Carl Spitteler. Fällt der Name, sieht man heute meist fragende Gesichter. Der Dichter der grossen Epen und heiteren Heimatliteratur ist kaum mehr bekannt – und in den Lehrplänen der Universitäten sucht man den einzigen Schweizer Literatur-Nobelpreisträger meist vergebens. Am längsten im Bewusstsein gehalten hat sich wohl sein Gedicht «Die jodelnde Schildwache», es war noch in den 1960er-Jahren in den Schweizer Lesebüchern abgedruckt. Heute ist Spitteler eher Historikern als Literatur-Kennern ein Begriff. Allerdings nicht wegen seiner Schriften, sondern wegen seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt». Gehalten am 14. Dezember 1914 vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft in Zürich.

Unfreiwillig kam der Dichter dazu, eine politische Rede zu halten. «So ungern als möglich trete ich aus meiner Einsamkeit in die Öffentlichkeit», sagte er. Seinen Auftritt bezeichnete er als «Bürgerpflicht», um «einem unerquicklichen und nicht unbedenklichen Zustand entgegenzuwirken». Denn 1914 herrschte Streit im Land: Die Romands warfen den Deutschschweizern vor, sich zu nahe an Deutschland anzulehnen, die Deutschschweizer fanden, die Westschweiz drifte zu sehr nach Frankreich ab. Es drohte nicht nur Streit, sondern die Spaltung des Landes. In dieser Situation wurde Carl Spitteler als Redner angefragt. Der angesehene, 69-jährige Dichter sollte richten, was die Politik nicht vermochte oder nicht wollte.

Spittelers Botschaft in «Unser Schweizer Standpunkt» war ein Aufruf, sich im Innern zusammenzuraufen. «Es tröstet mich nicht, dass man mir sagt: ‹Im Kriegsfall würden wir trotzdem wie ein Mann zusammenstehen.› Das Wörtchen ‹trotzdem› ist ein schlechtes Bindewort. Sollen wir vielleicht einen Krieg herbeiwünschen, um unserer Zusammengehörigkeit deutlicher bewusst zu werden? Das wäre ein etwas teures Lehrgeld.» Spitteler forderte die Schweizer auf, Distanz zu wahren («auch der beste Nachbar kann unter Umständen mit Kanonen auf uns schiessen»), selbst gegenüber Deutschland, so verbunden er sich dem Land und seiner Kultur privat fühle. Deutschlands Feinde – England, Frankreich, Belgien, Serbien – seien nicht Feinde der Schweiz, beschwor er die Miteidgenossen. Und er rief dazu auf, angesichts des Krieges und des Leides rundum bescheiden zu sein. Und vor allem eines: neutral.

Seine Rede – mehrere Seiten lang und tage-, ja wochenlang lang vorbereitet – wurde in der «NZZ» abgedruckt und in Buchform auch in Deutschland veröffentlicht. Die Wirkung in der Schweiz war verblüffend stark. Doch für Spitteler, für den Schriftsteller deutscher Sprache, der in deutschen Verlagen herauskam und stets um Beachtung und Auflagen kämpfte, war die Rede folgenschwer. Das «Stuttgarter Neue Tagblatt» schrieb, dass Spitteler aus Rücksicht auf den Fremdenverkehr vor englischem Geld krieche, und erklärte ihn für Deutschland als «abgetan». Die Spitteler-Hetze war vergleichbar mit der Hodler-Hetze. Der Maler Ferdinand Hodler geriet 1914 in die deutsche Kritik, als er mit anderen Künstlern einen Protest gegen das deutsche Bombardement der Kathedrale von Reims unterzeichnete. Seine Unterschrift bedeutete das Aus für seine Karriere in Deutschland.

Spitteler kostete die Rede beinahe den Literatur-Nobelpreis. Er war bereits 1914 dafür vorgeschlagen. Doch wegen des Kriegsausbruches gab es 1914 keine Nobelpreise, und 1915 sah das Komitee von der Auszeichnung ab, weil sich Spitteler mit seiner Rede politisch zu sehr exponiert hatte. 1920 verlieh ihm das Komitee den Preis rückwirkend für 1919. Er wurde «vor allem in Anerkennung seines machtvollen Epos ‹Olympischer Frühling›» ausgezeichnet.

