Challenge League

Marco Schällibaum: So tickt der neue Trainer des FC Aarau

Ein Charakterkopf: Marco Schällibaum arbeitet im anonymen Chiasso sehr erfolgreich.

Ein Charakterkopf: Marco Schällibaum arbeitet im anonymen Chiasso sehr erfolgreich.

Mitte September hat die «Schweiz am Sonntag» den neuen FCA-Trainer Marco Schällibaum, damals noch Angestellter von Chiasso, im Tessin getroffen. Entstanden ist ein eindrückliches Portrait über den charismatischen 53-Jährigen.

«Ist es euch wirklich recht, wenn wir ins Valle di Muggio hochfahren?» Doch, doch. «Es dauert aber mindestens 25 Minuten. Und die Strasse ist eng und kurvenreich.» Kein Problem. «Wir könnten auch in eine normale Pizzeria in Chiasso.»

Nein, normal passt nicht zu Marco Schällibaum. «Aber ihr werdet sehen. Es ist fantastisch da oben. Auf der Wiese unter meiner Wohnung seht ihr Füchse, Hasen und Rehe. Ich muss aber erst anrufen, ob die Wirtin für uns kocht. Denn normalerweise hat sie am Mittwochabend geschlossen», sagt Schällibaum.

Neuer FCA-Trainer: Das sagt Marco Schällibaum selbst, das sagt Sportchef Ponte. (16.10.2015)

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Alle Trainer des FC Aarau seit 1981:

30 Minuten später sind wir in Scudellate. Das zweitletzte Dorf im Valle di Muggio. 912 Meter über Meer. Eine Beiz. 28 Einwohner. Grandiose Aussicht. Stille. Und zur Begrüssung zeigt sich ein Fuchs unterhalb des Rusticos, welches Schällibaum bewohnt.

Die Wirtin verzichtet mit Freude auf den freien Abend. Schliesslich hat sie Schällibaum zwei Tage nicht mehr gesehen, weil dieser in Gelterkinden bei seiner Frau, seiner Tochter (14) und seinem Sohn (11) war. Es gibt Ossobuco mit Polenta und etliche Geschichten aus dem Leben von Marco Schällibaum.

Es sind einerseits Geschichten aus einer unvollendeten Trainerkarriere. Aber auch aus einem Leben ausserhalb des Fussballs, das den 53-Jährigen mit grossen Aufgaben konfrontierte.

Schällibaum steht für ehrliche Trainerarbeit

Für die einen ist Schällibaum der Vulkan, weil er leidenschaftlich und impulsiv ist. Für die anderen ist er der Kumpel, weil er bodenständig und volksnah ist. Und für eine kleine Gruppe, die ihm nicht gut gesinnt ist, ist er der Lebemann mit der rauchigen Stimme, dem nachgesagt wird, er trinke gerne und zu viel Alkohol.

Doch kaum wird er je charakterisiert, wofür er eigentlich steht: für richtig gute, ehrliche Trainerarbeit. Vielleicht hat die Welt schon bessere Taktiker gesehen als Schällibaum. Aber selten haben wir einen Trainer mit so viel Ehrlichkeit, Feuer und Empathie gesehen. Einen Trainer auch, der es vorzüglich versteht, eine gute Ambiance im Team zu schaffen und die Spieler besser macht. Oder: Menschlichkeit als Führungsprinzip.

Doch Schällibaums Weg als Trainer ist begleitet von Intrigen, falschen Versprechungen, falschen Hoffnungen und Pech. Und von bösen Gerüchten. Als er sich vor neun Jahren mit Dieter Fröhlich, dem damaligen Präsidenten des FC St. Gallen bereits einig war, soll Erich Vogel das Gerücht gestreut haben, Schällibaum habe ein Alkoholproblem.

Fröhlich distanzierte sich von seinem Wunschkandidaten. Dem blieb später nichts anderes übrig, als sich auf den Schleudersitz in Sion zu setzen, wo er nach nur vier Spielen entlassen wurde. «Weil ich zwei, drei Spieler aus disziplinarischen Gründen nicht mehr wollte. Leider waren diese Spieler die Spezis des Präsidenten. Trotzdem: Constantin ist ein guter Mensch. Leider fehlt ihm die Geduld, um auch ein guter Präsident zu sein.»

Nie ein Alkoholproblem gehabt

Schällibaum schwört, «dass ich in keiner Phase meines Lebens ein Alkoholproblem hatte. Dieses falsche Gerücht hat mich mehrere Jobs gekostet. Sicher, es gab eine Zeit, da drohte ich abzudriften. Aber das war zehn Jahre vor der Episode in St. Gallen.» Damals, Mitte der Neunziger, startete Schällibaum in Nyon seine Trainerkarriere. Doch dann die Tragödie.

