Zehn Kandidatinnen und Kandidaten treten im Aargau am 18. Oktober zu den Ständeratswahlen an. Die meisten von ihnen ohne echte Wahlchancen, das Favoritenfeld bilden die bisherige Ständerätin Pascale Bruderer (SP), Nationalrat Philipp Müller (FDP), Nationalrat Hansjörg Knecht (SVP) und Nationalrätin Ruth Humbel (CVP).

Ohne Einfluss auf den Wahlausgang sind die anderen Kandidaturen aber nicht, so erhöht sich allein durch die Zahl von zehn Kandidatinnen und Kandidaten (vor vier Jahren waren es sogar elf) für zwei Sitze die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahlen erst in einem zweiten Wahlgang entschieden werden, was zu überraschenden Wendungen führen kann: Vor vier Jahren war gemutmasst worden, am Ende könnte die bisherige Ständerätin Christine Egerszegi (FDP) im Zweikampf zwischen SP-Herausfordererin Pascale Bruderer und SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner quasi zwischen Stuhl und Bank fallen. Herausgekommen ist es ganz anders: Bruderer wurde bereits im ersten Wahlgang gewählt, im zweiten Wahlgang wurde Giezendanner von Egerszegi klar deklassiert und die SVP war ihren bis dahin von Maximilian Reimann gehaltenen Ständeratssitz los.

Grüne setzen auf Frauenpower

Im Herbst wird nun der Sitz von Christine Egerszegi frei. Wer ausser dem Favoriten-Quartett hat das Potenzial, ein ernsthaftes Wort mitzureden oder die Ständeratskandidatur zumindest gewinnbringend für sich und seine Partei im parallel laufenden Nationalrats-Wahlkampf zu nutzen?

Im Rennen stehen auch die amtierenden Nationalräte Beat Flach (GLP und Bernhard Guhl (BDP), über die grösste Hausmacht dürfte aber die grüne Grosrätin und Co-Präsidentin der Grossratsfraktion Irène Kälin verfügen. Den Grünen werden zwar keine Höhenflüge prophezeit und ihr Wähleranteil lag schon vor vier Jahren nicht mehr sehr viel über jenem von BDP und GLP, Kälin darf aber sicher auch auf ansehnliche Unterstützung in der SP-Wählerschaft zählen.

Beats Flachs  glp-Song. Er nahm extra Gesangsstunden.

Einem Song in den Wahlkampf: Beats Flach nahm extra Gesangsstunden.

Die Chancen, die eine Ständeratskandidatur für die eigene Profilierung bietet, hat die erst 28-Jährige schnell erkannt: Sie meldete schon Interesse an, als bei den Grünen – zumindest offiziell – noch offen war, ob der im Sog der Nacktselfie-Affäre um sein Stadtammannamt in Baden kämpfende Geri Müller seinen Nationalratssitz freiwillig zur Verfügung stellt. Als dann klar war, dass Müller das Feld räumt und somit auch für eine Ständeratskandidatur sicher nicht mehr infrage kommt, setzte sich Kälin schliesslich auch prompt in der parteiinternen Ausmarchung mit deutlichem Mehr gegen Grossrat Robert Obrist durch.

Hoffen auf Mobilisierungseffekt

Ein Politiker, der zu einer Wahl antritt, wird wohl immer von sich sagen: Er würde das nicht tun, wenn er nicht tatsächlich eine minime Wahlchance für sich sähe. Trotzdem ist klar: Viele Ständeratskandidaturen verfolgen hauptsächlich den Zweck einer zusätzlichen Mobilisierung für die im Proporzverfahren durchgeführten Nationalratswahlen. Das gilt für die Grüne Irène Kälin ebenso wie insbesondere für Bernhard Guhl von der BDP. Er und die Partei zittern um den 2011 errungenen Nationalratssitz, nachdem die BDP seither in kantonalen Wahlen Verluste eingefahren hat und derzeit auch die Umfrageergebnisse nichts allzu Gutes verheissen. Vor vier Jahren erzielte die BDP bei den Nationalratswahlen einen Wähleranteil von gut 6 Prozent, da ist auch bei einer Listenverbindung mit GLP und EVP nicht viel Luft nach unten. Die Grünliberalen lagen punkto Wähleranteil vor vier Jahren im Aargau leicht hinter der BDP, nun scheint es für sie und ihren Nationalrat und Ständeratskandidat Beat Flach aber etwas komfortabler auszusehen. Schweizweit zeigen die aktuellen Umfragewerte zwar auch ein Minus, die GLP scheint sich in der Wählergunst aber etwas besser zu halten. Was ihr im Aargau im Wahlkampf zugutekommt: Beat Flach hat es in seinen ersten vier Jahren geschafft, sich in Bern gut zu etablieren. Er wird, zum Beispiel in sicherheitspolitischen Diskussionen, stärker wahrgenommen als der zweite Newcomer Bernhard Guhl. Der hatte es schwerer, sich über Sachpolitik zu profilieren. Denn geht es in der nationalen Debatte um die BDP, geht es meistens um die Zukunft von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, und da sind die Mikrofone auf den nationalen Präsidenten gerichtet.

Schräger Vogel im Politzirkus

Schliesslich wirkt im Ständeratswahlkampf als kleinste Partei auch die EVP mit Grossrätin und Fraktionspräsidentin Lilian Studer mit. Auch sie ist gleichzeitig Spitzenkandidatin auf der Nationalratsliste und hofft wohl vor allem hier auf einen zusätzlichen Mobilisierungseffekt. Studer sitzt schon seit 2002 im Grossen Rat und gehört mit 38 Jahren zu den erfahrensten kantonalen Politikerinnen. Echte Wahlchancen kann sie sich mit einer Drei-Prozent-Partei als Hausmacht in einer Majorzwahl dennoch nicht ausrechnen. Es erstaunte aber, dass die EVP – bis zu dessen Abwahl 2007 noch mit ihrem Vater Heiner Studer im Nationalrat vertreten – nicht schon vor vier Jahren auf Lilian Studer als Zugpferd setzte, sondern den knochentrockenen Kantonalpräsidenten Roland Bialek ins Ständeratsrennen schickte. Der Erfolg war alles andere als berauschend: weniger als 7000 Stimmen, weniger als ein Viertel der Stimmen des Grünen Geri Müller.

Definitiv nicht mehr als eine Statistenrolle spielen die verbleibenden zwei Ständeratskanidaten. Von Samuel Schmid und seiner Sozial-Liberalen Bewegung hat man in letzter Zeit so gut wie gar nichts mehr gehört. Schon vor vier Jahren machte er noch weniger Stimmen als Pius Lischer, der auch wieder dabei ist und es zumindest auf eine gewisse Bekanntheit als schräger Vogel gebracht hat.

Die az Aargauer Zeitung, Radio Argovia und das Regionaljournal SRF präsentieren ein grosses Ständeratspodium am Donnerstag, 17. September, im Grossratsaal Aarau (20 Uhr). Ständerätin Pascal Bruderer und die Herausforderer Beat Flach, Bernhard Guhl, Ruth Humbel, Irène Kälin, Hansjörg Knecht , Philipp Müller und Lilian Studer stellen sich den Fragen von az-Chefredaktor Christian Dorer, Radio-Argovia-Chefredaktor Jürgen Sahli und Maurice Velati, Leiter Regionalredaktion AG SO.