Der 19-jährige Nedeljko Cabrinovic schleudert als Erster seine Bombe gegen den Wagen von Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie Chotek. Die gezündete Bombe prallt vom Hinterdeck des offenen Wagens ab und rollt unter das nachfolgende Fahrzeug, wo sie explodiert.

Mehrere Personen werden verletzt, darunter Schaulustige und der Adjutant des Generals Potiorek. Dieser selbst sitzt mit dem Thronfolgerpaar im vorderen Wagen.

Sie kommen mit einem Schrecken davon. Cabrinovic schluckt eine Zyankalikapsel und stürzt sich in den Fluss Miljacka. Der Selbstmordversuch misslingt und Polizisten ziehen ihn aus dem Wasser.

Es ist der strahlende Sommervormittag des 28. Juni 1914. Der Thronfolger des Kaiserreichs Österreich-Ungarn Franz Ferdinand ist soeben einem Mordanschlag entgangen.

Bereits vor dem geplanten Autokorso durch die Stadt haben Attentatsgerüchte die Runde gemacht. Die Wagenkolonne begibt sich rasch zum nahen Rathaus, wo Franz Ferdinand seinen Unmut gegenüber dem Bürgermeister mit diesen Worten kundtut: «Das ist recht hübsch! Da kommt man zu Besuch und wird mit Bomben empfangen.» Aus heutiger Sicht folgt das Unfassbare: Trotz Anschlag und ohne rigoros verschärftes Sicherheitsdispositiv wird die Fahrt durch Sarajevo fortgesetzt.

Princip und Co. handeln autonom

Das Drama nimmt seinen Lauf: Eine Reihe von Zufällen verhilft dem bald 20-jährigen Anführer der Truppe, Gavrilo Princip, zum Anschlag: Landeschef Potiorek will, dass der Wagen des Thronfolgerpaars – um ein erneutes Attentat zu erschweren – mit hoher Geschwindigkeit und veränderter Route zum Militärspital rast, wo Franz Ferdinand den verletzten Adjutanten besuchen will. Der Plan dringt aber nicht bis zum Chauffeur. So muss dieser auf Höhe der Lateinbrücke anhalten, um zurückzusetzen und in die richtige Strasse in die Altstadt abzubiegen. Es ist die Ecke, die sich Princip auf der ursprünglichen Route ausgewählt hat. Zwei Schüsse fallen, wenn auch Zweifel berechtigt sind, dass Princip beide abgegeben hat.

Vielmehr wird vermutet, dass der Rückstoss des ersten den zweiten ausgelöst hat. Princip ist im Gegensatz zum Thronfolger kein guter Schütze. Es sind reine Zufallstreffer: Der erste bohrt sich durch die Karosserie in den Unterleib der Herzogin, der zweite trifft den Thronfolger in den Hals. Beide verletzen lebenswichtige Organe. Seite an Seite stirbt das Thronfolgerpaar kurze Zeit später.

Blanker Zorn auf die Habsburg-Monarchie sollen den jungen Gymnasiasten Gavrilo Princip und seine Mitstreiter angetrieben haben. Später wird Princip vor Gericht sagen, er sei Nationalist, kein Verbrecher und wolle die Vereinigung aller Jugoslawen. Die Herzogin Sophie Chotek habe er aus Versehen getötet.

Hintergrund ihres Tuns sind die Balkankriege und die armseligen Verhältnisse, mit denen bosnische Bauern zurechtkommen müssen. Princip stammt aus bitterarmen Verhältnissen. Als Junge ist er nach Sarajevo geschickt worden, um der kaiserlich und königlichen Armee zu dienen. Stattdessen besucht Princip das Gymnasium.

Unter dem Eindruck der Balkankriege wird Princip politisch sozialisiert. Der Hass auf die Okkupationsmacht Österreich-Ungarn wächst. Als er und seine Compagnons die Attentatspläne fassen, ist auch die serbisch-nationalistische Untergrundorganisation «Schwarze Hand» mit Beziehungen zur serbischen Regierung dabei, Attentatspläne zu schmieden. Gesichert ist heute, dass Princip und seine Freunde losgelöst von der Schwarzen Hand gehandelt haben. Ohne logistische Unterstützung aus Serbien geht es aber nicht: Während ihres Aufenthalts in Belgrad erhalten die jungen Attentäter Schulung. Ohne Unterstützung wäre es auch kaum denkbar, dass es die Attentäter und die Waffen unbemerkt zurück nach Sarajevo geschafft haben.

Die serbische Spitze wusste um das Risiko eines ausbrechenden Krieges nach einem Attentat auf die österreichische Spitze. Darauf will man es nicht ankommen lassen, haben die Balkankriege doch massiv an den eigenen Reserven gezehrt. Trotzdem wird wenig unternommen, um Princip und Co. zu stoppen. Wohl auch deshalb, weil man den jungen Männern gar nicht zutraut, mit ihren Anschlägen zu reüssieren.

Der leidvolle Tod des Attentäters

Das Attentat von Sarajevo ist eine Zufallslaune der Geschichte, deren Wendung zum selben Zeitpunkt an einem seidenen Faden hängt. Die Folgen sind bekannt: Während es in Sarajevo zu pogromartigen Hetzjagden gegen Serben kam, war das Attentat das vielleicht folgenreichste der Weltgeschichte. Es stand am Anfang einer Kettenreaktion, die zum Ersten Weltkrieg führte. Nachdem Österreich ein unerfüllbares Ultimatum an Serbien stellte, erklärte es dem Balkanstaat am 28. Juli den Krieg, nachdem Deutschland seinerseits volle Unterstützung versichert hat. Gleichentags mobilisierte Russland seine Armee, um Serbien beizustehen. Am 1. August folgte die Kriegserklärung Deutschlands an Russland. Tags darauf marschierte das deutsche Heer in Luxemburg ein, ehe es am 3. Frankreich den Krieg erklärte und Belgien besetzte. Das konnte England nicht hinnehmen und erklärte seinerseits Deutschland den Krieg. Es ist der Beginn vom Ende: Die Mittelmächte Österreich-Ungarn und Deutschland stehen den Entente-Mächten gegenüber.

Der Zweifrontenkrieg nimmt seinen Lauf. In Sarajevo beginnt am 12. Oktober der Prozess gegen die Attentäter. Der unterdessen 20-jährige Princip, dessen Suizidversuch nach dem Anschlag ebenso misslingt wie derjenige Cabrinovic’, entkommt dem Tod durch den Strang, weil er bei der Schussabgabe noch minderjährig war. Stattdessen wird er in Theresienstadt unter widerlichen Bedingungen eingekerkert. Etwas mehr als drei Jahre später stirbt er an Tuberkulose. Ironie der Geschichte: Princips letzter Hauch währt bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein. Der Arzt, der ihm kurz vor seinem Tod am 28. April 1918 den zerfaulten Arm amputiert, wird am 20. Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert, das nunmehr den Nationalsozialisten als Vorzeige-KZ dient. Zwei Jahre später kommt er ins Vernichtungs-KZ nach Auschwitz. Sein aussergewöhnlich grosser Schädel soll als Studienobjekt auf dem Schreibtisch des NS-Arztes Josef Mengele gelandet sein.

Gregor Mayer: Verschwörung in Sarajevo – Triumph und Tod des Attentäters Gavrilo Princip. Residenz-Verlag, Wien 2014. 159 Seiten.