Profi werden? «Wer weiss, für den Moment geht es einfach um den Spass. Er geniesst es, zu spielen. Aber Jaime spielt kein ‹Fifa› auf einer Konsole und schaut auch nicht Fussball am TV.»

Dem FC Basel traut Graça nach dem 1:1 im Hinspiel auch am Dienstag eine gute Leistung zu, «aber es wird nicht reichen», sagt der Porto-Fan. Dann fügt er an: «Es gibt einige Leute in Porto, die sehr viel von Sousa halten. Es könnte gut sein, dass er in etwa zwei Jahren der neue Trainer wird.» Ein FCB-Sieg am Dienstag würde diesen Prozess bestimmt nicht verlangsamen. Und es wäre wohl eine gute Gelegenheit für Sousa, der Heimat wieder näherzukommen.

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