Mit dem Mut der Verzweiflung stürmt Joël Mall in den Sittener Strafraum. Zum gefühlt x-ten Mal in dieser Saison versucht der Torhüter noch, seinem FC Aarau ein Tor zu schenken. Die Flanke aber kommt viel zu kurz, Mall muss unverrichteter Dinge wieder abziehen und angesichts des Sion-Konters in seinen eigenen Kasten zurück sprinten.

Obwohl es der 24-Jährige nicht mehr rechtzeitig zurück in sein Tor geschafft hat, fällt das 2:0 für die Walliser nicht. Sven Lüscher klärt auf der Linie für seinen zurückeilenden Goalie. Es bleibt beim 0:1 aus Aarauer Sicht, die nächste Chance, den Sechs-Punkte-Rückstand auf den FC Vaduz zu verkleinern, ist dahin.

Reaktionen nach 0:1-Niederlage der Aarauer in Sion

Reaktionen nach 0:1-Niederlage der Aarauer in Sion: Interview mit Luca Radice sowie die Pressekonferenz mit den Cheftrainern Raimondo Ponte und Didier Tholot.

Viel Frust bei Mall

Es ist eine Szene, die sinnbildlich steht für den Einsatz und den Kampfgeist von Joël Mall. Es ist aber auch eine Szene, die sein grösstes Problem in dieser Saison mehr als deutlich macht: Spiel für Spiel hält er den FCA mit starken Paraden in der Partie, dirigiert seine Vorderleute unablässig, feuert sie an. Natürlich: Mall war nicht bei jedem der bisher insgesamt 56 Gegentore ohne Schuld. Aber er hat weitaus mehr Tore verhindert als verschuldet. Und: Wenn seine Vorderleute in 33 Spielen gerade einmal 25 mickrige Törchen erzielen, kann der Torhüter da beim besten Willen nichts ausrichten. Es sei frustrierend, dem erfolglosen Offensivspiel von hinten zusehen zu müssen, hatte Mall vor ein paar Wochen zu Protokoll gegeben. Doch in den vergangenen Partien ist es für ihn noch viel frustrierender geworden.

So frustrierend, dass er nach den Spielen jeweils um Worte ringt. Und auch das erst, wenn er sich in den Katakomben die Wut von der Seele geschrien und unter der Dusche den ersten Ärger abgespült hat. Aber auch dann fällt Malls Fazit nach der 0:1-Pleite in Sion einmal mehr deutlich aus: «Da wir diese fortwährenden Steilvorlagen von Vaduz nicht nutzen können, sind wir selber schuld, wenn wir absteigen», sagte er. Der drohende – und mittlerweile wohl kaum mehr abzuwendende Abstieg – geht ihm sichtlich nahe.

FC Aarau vor dem Abstieg: Mit der anhaltenden Niederlagen-Welle wird der Ligaerhalt für den FCA immer unwahrscheinlicher.

FC Aarau vor dem Abstieg: Mit der anhaltenden Niederlagen-Welle wird der Ligaerhalt für den FCA immer unwahrscheinlicher.

Das Aarauer Eigengewächs war in der letzten Abstiegssaison 2009/10 zu seinen ersten Einsätzen in der ersten Mannschaft gekommen. Im Gegensatz zu den meisten seiner Mitspieler hatte er den Gang seines Herzensklubs in die Challenge League damals miterlebt. «Es ist nicht allen Spielern klar, was so ein Abstieg bedeutet. Zu vielen geht es einfach zu wenig nahe, was hier läuft», sagte Mall. Er, der sich seit Beginn seiner Karriere für den FC Aarau aufopfert, der – neben anderen Eigengewächsen und Captain Sandro Burki – als einer der letzten Kämpfer immer mit viel Herzblut dabei ist.

Verständlich, dass es ihn zur Weissglut treibt, wenn diesem Beispiel nicht alle seine Mitspieler folgen. «Viele haben mit der Situation abgeschlossen. Sie denken nur an ihre persönliche Zukunft. Aber beim FCA musst du immer bereit sein, 100 Prozent Einsatz zu geben.» Obwohl Mall im Falle des Abstiegs eine Ausstiegsklausel aus seinem Vertrag bis Sommer 2017 besitzt, gilt für ihn bis zum bitteren Ende nur eines: alles für den FCA zu geben. Und wer weiss, vielleicht bleibt er dem Klub auch in der Challenge League erhalten.

«Es läuft einfach alles falsch»

Malls Worte entsprechen dem, was der Zuschauer auf dem Fussballplatz zu sehen bekommt. «Im Moment läuft bei uns einfach alles falsch – nicht nur auf dem Platz», sagte Mall noch, bevor er sich für die Heimreise aus dem Wallis in den Teamcar setzte. Eine Aussage, die man so 1:1 unterschreiben kann.