Ski-WM St. Moritz

White Turf und die Ski-WM – ein Tag zwischen Pelz und Ski-Mütze

Ob lebendig oder nicht – Pelz ist ein treuer Begleiter der Zuschauerinnen an den Pferderennen in St.Moritz.

Ob lebendig oder nicht – Pelz ist ein treuer Begleiter der Zuschauerinnen an den Pferderennen in St.Moritz.

Das Dorf St. Moritz leidet unter seinem Image – aber nicht überall kommt der Wunsch nach mehr Bescheidenheit an.

Es ist der Tag der Superlative. Die Frauen- und die Männerabfahrt innerhalb von vier Stunden – mehr Spektakel geht nicht. Und grösser ist das Schaufenster für St. Moritz nie mehr an dieser WM: Über 30 000 Menschen entlang der Piste, viele Tausende unten im Dorf. Und Fernsehbilder, die um die ganze Welt gesendet werden.

Das war der 7. Tag an der Ski-WM in St. Moritz:

St. Moritz als Inbegriff des Skisports. Das ist sonst anders. Wer St. Moritz hört, denkt an das teuerste Hotelzimmer der Welt, an Kaviar, Cüpli und Pelz, an Krokodilleder, teure Uhren und edle Luxuskarossen. All diese Zutaten kommen zusammen am White Turf, dem Pferderennen auf dem zugefrorenen See am Fuss des Dorfes. So auch am Sonntag wieder.

Unten der Pelz, oben am Berg das Fussvolk – zwei Welten, die nicht zusammenpassen. Die aber nebeneinander funktionieren müssen, will St. Moritz nicht den Anschluss verpassen: In den letzten zehn Jahren hat der Kurort fast 200 000 Hotelübernachtungen verloren, knapp 20 Prozent. Über Jahrzehnte definierte man sich als Treffpunkt des Geldadels, wo die Masslosigkeit regiert.

Feiern als Skisportfamilie

Doch, so hat es die «NZZ am Sonntag» schön beschrieben, heutzutage gilt «das Echte, Bodenständige als höchstes Gut». Das führt zu einem immer grösseren Interessenskonflikt im Dorf: Die einen drängen darauf, dass St. Moritz attraktiver und vor allem bezahlbarer wird für die «Normalos». Die andere Seite, die von der Potenz der Superreichen profitiert, hält dagegen.

Muss sich St. Moritz also neu erfinden? Wie kann die Ski-WM dabei helfen? Und ist die Ski-WM überhaupt gut für St. Moritz? Ein Rundgang durch die zwei Welten, die am Sonntag aufeinanderprallen.

Der Skifan geht zu Fuss – und mancher schon am frühen Morgen mit Bier in der Hand. Der Aufstieg bis in den Zielbereich der Ski-WM dauert fast eine Stunde. Viele Fans haben Fahnen dabei: aus der Schweiz, aus Österreich, aus Norwegen oder Italien. Gefeiert wird friedlich und zusammen – als Skisportfamilie. Wenn sich die Massen an einem Engpass stauen, bleiben alle geduldig. Der Skifan ist es gewohnt, zu stehen. Später am Tag muss er für eine Bratwurst im Zielgelände bis zu 30 Minuten warten. 

Grosse Hoffnungen in die WM setzt man bei den St. Moritzer Bergbahnen. «Wir haben hier eines der traditionsreichsten und umfassendsten Skigebiete der Welt – aber wenn man an Skifahren denkt, denkt man nicht an St. Moritz. Und umgekehrt das Gleiche», sagt Richard Adam, Leiter Marketing & Verkauf.

Nur 50 Prozent der Touristen, die im Winter nach St. Moritz kommen, gehen Skifahren – eine miserableQuote im Vergleich mit anderen Schweizer Skidestinationen. «Mit Hilfe der WM muss sich St. Moritz besser positionieren als Ort für Schneesport-Erlebnisse», sagt Adam. Mehr Dreisterne-Hotels, attraktivere Kombi-Angebote, eine geerdete Gastronomie im Skigebiet.

«Jeder macht das, was für sein Unternehmen das Beste ist»

Bei der Auswahl der Klientel haben die Bergbahnen eine klare Präferenz. «Wenn zwei auf dem Sessellift sitzen und die Tageskarte bezahlt haben, der eine wohnt in der Jugendherberge, der andere im Fünfsterne-Hotel – dann ist uns der aus der Jugendherberge lieber, weil er am nächsten Tag wieder Ski fahren geht», so Adam. Er ist sich bewusst, dass die Bergbahnen in ihrem Streben nach mehr Attraktivität für den Normalverdiener auch Gegner mobilisieren: «Es gibt viele, die nicht einsehen, dass es einen Wandel braucht. Es macht jeder das, was für sein Unternehmen das Beste ist.»

Es ist kurz vor elf, als beim White Turf das erste Rennen startet. Inmitten einer malerischen Kulisse, umgeben von Schneebergen und den majestätischen Hotelbauten von St. Moritz. Die Ski-WM ist hier unten weit weg, nur der Lärm der Patrouille Suisse erinnert an sie. Den Grossteil derjenigen, die heute auf den See gekommen sind, lässt die WM kalt.

White Turf: Tradition vor prächtiger Kulisse.

White Turf: Tradition vor prächtiger Kulisse.

