Der Lenzburger Stadtrat trifft sich jeweils am Mittwoch um halb neun zu seiner wöchentlichen Sitzung im Rathaus. Allerdings tagt die Exekutive nicht im Stadtratszimmer im ersten Stock. Zu düster sei dieser Raum mit seinen dunklen Holztäfelungen.

Viel heller und freundlicher ist – eine Etage höher – das Rixheimer-Zimmer. Hinter einer nicht gross verzierten Holztüre verbirgt sich die Schaltzentrale der kommunalen Politik. Bei Vollbesetzung sitzen im Zimmer acht Personen.

Sitzung des Lenzburger Stadtrats im Rixheimer-Zimmer (von links): Vize-Stadtschreiber Stefan Wiedemeier, Stadtschreiber Christoph Hofstetter, Stadtrat Martin Stücheli, Vizeammann Franziska Möhl, Stadtammann Daniel Mosimann, Stadtrat Martin Steinmann, Stadträtin Heidi Berner und Leiter Stadtverwaltung Daniel Hug. Chris Iseli

Sitzung des Lenzburger Stadtrats im Rixheimer-Zimmer (von links): Vize-Stadtschreiber Stefan Wiedemeier, Stadtschreiber Christoph Hofstetter, Stadtrat Martin Stücheli, Vizeammann Franziska Möhl, Stadtammann Daniel Mosimann, Stadtrat Martin Steinmann, Stadträtin Heidi Berner und Leiter Stadtverwaltung Daniel Hug. Chris Iseli

Nahe zur Türe sitzen der Stadtschreiber, sein Stellvertreter und der Leiter Stadtverwaltung, ehe sich die fünf gewählten Stadträte anschliessen. Am Kopfende hat Stadtammann Daniel Mosimann seine Position.

Ihm zur Rechten folgt Vizeammann Franziska Möhl. Die restlichen drei Stadträte verteilen sich auf die nächsten Plätze. «Ein fixe Sitzordnung, etwa gemäss Anciennität, gibt es bei uns nicht», so Stadtammann Mosimann. Bei jeder Änderung der Zusammensetzung arrangiert man sich neu.

Sicht auf die Schweiz im Zimmer

Das Tagungslokal des Lenzburger Stadtrates wird dominiert von einer kulturhistorischen Rarität: Die ganze Rückwand wird von einer Tapete eingenommen, deren Herkunft dem Raum den Namen «Rixheimer-Zimmer» gegeben hat.

Die Wanddekoration stammt von der Firma Zuber et Cie aus Rixheim (bei Mülhausen im Elsass) und trägt den Namen «Vue de Suisse». Handbedruckte Tapeten mit «Grand décors à paysages», grossen Landschaftsbildern, waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts en vogue. Auch die Lenzburger Behörden waren damals überzeugt, diese malerischen Ansichten der monumentalen Schweizer Landschaft aus dem elsässischen Rixheim passe perfekt als Dekor in die alte Ratsstube und zur Stellung, die der Raum künftig einnehmen sollte.

Der Grund war folgender: Mit der Konstituierung des Kantons Aargau war Lenzburg zum Bezirkshauptort erkoren worden und hatte als solcher eine entsprechend gute Figur zu machen.

1815 wurde also im 2. Stock des Rathauses das neue Bezirksamt eingerichtet. Dabei wurde dem repräsentativen Charakter des Bezirksamts ebenso viel Bedeutung beigemessen, wie den amtlichen Aufgaben, welche die Bezirksbehörde fortan auszuführen hatte.

Dass sich die Lenzburger bei der Einrichtung nicht lumpen lassen wollten, ist unter diesen Gesichtspunkten nur verständlich. Wie die Amtsstube nun angemessen würdevoll arrangiert werden sollte, ist in einer Notiz im Ratsmanual vom 15. Dezember 1815 niedergeschrieben: Da heisst es, das Zimmer soll anständig tapeziert, mit weissen Vorhängen versehen und für den Herrn Amtmann ein mit grünem Tuch überzogener Lehnsessel angeschafft werden.

Auf der Tapete im Rixheimer-Zimmer ist nicht das ganze Original-Sujet der Schweizer Landschaft abgebildet. Die Wand war zu schmal dafür. Das helvetische Alpenpanorama in seiner vollen Grösse findet sich jedoch im Schloss Schwetzingen bei Heidelberg.