Ein letztes Erinnerungsfoto. Das Kostüm Geradezupfen. Noch schnell ein Blick aufs Handy. Einstehen. In der Ferne trommelts schon. Dann - ohne Kommando, ohne Anpfiff - setzt sich der Cortège in Bewegung. Langsam zwar, aber unaufhaltsam. Ein gigantischer Organismus, dessen Herz zu schlagen beginnt. Am Mittwochnachmittag zeigt sich die ganze Opulenz der Basler Fasnacht. Erst recht, wenn das Wetter so prächtig ist wie gestern. Die Sonne spiegelt sich in den Piccolos. Die Perücken glänzen. Literweise Farbe, tonnenweise Sperrholz und tausende Stunden geopferte Freizeit marschieren vorbei.

Irgendwo unterwegs greift der Stamm der Basler Bebbi ins Geschehen ein. Sie gehören zu den Avantgardisten unter den Fasnächtlern. «Dämonedämmerig - mit em Finger druff zaige nutzt immer» wählten sie als Sujet. Ihre Larven haben untersetzte Kiefer, die Gesichter blicken grimmig. Mit ausgestreckten Zeigefingern zeigen Sie. Aufs Publikum, auf die in entgegengesetzter Richtung laufenden Cliquen, auf sich selber. Dass man nicht mit nackten Fingern auf angezogene Leute zeigen soll, darüber setzen sie sich lustvoll hinweg. Gepfiffen wird nicht, dafür in steinzeitliche Hörner geblasen. Ein wahnwitziges, eindrückliches Schauspiel.

Gross und Klein, laut und leise, lustig und böse. Die Fasnacht ist voller Gegensätze. Traktoren folgen auf Leiterwägeli. Verteilt werden gesunde Orangen und dick machende Gummibärli. Manchen kanns nicht wild genug sein, anderen wird's zu viel. Kreuzt sich eine traditionelle Clique mit einer scheppernden Gugge, vermischt sich die liebliche Piccolo-Melodie mit den Posaunen und Trompeten. In die Plastikbecher mit dem Bier tropft der Schweiss. In die Feststimmung fliesst das Herzblut.

Die Cortège-Route führt durch Basels schönste Strassen, über die höchsten Brücken, aber auch durch die schmuddeligsten Ecken. Ihr entlang wandert die Spale-Clique in Bergsteiger-Kostümen. Ihr Ausrüster ist nicht die Schweizer Bergsportmarke «Mammut», sondern ihr Pendant «Kaputt» mit einem entsprechenden Mammutskelett als Logo. «Am Limit - oobe wird d Luft dünn» ist das Sujet. Riesige Rucksäcke machen den Gang zusätzlich beschwerlich. Ob die Spale-Clique tatsächlich am Limit läuft, sieht man durch die Larven hindurch nicht, aber dass sie abends «uf dr Schuurre» sein wird, davon ist auszugehen.

Es ist ein Schaulaufen. Der Cortège ist ein Catwalk durch die Stadt. Das Publikum staunt und bewundert. Es lässt sich von den Waggissen verspotten und beschenken. Dääfeli für die Kinder, Mimösli für die Damen, Räppli für die Herren. Mancher Papierfetzen landet unfreiwillig im Mund. Die Fasnacht ist etwas für alle Sinne, da darf das Kulinarische nicht zu kurz kommen. Passend dazu auch D Muggedätscher, die als Gemüse verkleidet sind: Auberginen, Rüebli, Kartoffeln. Da haben wir den Salat.

Der Cortège verschluckt jeden, der sich am Nachmittag des dritten Fasnachtstags in die Stadt wagt. Wer sich darauf einlässt, wird nicht nur mit Blumen und Süssigkeiten belohnt. Wer sich darauf einlässt, verschmilzt mit der Fasnacht, ihrer Seele und ihrem Geist. Allewyyl.