Viele Klischees werden hier bestätigt: Viele Frauen tragen lange Pelzmäntel, einige sind von Kopf bis Fuss von toten Tieren umhüllt. Sie tragen Highheels. Dass sie dabei auf der weichen Unterlage kaum vorwärtskommen, scheint nebensächlich. «Ganz, ganz, ganz speziell», sagt die eine ältere Pelz-Dame zur anderen. Die Männer rauchendicke Zigarren und schenken ihren Begleiterinnen teuren Champagner ein. Warum sind Sie hier und nicht oben? «Weil ich hier meine Ruhe habe», antwortet ein Herr mit Cowboy-Hut kurz angebunden.

Seinen Ärger kann er nicht kaschieren. Sigi Asprion ist Gemeindepräsident von St. Moritz und atmet am anderen Ende der Leitung tief durch. «Ich will jetzt keine Medien-Schelte betreiben – aber die Journalisten sind es doch, die das einseitige Image von St. Moritz immer wieder in die Welt hinaustragen.»

Dabei, so Asprion, sei dies nur der eine Teil. «Die Wahrheit über St. Moritz beinhaltet auch: Wir sind erstklassig im Bereich Jugendherbergen und haben fantastische Drei-Sterne-Hotels, nur will das anscheinend niemand anerkennen.» St. Moritz müsse deshalb sein Image nicht verändern, dagegen wehre er sich, so Asprion. Vielmehr müsse man es erweitern. «Die High Society gehört zu uns und ist wichtig. Vielleicht aber hat man sich in der Vergangenheit zu fest auf diese Klientel fokussiert. Dabei kann man in St. Moritz einen Kaffee trinken für 3.50 Franken – wo kann man das sonst?»

Den Wein hat der Skifan selbst mitgebracht und trinkt ihn aus dem Plastikbecher. Das Bier fliesst aus der Dose in den Mund. Zwischen den Massen spielen Kinder im Schnee. Als plötzlich die Schweizer Skifahrerin Jasmine Flury auftaucht, rennen alle zu ihr und wollen ein Autogramm. Der Sportler ist dem Fan so nah. Bodenständig seien sie, die Skifahrer, sagen die Fans. So wie sie selbst. Beim WC-Häuschen heisst es wieder warten. 15 Minuten vielleicht. Die Menschen singen, andere tanzen. Fast alle feiern.

Während der WM bevölkern täglich Tausende von Menschen den St. Moritzer Dorfkern. Vor und nach den Rennen auf Salastrains floriert das Leben in den Gassen. In den Après-Ski-Bars werden Aperol Spritz und Champagner über die Theken gereicht. In den Klubs ist Wodka und Gin angesagt.

Die Ski-WM, ein einträglicher Event? Diese Ansicht teilen nicht alle. Hinter den Schaufenstern der Edelboutiquen, Schmuckgeschäften und Kunstgalerien ist die Stimmung mehrheitlich negativ. Roger König, Inhaber eines Juwelier-Geschäfts, sagt, dass er die Rollläden momentan besser schliessen würde. «Dann könnte ich die Personalkosten einsparen.»

Für seines und andere Geschäfte seien die Ski-Weltmeisterschaften eine «riesengrosse Katastrophe». Bereits während der WM 2003 habe er einen dramatischen Umsatzeinbruch erlebt. «Seither ist es nur bergab gegangen. Wenn diese WM den gleichen Effekt auslöst wie vor 14 Jahren, werden viele Geschäfte in naher Zukunft St. Moritz verlassen», sagt König.

Auch in der Metzgerei Heuberger an der Via da l’Alp warten die Verkäuferinnen vergeblich auf Kunden. Inhaber Erich Heuberger schreibt das vor allem dem Verkehrskonzept zu. «Die Stammkunden kommen nicht, weil sie mit ihrem Auto nicht ins Dorfzentrum fahren können», erklärt er.

«Auch wir haben uns einen anderen Geschäftsgang vorgestellt», sagt Margit Manferto. Die Ostschweizerin aus dem Toggenburg arbeitet während der Titelkämpfe für den Glarner Chocolatier Läderach temporär im Geschäft an der Via Serlas. «Ich bin eigentlich hierhergekommen, weil wir mit vielen Kunden rechneten. Statt Schokolade zu verkaufen, bereite ich nun halt Produkte im Hintergrund vor.»

Es gibt in der Ladenmeile jedoch auch Stimmen, die das Positive der WM sehen. Lukas Häusler, Filialleiter im Sportgeschäft Skiservice Corvatsch, sagt, dass man die WM als Investition in die Zukunft sehen müsse. «Alles andere bringt doch nichts. Nur weil im Moment einige treue Feriengäste nicht nach St. Moritz kommen, muss man nicht alles schlechtreden. Der Event wird dafür sorgen, dass bald neue Touristen ins Engadin kommen. Und dann werden wir profitieren.»

Am White Turf ist Mittagspause. Die Veranstalter haben bewusst auch Bier- und Wurststände aufgestellt, es gibt Pommes frites für 5  Franken, um zu zeigen: Auch «Normalos» sind erwünscht. Doch dieses Angebot ist vor allem gut gemeint, nicht aber gut genützt. Hier will praktisch niemand eine Wurst. Kaviar! Wer 30 Gramm bestellt, bezahlt 50 Franken.

Nebenan gibt’s eine kleine Rösti mit Rauchlachs für 38 Franken, dazu eine Flasche Champagner für 150. Während die Eltern dinieren, lernen die Kinder ihre möglichen zukünftigen Lehrer kennen: Am Stand des Lyceum Alpinum Zuoz, wo ein Schuljahr 80 000 Franken kostet. Übrigens: Besucher hat die WM den White Turf keine gekostet. Über 10 000 Menschen sind an diesem Sonntag auf dem See – für sie braucht St. Moritz nicht am Image zu schrauben.

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