Sein zehn Monate alter Sohn stirbt, weil ein bösartiger Virus nicht entdeckt worden ist. «Der Schmerz war unerträglich. Während eines Jahres fühlte ich mich nicht mehr als Teil dieser Welt.» Erst die Trennung von seiner damaligen Lebenspartnerin («andere schweisst eine solche Tragödie zusammen, uns hat sie getrennt») sowie das Angebot aus Basel als U21-Trainer lenkten ihn wieder zurück auf die Bahn.

Was auf Basel folgte, war märchenhaft. Schällibaum wurde von YB gerufen, rettete den Traditionsklub vor dem Abstieg in die 1. Liga und entfachte in Bern zusammen mit seinen WG-Kumpels Bickel und Harald Gämperle (Assistenztrainer) neues Fussball-Feuer. Aufstieg, Europacup. Und das alles mit höchst bescheidenen Mitteln und einem Ballenberg-Stadion (Neufeld).

Als Bickel die Fehde gegen den mächtigen Stadion-Boss Peter Jauch verlor und gehen musste, solidarisierte sich Schällibaum 2003 mit seinem Kumpel und heuerte bei Servette an. Ein Fehler? «Nein», sagt Schällibaum. «Sicher war der Konkurs von Servette ein trauriges Kapitel. Umso mehr, weil mich Marc Roger mit grossen Versprechungen nach Genf gelockt hatte. Ausserdem wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, ehe mich Jauch entlässt.»

Ruf gerettet - dank Bellinzona

Weil er als Fussballer (31 Länderspiele) die fetten Jahre noch nicht erlebt hat, von Servette keinen Lohn mehr kassierte, die Rechnungen gleichwohl zahlen musste und die Familie «von etwas leben muss», musste er in der Folge jeweils das nächstbeste Angebot annehmen. «Dabei wäre es gut gewesen, wenn ich hätte warten können.» Concordia, Sion, Schaffhausen waren seine nächsten Destinationen. Und dann kam Bellinzona. Nicht die grosse Fussballwelt. Aber immerhin Super League. Und ein Umfeld, das nicht allzu schnell nervös wurde. Schällibaum brillierte. Führte den Aufsteiger umgehend in den Europacup. Sein Ruf war wieder intakt. Insbesondere im Tessin.

Lugano war die nächste Station. Auch dort war seine Zeit begrenzt. Nach nur einem Jahr wurde Schällibaum entlassen. Obwohl er zu jenem Zeitpunkt die Tabelle in der Challenge League anführte. «Es gab einen Präsidenten-Wechsel. Und der neue Präsident wollte seinen Trainer installieren.» Danach wurde es ruhig um Schällibaum. Eineinhalb Jahre blieb er ohne Job. Was ihn daran zweifeln liess, ob es für einen wie ihn im Spitzenfussball mit diesen durchgestylten, stromlinienförmigen Trainern überhaupt noch einen Platz gibt.

Ein verlorener Machtkampf in Kanada

Doch es gab einen Platz für ihn. In Kanada. Mit Schällibaum als Trainer gewinnen die Montreal Impact den kanadischen Cup und qualifizieren sich erstmals in der Klubgeschichte für die Playoffs. Doch nach einem Jahr ist wieder Schluss. Warum? «Im letzten Monat war ich nicht mehr in Form. Denn ich habe elf Monate praktisch durchgearbeitet und meine Familie in der Schweiz kaum gesehen. Und: Ich habe einen Machtkampf gegen die starke italienische Fraktion in der Organisation verloren.»

Wieder arbeitslos. Wieder warten. 15 Monate lang. Bis im April dieses Jahres das abstiegsbedrohte Chiasso kommt. Ein unprätentiöser Klub in einer unprätentiösen Stadt und mit dem tiefsten Zuschauerschnitt in der Challenge League. Doch Schällibaum ist sich dafür nicht zu schade.

Er sagt sogar: «Ich bin dem FC Chiasso unendlich dankbar, dass er mir nochmals die Türe zum Schweizer Fussball geöffnet hat.» Und was macht er aus dieser Chance? Sehr viel. Er rettet die Tessiner vor dem Abstieg und mischt in der aktuellen Saison überraschenderweise ganz vorne mit.

Längst hat sich die Dunkelheit über das Muggiotal gelegt. Vereinzelt ist ein Rascheln zu hören. Ansonsten nur – Stille, Frieden, Harmonie. Als hörte man Schällibaums Seele singen.

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