«Der olympische Frühling» ist das gewichtigste Werk des reifen Dichters. Er arbeitete Jahre am 20'000 Verse umfassenden Epos, veröffentlichte es zwischen 1900 und 1905 in Etappen und 1910 die endgültige Fassung. Wie schon in seinen «Prometheus»-Dichtungen setzte Spitteler die antiken Götter als Hauptfiguren ein und lässt sie als tragische Helden gegen den sittlichen Zerfall der modernen Welt und gegen die Vereinnahmung durch die Massengesellschaft antreten. Doch Spitteler war nicht nur der Ependichter, der Homer der Schweiz, sondern auch Heimatdichter, (glückloser) Theaterautor, Lyriker und Verfasser von Abhandlungen über den Gotthard oder seinen Garten voller mediterraner Gewächse in Luzern. Sein Ziel war es, «jedes Feld der Literatur mit einem Stein zu besetzen». Und immer schwankte er zwischen pessimistischer Weltsicht, dichterischem Schöpfungsbewusstsein und Hoffnung. Mit seinen Worten: «In dieser Welt von Übeln krank, von Blute rot, /Tut Geist und Schönheit, tut ein Flecklein Himmel not…»

Geboren wurde Carl Georg Spitteler am 24. April 1845 in Liestal als Sohn eines Richters. Seine Kindheit schildert er in «Meine frühesten Erinnerungen» mit bewundernswerter Erinnerungsgabe und Detailliebe. Auf Wunsch des Vaters studierte er Jura, doch schon der Siebzehnjährige wollte Dichter werden. Erste Entwürfe und dramatische Versuche blieben aber erfolglos. Mit zwanzig flüchtete er aus dem Elternhaus und aus der Juristerei und begann ein Theologiestudium, obwohl er Atheist war. Das Schreiben musste warten, Spitteler ging für acht Jahre als Hauslehrer nach St. Petersburg, unterrichtete später an der Mädchenschule in Bern und in La Neuveville.

Den Schuldienst empfand er als «Fron», als Hindernis für seine schriftstellerische Arbeit. Trotzdem erschien 1881 sein Erstling «Prometheus und Epimetheus» – noch unter dem Pseudonym Felix Tandem (übersetzt: endlich glücklich). Das Werk über einen Aussenseiter der Gesellschaft, der für das Gute kämpft, ähnelte in seinem Kulturpessimismus, aber auch in der rhythmisierten Prosa Friedrich Nietzsches «Also sprach Zarathustra». Ihn bewunderte Spitteler und distanzierte sich doch.

Näher bei seiner Berufung, aber noch immer als «Diktat der Lohnarbeit» empfand er seine Arbeit als Redaktor – erst bei der Schweizer Grenzpost in Basel und ab 1890 als Feuilletonredakteur der Neuen Zürcher Zeitung. 1883 heiratete er seine ehemalige Schülerin Maria Op den Hooff, die Erbschaft des Schwiegervaters 1893 ermöglichte Spitteler dann ein finanziell unabhängiges Leben als freier Schriftsteller. Er lebte bis zu seinem Tod am 29. Dezember 1924 mit seiner Frau und den beiden Töchtern in einem herrschaftlichen Haus in Luzern.

Aus dem Geist der Zeit genährt war Spittelers Roman «Imago» von 1906. Der etwas sperrige Text liest sich wie eine leicht ironisierte in eine Geschichte transponierte Psychoanalyse von Sigmund Freund. Ein Schriftsteller lässt sich von seinem Unterbewussten die grosse Liebe suggerieren – und macht sich lächerlich. Die Figur habe durchaus autobiografische Züge, verriet Spitteler in einem Brief: «Seit vierzehn Monaten schaffe ich unselig etwas Unseliges: ein Prosabekenntnis: die Liebesgeschichte des Felix Tandem in dem Jahre, als er den ‹Prometheus› schrieb».

Doch Spitteler konnte durchaus heiter sein: in seinen Gedichten wie «Die Jodelnde Schildwache» oder wenn er im Fortsetzungsroman «Das Wettfasten von Heimligen» für die «NZZ» eine absurde Dorfgeschichte erfand. In seinen «Lachenden Wahrheiten» ist er aber wieder der Kulturpessimist, wettert gegen falsche Kunstauffassungen und literarisches Unverständnis.

Um Spittelers Werk zu erhalten, erteilte die Eidgenossenschaft 1945 zum hundertsten Geburtstag des Dichters den Auftrag, eine Gesamtausgabe herauszugeben. Heute sind einzelne wieder ediert, manche Texte bei gutenberg.de greifbar, viele bei Kindle gratis downloadbar. Mitte April erscheint wieder einmal ein Werk (Europa Verlag) in Buchform: Die Geschichten über den Gotthard. In den Buchhandlungen sucht man seine Werke aber (meist) vergebens.