Saisonstart, Kantonsderby, Traumwetter: Als am Montag, 20. Juli, im Aarauer Brügglifeld das Heimspiel gegen den FC Wohlen angepfiffen wurde, sah alles nach einem Fussballfest aus. Doch es wurde keines.

Fazit nach dem Schlusspfiff: Ein lahmes 1:1-Unentschieden, pfeifende Fans ringsum und eine Aarauer Mannschaft, die sich für einmal demonstrativ nicht beim mehrheitlich jungen Fanblock in der Mitte der Stehrampe bedankte, sondern in der Totomat-Kurve bei den Alteingesessenen.

Was war geschehen? Gut zehn Minuten vor Schluss zündeten Anhänger im Fanblock mehrere Pyros und Feuerwerkskörper. Der Rasen und die Zuschauenden wurden eingenebelt, der Schiedsrichter musste die Partie kurz unterbrechen, der in Führung liegende FCA verlor die Konzentration, prompt schoss Wohlen den Ausgleichstreffer.

Kritik an den «Pyro-Fans»

FCA-Captain Sandro Burki wählte danach deutliche Worte: «Das mit den Pyros ist eine unglaublich mühsame Sache für den Verein. Das verursacht immer Kosten und ist auch gefährlich. Familien trauen sich kaum mehr in die Stehrampe. Das ist wirklich ein Seich.»

Und Sportchef Urs Bachmann sagte: «So ein Verhalten ist völlig daneben.» In den Tagen danach folgte heftige Kritik an der Fanszene. Auf dem Online-Portal der az, auf der Facebook-Seite des FCA und im Fan-Forum beschrieben Dutzende genervter, enttäuschter und wütender Fans ihren Unmut – nicht selten mit Kraftausdrücken. «Vielen Dank an die Pyro-Idioten», hiess es etwa ironisch.

Oder: «Das ist eine Sauerei!» Eine deutliche Mehrheit verurteilte das Verhalten des Fanblocks, nur wenige versuchten es zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Ihre Argumente: Sonst mache ja niemand Stimmung; jene, die heute motzten, seien früher auch nicht braver gewesen; und schliesslich sei niemand verletzt worden, seien es doch «nur Pyros» gewesen, keine Gewalt.

«Wollen Stimmung ohne Pyros»

Zu jenen, die am 20. Juli vorfreudig ins Brügglifeld und nach dem Match frustriert nach Hause gingen, gehört Jeanine Glarner. Die Kommunikationsmanagerin aus Möriken-Wildegg sitzt für die FDP im Grossen Rat – und steht seit 25 Jahren immer dann im Stadion, wenn ihr Lieblingsverein Aarau spielt.

Auch über eine Woche nach dem viel diskutierten Saisonauftakt ist sie enttäuscht. Zusammen mit Gleichgesinnten hat sie deshalb jetzt einen offenen Brief verfasst. Die Absender: «Treue FCA-Fans». Die Adressaten: «Treue FCA-Fans».

Einleitend erinnert das Schreiben an die goldenen Zeiten unter Ottmar Hitzfeld, an den Cupsieg 1985, an die Meistersaison 1992/93. Dann heisst es: «Heute sind wir alle etwas älter geworden, nehmen unsere Kinder, Enkel- oder Göttikinder mit und möchten einfach ein Fussballfest geniessen – dazu Wurst, Bier und Brot.»

Die Toleranz gegenüber dem Block, der «ohne Frage tolle Choreos und Stimmung» bringe, sei «immer relativ gross» gewesen. Doch was man nun an diesem Heimspiel habe erleben müssen, habe «das Fass zum Überlaufen gebracht».

Stimmung gehöre wohl in jedes Stadion, doch man wolle «keine Pyros, kein Feuerwerk und keine stinkenden, die Sicht vernebelnden Rauchbomben – es braucht sie nicht und sie sind verboten. Punkt. Schluss.»

Man wolle nicht länger taten- und hilflos zuschauen, sondern alle treuen FCA-Fans, die Pyros verurteilten, dazu aufrufen, «am nächsten Heimspiel ein eindrückliches Zeichen zu setzen. Unser Motto lautet: Wir wollen Stimmung ohne Pyros!»

Kein Frontalangriff auf Szene

Jeanine Glarner betont, sie habe den offenen Brief «nicht als Amtsträgerin, sondern als Privatperson und Fussball-Fan» verfasst. Sie habe während und nach dem Spiel mit vielen Leuten diskutiert, und alle seien sich einig gewesen: «Es geht einfach nicht weiter so.»

Mit dem Schreiben wolle man zeigen, «dass eine grosse Mehrheit so denkt wie wir». Ziel sei nicht, einen Frontalangriff auf die Hardcore-Fans der Szene Aarau zu starten, sondern die Haltung der Mehrheit, die sonst nur auf Online-Plattformen zum Ausdruck komme, in die Öffentlichkeit zu transportieren.

Verständnis für die Pyro-Fans und deren Argument, die Kritiker würden mit ihren scharfen Worten überreagieren, hat Jeanine Glarner keines. Sie sagt: «Diese Haltung wird bestehen, bis es einen Toten gibt. Pyros sind verboten, daran gibt es nichts zu diskutieren.»

Um die Situation zu verbessern, haben die Verantwortlichen des FCA unlängst die Sicherheitsmassnahmen verschärft, etwa neue Überwachungskameras installiert. Glarner begrüsst dies zwar, relativiert aber auch: Weil sich die Fehlbaren vermummten, sei es auch so relativ schwierig, sie zu identifizieren.

Sie appelliert an die Selbstregulierung der Fanszene: «Der Block muss die schwarzen Schafe zur Verantwortung ziehen. Solange sie gedeckt werden, sind alle Mittäter.»
Übermorgen Sonntag startet der FC Aarau um 15 Uhr zum Heimspiel gegen Biel.

Jeanine Glarner wird wieder im Brügglifeld stehen, «Hopp Aarau» rufen, eine Wurst essen, ein Bier trinken. Und sie hofft, dass diesmal die Vorfreude nicht die einzige Freude bleibt.