Fasnacht

Firlefanz am Zyschtig

Der Autor dieses Textes ist ein fasnächtliches Urgestein und macht sich Gedanken über die drey scheenschte Dääg.

Der Autor dieses Textes ist ein fasnächtliches Urgestein und macht sich Gedanken über die drey scheenschte Dääg.

Der Fasnachts-Philosoph über die Magie des Fasnachtsdienstags, an dem noch richtig experimentiert werden darf.

Faarbe, Muusig, Melodyy, Frindschaft, Kinder, Famyylie . . . Das ist der Fasnachtsdienstag. Das Alternativ-Programm zu Montag und Mittwoch. Vor einigen Jahren hat der damalige Chefredakteur einer Zeitung in Basel die Zukunft unserer drei schönsten Tage prognostiziert (obschon er sich im gleichen Atemzug als ausgesprochenen Fasnachts-Muffel bezeichnete . . .): Die Cortèges seien nicht mehr zeitgemäss und attraktiv, lägen sozusagen in der Agonie. Die wirkliche Zukunft gehöre dem Dienstag – der freien, kreativen Fasnacht, die in ihrer Form auf alle drei Tage ausgedehnt werden sollte. Das ist zur Hälfte grundfalsch. Und zur anderen Hälfte goldrichtig. Der Kern unserer Fasnacht ist die Kritik, die Satire, der fasnächtliche Spott. Und das Vehikel dazu sind die Züge mit den Laternen und Zeedel am Cortège und die Schnitzelbänke sowie teilweise auch die Bühnenveranstaltungen in der Vorfasnachts- zeit. Wenn am Fasnachtsdienstag ein Familienzüglein auf seinem Wagen einen Vers über den blöden Lehrer oder die langweiligen Zürcher schreibt, dann ist das für den Nachwuchs wohl ein guter erster Gehversuch in den Stil unserer Fasnacht. Aber für die nötige Beachtung beim titulierten Publikum braucht es eben doch eine andere Arena.

Anderseits ist der Dienstag tatsächlich zu einem Fasnachtskapitel der Superlative gewachsen. Ältere Semester erinnern sich noch daran, dass der zweite Tag unserer 72 Stunden ein ganz normaler, fast grauer Alltag war. Das Tram verkehrte am Fasnachtsdienstag noch lange Zeit im normalen Taktfahrplan durch die Stadt. Buebeziigli und Familien sowie Fragmente von Cliquen und zusammengewürfelte Ziigli belebten nicht nur die Stadt ein wenig, sondern auch die Aussenquartiere. Und männiglich pilgerte ins Kleinbasel, in die Baslerhalle der Mustermesse zur Laternenausstellung. Erst abends, nachdem man einen Tag Arbeit verrichtet – oder vorgetäuscht – hatte, stürzte man sich wieder ins Kostüm, um die Fasnacht zu geniessen, sei es auf den Gassen, beim Intrigieren in den Beizen oder früher sogar am Maskenball.

Heute erlebt man am Dienstag jene Fasnacht, die sich am Montag und Mittwoch auch fernab der «geordneten» Routen abspielt – nur eben in geballter Ladung, weil auch die Cortège-Absolventinnen und -Absolventen die grosse Freiheit in vollen Zügen geniessen können. Jetzt kann man sein besonders verrücktes, originelles oder schönes Kostüm tragen. Jetzt kann man sich auch ohne Super-Trommler oder -Pfeiferin zu sein in ein Grüppchen einreihen. Jetzt kann man auch als eingefleischter Tambour oder Pfeifer-Primadonna einmal Guggemuusig geniessen. Jetzt darf man mit schrägen Ideen Gassen, Beizen oder Keller unsicher machen. Jetzt darf (und muss) man bei allen Narreteien der Kinder alle Augen zudrücken. Jetzt gibt es da und dort emänd auch ein Wieder-Aufleben einer Gugge, in welcher wirklich kaum jemand musikalisch ist. Jetzt ist der Moment für Spontaneität und Spinnen, für Experimente und Sprengen der üblichen ungeschriebenen Normen unserer Fasnacht.

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen auch unsere Fasnacht. Was aber hoffentlich bleibt, sind Werte und Traditionen wie eben die Balance zwischen ernsthafter Kritik und dem Firlefanz, der ganz besonders auf dem Räppli-Teppich des Fasnachts-Dienstags seine Urständ feiern kann.

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