Mitten im Herzen der Frau Fasnacht, am Heuberg 2, hat sich ein Loch eingebrannt. Gross ist es nicht, aber es reicht für eine Fasnachtsbar, das Zündhölzli/Brandloch. Es ist kurz nach 22 Uhr am Montagabend, der Raum platzt aus allen Nähten. An den Wänden prangen die Helgen der Aabrennte der vergangenen zehn Jahre. Ein Christoph Blocher in Schwarz-Weiss schaut mir vom Plakat aus zu, wie ich noch etwas übervorsichtig die ersten Biere öffne.

Violett-gold-grüne Girlanden glitzern vor stilisierten Flammen. Die Bar ist zum Bersten voll, noch artikulieren die Gäste heiter-deutlich ihre Wünsche - und von denen haben sie viele: Bier, Waggis und Weisswein fliessen in Strömen.

Einmal Cüpli mit Ei, bitte

Eine junge Frau bestellt ein Cüpli und ein hart gekochtes Ei. Macht neun Franken. Kopfrechnen ist angesagt. Drei Bier und ein Gin-Tonic. 25.50, drei Franken sind Depot. Zwar hat mich der Verantwortliche des Abends sorgfältig instruiert. Ungeübt wie ich bin, brauche ich aber zwei Stunden, bis ich die Preise kenne, und meine Hände Bieröffner und die Münzen in der Kasse automatisch finden.

Der Nächste will Leitungswasser – gratis – aber es hat nur im Hinterraum einen Hahnen. Multitasking und gutes Teamwork sind gefragt. Ein dreitagebärtiger Bündner fragt nach Calanda-Bier, aber es gibt Aabrennte-Bier alias Turbinenbräu. «Zürcher Bier?», fragt mich sein Basler Kollege ungläubig und heult: «Das könne dr nit mache!» Wieder ist der Kühlschrank leer. Biernachschub.

«S Rohr isch draa!»

Zu dritt stehen wir hinter dem schmalen Tresen, zwei schenken aus, einer ist für die Toiletten zuständig. Der Andrang steigt proportional zur Nachtzeit. Das Toilettenregime ist etwa gleich streng wie die Regeln am Cortège. Wer muss, kriegt eine Kette mit Klobürste, Abflussrohr oder Klostein. Es gibt keine Gnade, weder Charme, Grossratsmandat noch Fäkalsprache nützen, die Reihenfolge wird eingehalten: Eine Art Glücksrad zeigt an, wer in den Keller darf. «S Rohr isch draa!» Und schon feilscht die Nächste um den Toilettengang.

Dann und wann kommt ein Bangg vorbei. Muulwiirf, Gwäägi, und der Bangg, für den einige Freunde seit fünf Jahren die Bar schmeissen: die Aabrennte. Zeige! Luege! Loose! Der Lärm verstummt, je später, desto weniger. Dafür kann das Barteam einen Moment aufschnaufen.

Die Masken fallen nach halb zwei

Heiter-lallend drückt mir ein junger Mann ein paar Restmünzen in die Hand, die er mühsam mit den Promille-gebremsten Fingern aus dem Portemonnaie geklaubt hat: «Längt das no für öppis?» Ein Bier liegt noch drin. Der Nächste putzt in Rekordzeit ein Plättli mit Salami, Käse und Chlöpfer weg und erklärt entschuldigend: «Ich habe seit dem Mittag nur getrunken.» Es ist kurz vor zwei Uhr morgens.

Sehr langsam leert sich der mit Zigarrenrauch geschwängerte Raum, der unter dem Jahr die Buchhandlung und Galerie Pep and No name ist. Die Striggede singt unmaskiert lauthals ein Medley ihrer alten Bänke, in die Strophen und den Refrain stimmt ein, wer den Text kennt. Nahtlos wechselt der Refrain in ein Happy Birthday.

Was nur Frau Fasnacht weiss

Gin-Tonic fliesst literweise. «Es ist zu viel Alkohol in diesem Raum», klagt ein Bänggler, verabschiedet sich – und bleibt Bier trinkend hängen. Larventausch ist angesagt: unten Schlyffschtai, oben Schunggebegräbnis-Schweinekopf.

Gegen vier Uhr ist mein Einsatz zu Ende. Ich nehme eine letzte Bestellung entgegen: sechs Appenzeller mit Eis. Wie es danach weiterging? Frau Fasnacht wird’s schon wissen.