Die schmiedeiserne Tür hat schon lange keiner mehr geöffnet. Spinnen haben ihre Netze zwischen die Stäbe gewoben. Am schmucklosen Lochblech, das etwas deplatziert wirkt und wohl all jene vom Eindringen abhalten soll, die durch die Lücken passen, haben sich Flechten angesetzt. Es ist ein feuchter, kalter Ort. Durch das Galgentöbeli bläst der Wind. Im Hintergrund rauscht der Moosbach. Der Name passt. Nur wenige Schritte entfernt stand einst der Galgen. Mörder, Räuber und Diebe wurden hier gehängt.

Hierher kommt keiner, der nicht muss. Das kleine Waldstück, in der S-Kurve zwischen Menziken und Beromünster gelegen, ist wenig begangen. Nicht so der Parkplatz am Eingang zu unserem verwunschenen Ort. Herumliegender Abfall und andere Hinterlassenschaften zeugen von vielen Besuchern mit wenig Verantwortungsgefühl. Eine Barriere versperrt die Zufahrt ins kleine Tal. Der breite Weg passt nicht recht ins Idyll. Man wundert sich.

Ludwig Suter steckt den Schlüssel ins Vorhängeschloss. Er passt. Der Nachtwächter von Beromünster scheint erleichtert. Viele Schlüssel baumeln an seinem Hosenbund. Die Tür geht leicht auf. Eine Treppe führt ins Dunkel. Es riecht feucht, modrig. Der Nachtwächter knipst seine Taschenlampe an. Ein runder Lichtfleck huscht über die Stufen. Mit schwerem Gang steigt der Mann die Treppe hinunter.

Der Nachtwächter von Beromünster, Ludwig Suter, hat Zugang zum ehemaligen Eiskeller.

Der Nachtwächter von Beromünster, Ludwig Suter, hat Zugang zum ehemaligen Eiskeller.

Zitrusfrüchte und Kohle

Am Ende der Treppe lassen sich im schwachen Schein der Lampe drei hintereinander liegende Räume erahnen. Der Leuchtkegel sucht sich seinen Weg über den geklinkerten Boden, entlang von Bruchsteinwänden, hinauf ins mit Backsteinen ausgekleidete Tonnengewölbe. Hin und wieder bleibt der helle Kreis stehen oder springt noch einmal zurück. Die Räume sind leer, bis auf ein eisernes Grabkreuz mit Betonsockel und kaum leserlicher Inschrift. Schwarze Flecken an den Wänden erinnern an die Kohle, die hier einmal gelagert worden ist. Doch die kam erst später, in den 1950-er-Jahren, noch nach den Zitrusfrüchten. Ursprünglich hatte der Keller eine andere Bestimmung.

Gebaut 1865, diente er während 40 Jahren der Lagerung von gegen tausend Bierfässern, gestapelt auf Regalen entlang der Wände, in Reih und Glied bis unter die Decke. Dazwischen lagen Eisbrocken, die in den Wintermonaten aus einem zugefrorenen Weiher südlich von Beromünster herausgesägt und schnellstmöglich hierher unter den Boden geschafft wurden. Der Eiskeller gehörte zum Gasthof Hirschen in Beromünster, wo seinerzeit nicht nur gekocht, sondern auch selber gebraut wurde. Die 20-wöchige Nachgärung des Hirschenbiers hatte unter konstanten Temperaturen um die fünf Grad zu erfolgen. Dafür wurde der Eiskeller geschaffen.

«Während das Bier lagerte, fuhr der Hirschenwirt mit der edlen Kutsche auf Kundentour und nahm in den Gaststätten im Oberwynental und im Seetal die Bestellungen auf», weiss der Nachtwächter zu erzählen. Ausgeliefert habe man nachher mit einem grossen Leiterwagen, gezogen von vier Pferden. Deshalb die breite Zufahrt und der grosse Wendeplatz draussen vor der Tür. Mit der schweren Last habe man die Auslieferung talabwärts begonnen. Die Tour habe nach dem Wynental ins Seetal und von dort hinauf bis nach Rothenburg und Römerswil und schliesslich wieder zurück nach Beromünster geführt.

1905 wurde die Brauerei aufgegeben. Der Keller geriet in Vergessenheit. In den 1940-er-Jahren diente er dem Menziker Früchte- und Gemüsehändler Trachsel eine Weile zur Aufbewahrung von Zitrusfrüchten. Später nutzte ihn die Familie Siegenthaler, ebenfalls aus Menziken, kurzzeitig als Kohlelager. Seither steht er leer.

Zwar existieren Ideen, wie man den ehemaligen Eiskeller, der inzwischen der Korporation Beromünster gehört, wiederbeleben könnte – etwa als Käselager oder für eine Champignonzucht. Doch haben es diese Vorschläge noch nie weiter als bis zum Stammtisch im «Hirschen» geschafft.