Urs Bachmann, unserer Meinung nach hätte man nach dem 0:4 gegen Luzern den Trainer wechseln müssen, weil damals die Konkurrenz noch in Reichweite lag.

Urs Bachmann: Das ist hypothetisch. Fakt ist, dass wir nach dem Luzern-Spiel gegen Zürich eine gute Leistung gezeigt haben. Dann folgte das 0:2 gegen St. Gallen und das 1:1 gegen YB. Danach war klar: Wenn wir gegen GC verlieren, wechseln wir den Trainer.

Wusste Sven Christ, dass er nach einer Niederlage gegen GC entlassen wird?

Nein. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt eine Trainer-Krise. Schauen Sie: Sven Christ hat die Spieler bis zu seinem letzten Spiel erreicht. Ich habe andere Trainer erlebt, die während eines Spiels keinen Einfluss mehr hatten.

Eine Parallele zum Abstieg 2010: Auch damals stieg man mit einem unerfahrenen Trainer (Jeff Saibene) in die Saison. Haben Sie die Erinnerung an 2010 ausgelöscht, als Sie letzten Sommer Sven Christ engagiert haben?

Nein. Wir haben uns in der Führung intensiv mit der Trainerwahl beschäftigt. Auf unserer Liste standen am Schluss auch zwei Trainer, die noch nie in der Super League tätig waren: Sven Christ und Pierluigi Tami.

Nur, die Strukturen beim FC Aarau, wo vieles auf Ehrenamtlichkeit beruht, bedingen doch einen erfahrenen Trainer.

Wir haben uns für den anderen Weg entschieden. Christ kennt die Super League als Spieler. Er hat Erfahrung im Abstiegskampf. Er war als Spieler in Deutschland. Und wir haben ihn als Trainer beim Team Aargau genau verfolgt. Ausserdem hat er sich persönlich weiterentwickelt, seit er seine aktive Karriere beendet hat.

Nur, ein Trainer ist gegenüber seinem ersten Arbeitgeber im Profi-Fussball in seinem Anspruchsdenken genügsamer als ein etablierter Trainer. Doch der harmonische FC Aarau braucht einen für die Chefetage unbequemen Trainer mit Vorwärtsdrang wie zuletzt René Weiler.

Das mag sein. Aber: Auch bei Sven Christ wurde kein Spieler ohne sein Einverständnis verpflichtet.

Wie sieht die Mannschaft nach einem Abstieg aus?

Das kann ich jetzt noch nicht im Detail erzählen. Aktuell plane ich zumindest gedanklich mit zwei Teams. Nur kann ich noch keine Verhandlungen mit neuen Spielern zu Ende bringen, weil diese erst Gewissheit haben wollen über die Ligazugehörigkeit des FC Aarau. Ausserdem gibt es einzelne Spieler, deren Verträge nur bei einem Abstieg auslaufen.

Pokern Spieler in einer solchen Situation nicht etwas hoch?

Vielleicht. Um es mal generell zu sagen: Fussballer neigen dazu, sich zu überschätzen.

Wenn Sie die aktuelle Saison nochmals neu planen könnten: Was würden Sie anders machen?

Dass wir Artur Ionita nicht halten können, war klar. Unser Profil sah vor, dass wir neben Sandro Burki im zentralen Mittelfeld einen Abräumer, einen Spieler mit Wasserverdrängung verpflichten. Diesen Spieler haben wir nicht gefunden. Heute würde ich, was die Verpflichtung eines Ionita-Ersatzes betrifft, länger suchen und länger zuwarten.

Und für diesen Spieler auch mehr Geld in die Hand nehmen?

Eventuell. Zweitens würde ich stärker darauf achten, einen frechen, schlitzohrigen und unberechenbaren Spieler zu verpflichten. Ich dachte, wir hätten mit Ognjen Mudrinski einen solchen Spieler. Doch in diesem Spieler habe ich mich getäuscht.

Als Ionita-Ersatz wurde Frano Mlinar verpflichtet. Ein guter Fussballer. Aber kein Abräumer wie im Anforderungsprofil vorgesehen. Haben Sie sich von Sportausschuss-Mitglied Fredy Strasser den falschen Spieler andrehen lassen?

Nein, das denke ich nicht. Wir haben uns, nebst anderen, auch auf die Referenz des früheren Aarau-Spielers Silvan Widmer abgestützt, der in Udine mit Mlinar im selben Team war.

Es tönt ziemlich abenteuerlich, wenn man sich bei der Besetzung einer zentralen Position auf die Einschätzung eines ehemaligen Spielers verlässt.

Es war nicht allein Widmers Einschätzung, sondern auch unsere Spieler-Beobachtung, die den Ausschlag für Mlinar gegeben hat. Wie gesagt: Ich würde heute bei der Verpflichtung des Ionita-Ersatz’ länger zuwarten und nicht so früh vom Anforderungsprofil abrücken. Aber wir hatten zu jenem Zeitpunkt auch noch Löcher im Sturm. Und ich wollte ein Loch erst mal stopfen.

Sie haben mit Djuric, Feltscher, Gygax, Costanzo und Andrist zu viele Spieler verpflichtet, deren Karriere einen Knick erlitten hat. Stattdessen müsste man doch vermehrt Spieler holen, für die der FC Aarau ein Karrieresprung bedeutet.

Erstens: Wir hatten zu Saisonbeginn mit Ausnahme von Marco Thaler keinen eigenen Nachwuchsspieler, der für die Super League bereit gewesen wäre. Zweitens: In der Challenge League gab es nicht viele Spieler, denen wir es zugetraut haben, in der Super League eine gute Rolle zu spielen. So gesehen hatten wir fast zu viel Respekt vor der Aufgabe Klassenerhalt und zu wenig Mut, um Spieler aus der Challenge League zu verpflichten. Bei den Spielern, die Sie aufgezählt haben, wussten wir, dass sie in der Super League schon mal eine gute Rolle gespielt haben.

Was bei dem einen oder anderen aber schon länger zurückliegt.

Richtig. Heute würde ich aus diesem Quintett einen oder zwei Spieler weniger verpflichten.

Wir haben gehört, Luganos Livio Bordoli soll in der nächsten Saison Trainer und der aktuelle Trainer Raimondo Ponte Sportchef werden.

Ein lustiges Gerücht. Spekulationen punkto Sportchef sind im Moment irrelevant. Wenn wir absteigen sollten und man auf der Suche nach dem Schuldigen beim Sportchef landet, dann ist es halt der Sportchef.

Und Bordoli als neuer Aarau-Trainer?

Auch das ist ein Gerücht.

Sie würden also nach einem Abstieg weitermachen?

Dann erst recht. Natürlich bin ich mitverantwortlich. Aber diese Mitverantwortung trägt jeder, bis zum Spieler. Wer im Misserfolg demissioniert, schiebt Verantwortung ab. Das passt nicht zu mir. Wenn wir absteigen, gibt es zwei Varianten. Entweder den sofortigen Wiederaufstieg anpeilen. Oder die Rückkehr in die Super League als längerfristiges Projekt zu verfolgen.

Wozu tendieren Sie?

Aufgrund der Stadionsituation eher in Richtung Dreijahresplan, wie nach dem letzten Abstieg. Aber immer im Wissen, dass ein Aufstieg nicht planbar ist.