Fantoche

Siegerfilm erkoren: Das Fantoche in Baden ist zu Ende

Der Siegerfilm des Fantoche 2012 ist handgestrickt: Für «Oh Willy...», in dem es um einen Mann geht, der seine kranke Mutter in einer Nudistenkolonie pflegt, wurden Figuren und Set aus Wolle und anderen textilen Materialien hergestellt

Der Film bezauberte Publikum und Jury am internationalen Animationsfilmfestival in Baden, weil die liebevolle Machart bestens mit der emotionalen Geschichte einhergeht. Es «menschelt» in «Oh Willy...», der von den belgischen Regisseuren Emma De Swaef und Marc James Roels stammt. «Wir waren uns schnell einig», sagte die Jury des Internationalen Wettbewerbs über ihre Entscheidung. «Die Story berührte uns durch ihre einfache und direkte Art, über die menschliche Existenz zu erzählen.»

Technisch ist viel  möglich

In der 10. Ausgabe des Fantoche wurde einmal mehr vorgeführt, was technisch alles möglich ist - doch gleichzeitig wurden ganz viele Filme gezeigt, die in Stop-Motion-Technik gefilmt, auf Papier gezeichnet oder auf Glas gemalt wurden. Und auch bei Filmen, die einen hohen Anteil an digitaler Technik enthalten, machen viele den Eindruck von Low-Tech.

Die künstlerische Leiterin Annette Schindler dazu: «Die handgefertigten Techniken haben die längste Tradition, und für sie existiert schon ein enormer Schatz an Referenzmaterial, auf das sich Künstlerinnen und Künstler beziehen können und auf das sie aufbauen können.» Trotz immer einfacheren digitalen Mitteln wird die Tradition nicht vergessen gehen, meint Schindler. «Diese Techniken werden weiter betrieben und verfeinert, und neue gesellen sich dazu ohne die alten zu verdrängen.»

Archiv erweitert

Der «Schatz» an solchen Filmen wurde mit der Jubiläumsausgabe erweitert. Da gab es zum Beispiel «Chemin faisant» des Schweizer Meisters Georges Schwizgebel, in dem sich einmal mehr gemalte Figuren und Szenerien in einem wilden Tanz aus Bildern zu einer wortlosen Geschichte zusammenfügen. Lukas Gähwiler hatte gleich zwei Filme im Wettbewerb, die aus animierten Kinderzeichnungen bestehen.

Auch bei den internationalen Langfilmen fielen handgezeichnete und -gemalte Filme auf: Der Kinderbuchklassiker «Ernest et Céléstine» etwa, dessen Verfilmung vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Die Geschichte um die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Bären und einer vorwitzigen kleinen Maus bezauberte mit jedem Bild. Typisch ist die malerische Handschrift des japanischen Studio Ghibli (bekannt etwa durch «Das wandelnde Schloss») in «Kokouriko-Zaka Kara», einer berührenden Liebesgeschichte. Schräg hingegen war die japanische Produktion «Midori-Ko»: Ein lebendiges Gemüse, eine Art grüne Aubergine, muss sich in einer düsteren Zukunftsvision vor ausgehungerten Menschen retten. Die von Hand gezeichneten Bilder sind zwar hinreissend, die Erzählung jedoch ziemlich grotesk.

Schweizer Gewinner schwang obenaus

Im Schweizer Wettbewerb schwang ein Beitrag deutlich obenaus: «La Nuit de l'Ours» von Sam und Fred Guillaume («Max & Co.») ist eine Art animierter Dokumentarfilm. Jedoch werden die Hauptfiguren mit Tieren statt mit Menschen dargestellt. In einer Grossstadt kümmert sich ein Bär um die Randständigen der Gesellschaft. Nachts steigen sie mit Leitern zu ihm hoch ins Chalet auf dem Dach eines Hochhauses, duschen und rasieren sich, geniessen die Wärme, während der Bär für sie kocht. Sie erzählen Geschichten von schlechten Chancen, von unerwarteten Abstürzen, von Charakterzügen, die sie von der Norm trennen. Die Interviews wurden real mit Bewohnern einer Notschlafstelle geführt. Die Authentizität sowie die schöne Umsetzung wurden mit dem Best Swiss sowie dem Publikumspreis belohnt.

Die Fantoche-Leitung ist auf den Jahrgang 2012, dessen Fokus-Programm Filmen aus Tschechien gewidmet war, nicht nur filmisch stolz. 34 000 Leute besuchten trotz des immer schöneren Wetters die Kinos, Ausstellungen und Podien. Die neue künstlerische Leiterin Annette Schindler ist zufrieden: «Das Festival liess mein Herz höher schlagen».

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