Es braucht Mut, alles zu setzen. Wer es tut, ist siegessicher. Oder er blufft zumindest so gut, dass es hoffentlich niemand merkt. Beat Feuz hat es getan nach der Schweizer Enttäuschung im Super-G: «Die Abfahrt am Samstag könnte der grosse Schweizer Tag werden.» Oder anders gesagt: Dann schlagen sie zu.

Dummerweise wird im Skisport ein Bluff spätestens erkannt, wenn es auf der Piste losgeht. Der Einsatz ist gross, denn sollte es nicht klappen mit einer Medaille, wird die Unruhe im und um das Männerteam sofort da sein.

Denn vielleicht ist es schon die letzte grosse Chance für Beat Feuz und Co., an dieser Heim-WM nicht leer auszugehen. «Wir wissen, dass wir vielleicht in drei Rennen ernsthafte Medaillenchancen haben. Die erste haben wir verpasst. Nun kommt die Abfahrt», sagt Cheftrainer Tom Stauffer. Dann kommt noch die Kombi. Im Slalom und Riesenslalom wird es wohl eher schwierig.

Feuz fuhr im Abfahrtstraining die zweitbeste Zeit.

Feuz fuhr im Abfahrtstraining die zweitbeste Zeit.

Die Spielchen haben begonnen

Beat Feuz ist ein leidenschaftlicher Pokerspieler. Bei diesem Spiel entscheiden kleine Körpersignale, ob ein Bluff erkannt wird oder nicht. Oft tragen Spieler eine Sonnenbrille, um verdächtige Augenbewegung zu verbergen.

Als Beat Feuz nach seinem enttäuschenden 12. Rang im WM-Super-G seine Kampfansage für die Abfahrt formuliert, verhindern auch bei ihm gespiegelte Gläser den Blick in seine Augen. War es also ein Bluff?

Die Österreicher zumindest schieben die Favoritenrolle auf den Schweizer. Vincent Kriechmayr, gestern im Training Schnellster, sagt: «Ich sehe ganz klar Beat ganz vorne.» Die Spielchen haben begonnen. Denn Feuz antwortet: «Vincent ist nach dieser Fahrt für mich der Top-Favorit. Hut ab vor dieser Leistung.» Die Karten wollen sie noch nicht aufdecken.

Beat Feuz hofft in der Abfahrt auf Gold.

Beat Feuz hofft in der Abfahrt auf Gold.

Fakt ist, dass Feuz auch im zweiten Abfahrtstraining gezeigt hat, dass mit ihm zu rechnen sein wird am Samstag. Nach Bestzeit am Dienstag fuhr er gestern auf Rang zwei. Es sind Indizien dafür, dass er nicht blufft. «Ich bin ganz zufrieden mit meinen bisherigen Fahrten», sagt Feuz dieses Mal ohne Sonnenbrille. Seine Augen funkeln zuversichtlich. Unsicherheit ist nicht zu erkennen.

Die Frage ist, ob Feuz, der am Tag der Abfahrt seinen 30. Geburtstag feiert, seine Coolness behalten kann. In der Regel wäre die Antwort einfach. Beim Emmentaler hat man das Gefühl, dass ihn nichts aus der Ruhe bringen kann.

Doch ausgerechnet bei der Aufarbeitung der Super-G-Resultate war aus dem Umfeld der Schweizer Trainer Beunruhigendes zu erfahren. Sie vermissten die nötige Überzeugung bei den Athleten, um an einer WM eine Medaille zu gewinnen.«Keiner hatte die Coolness, die es braucht», sagte Speedchef Sepp Brunner dem «Tages-Anzeiger».

Keine Schlafprobleme

War der Erwartungsdruck, der besonders an einer Heim-WM fast schon unheimliche Dimensionen annimmt, zu hoch? Verlor ausgerechnet Pokerspieler Feuz den Glauben an seine Stärken? War die Nervosität plötzlich zu gross?

Feuz sagt: «Ich kann in der Nacht vor den Rennen eigentlich immer am besten schlafen. Wir dürfen vor vielen Menschen das tun, was wir lieben. Wer nicht schlafen kann, macht etwas falsch.» Die Nervosität ist also kein Problem. Feuz sagte aber auch schon: «Ich bin ein Typ, der sich am Start pushen muss, um richtig ins Rennfeeling zu kommen. Weil ich fast zu ruhig und entspannt bin.»

Die Anspannung aufzubauen, dürfte am Samstag kein Problem sein. Feuz weiss, dass er liefern muss. Er selbst hat es angekündigt. «Die Abfahrtsstrecke liegt mir viel besser als jene im Super-G. Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt», sagt Feuz. Der Schweizer ist bereit, alles zu setzen. All-in heisst das am Pokertisch. Der Lohn könnte goldig sein. Hoffentlich verzockt sich Feuz nicht.