Baselworld

U-Boot-Fetisch, Champions-Ruhm und der Heilige Gral der Uhrmacherei

Es ist nicht der konkrete Nutzen der Waren, der an die Baselworld lockt. Der Mythos rund um die Luxus-Uhren wird zelebriert, die immateriellen Werte als Handelsgut etabliert. Da kann es auch mal geschehen, dass eine Marke mal daneben greift.

Die grob geschnitzte Doppelfigur – halb Mann, halb Frau – auf dem Flachdach aus gestampftem Lehm des traditionellen Dagara-Hauses in der westafrikanischen Savanne interessierte den Besucher aus Basel. «Ich kenne den Mann, der sie macht», meinte Patrick. «Wenn Du willst, kann ich Dir eine besorgen. Aber Du musst ihr ein Perlhuhn opfern. Sonst beschützt sie Dein Haus nicht und ist einfach nur ein Stück Holz.» Damit beschrieb der 17-jährige Dagara exakt den Charakter eines Fetischs: «Ein Objekt, in dem eine unpersönliche Kraft oder eine persönliche Macht wohnt, die man durch Geschenke und Opfer aktivieren kann», fasst das «Neue Wörterbuch der Völkerkunde» zusammen. «Das Objekt erhält seine Wertigkeit ausschliesslich von der innewohnenden Kraft.»

Recht weitgehend darf man diese Aussage für die Uhren an der Baselworld übernehmen: Ohne eine zusätzliche «innewohnende Kraft» wären sie nur simple Zeitanzeiger, mehr oder weniger präzise und allenfalls ausgestattet mit irgendwelchen technischen Zusatzspielereien. Das Verhältnis der oft vier- bis sechsstelligen Preise zum konkreten Nutzen wäre da äusserst ungünstig, kann man sich die Zeit doch auch von einer zehnfränkigen «Zwiebel» anzeigen lassen. Und um zu wissen, welche Mondphase wir gerade haben, genügt auch ein Blick an den Himmel.

Blutige Perlhuhnfedern sind an den Uhren keine zu entdecken. Doch ein Teil ihrer «innewohnenden Kraft», des immateriellen Werts, der den Reiz ausmacht, entsteht durch Opulenz, die für manche Hersteller Opfercharakter annimmt. So wurde schon im letzten Jahr der Wert der Stände – also der bis zu dreistöckigen Bauten in den Hallen, die ein Einfamilienhaus in den Schatten stellen – auf 0,4 Milliarden Franken geschätzt. Nicht von ungefähr fragte sich diese Woche ein Basler Uhrenfabrikant, ob er die Kosten für den Messeauftritt reinholen kann.

Mit fremden Federn schmücken sich einige Uhrenmarken hingegen gern: Victorinox staubt sich bei den Armeemessern das Attribut «unverwüstlich» ab. Tonino Lamborghini stellt sich effektiv so eine vierrädrige Testosteronschaukel in den Stand. Gleich gegenüber prangt «Twice World Drivers Champion Fernando Alonso» – an jedem Handgelenk eine Uhr – am Viceroy-Stand. Und Hublot bemächtigt sich mit einem torjubelnden Pelé des Unsterblichkeits-Nimbus’ des Fussballstars. Ob dieses Sich-Schmücken mit angeblichem Heldentum dem erwünschten inneren Wert einer Uhr dient, fragt sich nicht zuletzt bei der Marke U-Boat: Diese bezieht sich für ihr Macho-Design auf U-42, ein Nazi-U-Boot, das im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten versenkt wurde.

Solch durchsichtiges Gehabe haben «grosse» Marken nicht nötig. So hat beispielsweise Rolex den quasi-religiösen Status des «Cult-Marketings» erreicht. Wer eine solche Uhr trägt, gehört zur Community, ist ein Jünger. Wer sich mit einer Fälschung begnügt, gilt dagegen als Heuchler, als Hochstapler, der sich illegitim des Zaubers der Marke bemächtigen will. Der Erwerb einer solchen Uhr ist ein Bekenntnis, der Kaufakt ein Ritual. Das Opfer, das der Käufer in Form eines tiefen Griffs ins Portemonnaie bringt, bringt die dem Fetisch innewohnende Kraft zur Entfaltung. Ein Amulett musste schliesslich schon immer bevorzugt aus seltenen oder nur unter Gefahren zu erlangenden Objekten bestehen, Tigerzähnen oder Bärenkrallen. Dann bringt es dem Besitzer Ansehen, Prestige, Status und Identität – und damit Glück und Schutz vor der Unbill des Lebens.

Die religiöse Dimension zeigt sich auch, wenn etwa die Manufaktur Girard Perregaux vom «Heiligen Gral in der mechanischen Uhrmacherei» spricht. Da werden Präzision und besonders schwierige Komplikationen wie etwa ein sich in allen drei Dimensionen drehendes Tourbillon – ein mikromechanisches Wunderwerk – mit spirituellem Mehrwert ausgestattet. Weshalb sonst sollte man sich so etwas anschaffen?

Übrigens hat der Gast aus Basel in der Savanne auf die Dagara-Figur verzichtet: Nur ein Stück Holz bringts nicht, und das Leben eines Perlhuhns ist schliesslich auch ein Wert.

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