Ski-WM St. Moritz

«Ich wollte nicht so frech fahren» — Abfahrtsweltmeister Beat Feuz im Interview

Beat Feuz posiert am Tag nach dem Abfahrtstitel mit der Goldmedaille in St. Moritz.

Beat Feuz posiert am Tag nach dem Abfahrtstitel mit der Goldmedaille in St. Moritz.

Der 30-Jährige Feuz spricht über seine Gold-Fahrt, Berufswünsche und Rennen gegen sich selbst.

In der Abfahrt erwarteten alle von Ihnen eine Medaille. Viele wären an diesem Druck zerbrochen. Sie nicht.

Beat Feuz: Ich war schon immer stark im Kopf. Das hat sich auch bei all meinen Verletzungen gezeigt. Vieles auf dem Weg zurück an die Spitze war Kopfsache. Mein Kopf ist eines der stärksten Körperteile von mir.

Wir haben einen Berufs-Vorschlag für die Zeit nach Ihrer Karriere als Skiprofi: Geben Sie Seminare zum Thema «wie gehe ich mit Druck um?» – Sie wären ein reicher Mann.

Das glaube ich nicht (lacht). Mein Umgang mit Druck würde vermutlich bei vielen nicht funktionieren.

Wie gehen Sie damit um?

Das Ziel muss sein, so wenig wie möglich zu denken. Das ist nicht immer leicht. Wenn es mir nicht läuft, wenn ich Rückschläge einstecken muss, dann überlege auch ich. Aber es ist meine Stärke, dass ich Dinge nach einer gewissen Zeit vergessen kann. Ich drücke symbolisch die Neustart-Taste und von diesem Moment an glaube ich an das Positive.

Sie haben Ihren Kopf als eines der stärksten Körperteile bezeichnet. Das schwächste ist Ihr linkes Knie. 2012 war sogar die Rede davon, das Gelenk zu versteifen. Es wäre das Ende Ihrer Karriere gewesen. Konnten
Sie wirklich immer positiv bleiben?

Nein. In dieser Phase war ich immer mal wieder gefühlsmässig tief unten. Weil ich so tief gefallen war, fehlte mir manchmal die Motivation. Ich habe es nicht immer geschafft, alles dafür zu tun, um zurückzukommen. In dieser Zeit brauchte ich Hilfe. Ich brauchte Menschen, die mich motivierten. Sie sagten zu mir: Probier das. Finde heraus, was geht und was nicht. So habe ich meinen Weg gefunden. Es ist zwar nicht mehr alles möglich, aber vereinzelt immer noch sehr viel. Darauf habe ich hingearbeitet.

Am Sonntag wurden Sie mit Gold belohnt und Ihr Weg hat sich bestätigt. Sie haben kurz nach der Siegerehrung dann auch als Erstes Ihr Umfeld genannt. Gäbe es den Skifahrer Beat Feuz ohne sein Umfeld heute noch?

Das ist eine schwierige Frage. Es könnte sein, dass ich mich ohne mein Umfeld anders entschieden hätte. Dass ich gesagt hätte, es macht keinen Sinn mehr. Sicher ist, ohne mein Umfeld wäre es mir viel schwerer gefallen.

Ihre Freundin Katrin Triendl war Skifahrerin und musste die Karriere wegen Verletzungen beenden. Sie ist eine wichtige Stütze für Sie.

Genau. Sie hat aber nie gesagt, dass ich es probieren muss, weil das Skifahren das Wichtigste ist, was es gibt. Sie hat mir gesagt: «Ich unterstütze dich, egal, was kommt.» Ich wusste immer, dass die Frage, ob ich weiter Ski fahren kann, nichts an unserer Beziehung ändert.

Der Siegeskuss: Katrin Triendl und Weltmeister Beat Feuz. Daneben strahlen Vater Hans und Mutter Hedi vor Glück.

Der Siegeskuss: Katrin Triendl und Weltmeister Beat Feuz. Daneben strahlen Vater Hans und Mutter Hedi vor Glück.

Haben Sie in der schwierigen Zeit, als sich Ihr Knie entzündete, Post bekommen von Menschen, die ähnliche Probleme hatten wie Sie?

Ja, es haben mir sehr viele Menschen geschrieben. Einige wollten mir Ratschläge geben, wie sie mit dieser Situation umgegangen sind oder was ihnen als Therapie geholfen hat. Andere wollten einfach nur erzählen, dass es ihnen auch so geht, dass sie auch unter gesundheitlichen Problemenleiden. Als es mir besser ging, wollten viele wissen, wie ich es gemacht habe, dass es mir besser geht?

So präsentiert sich der aktuelle Medaillenspiegel der Ski-WM:

Konnten Sie helfen?

Leider habe ich nicht die Zeit, um allen zu antworten.

Wir hätten noch einen Berufs-Vorschlag für Sie. Bernhard Russi hört als TV-Experte nach der WM auf. Wäre das nicht auch ein Job für Sie?

Da müsste ich ja jetzt zurücktreten, um mich zu bewerben (lacht). Aber auf einen Rücktritt habe ich im Moment noch keine Lust. Mein Ziel ist sicher, noch ein, zwei Jahre zu fahren. Und danach? Ich spreche gerne, ich kenne mich gut aus im Skisport. Das wär sicher etwas, das ich nicht ungern täte.

Bernhard Russi war der Liebling der Skination. Das sind Sie auch, oder?

Ich glaube, es fiebern viele Menschen mit mir mit, weil sie wissen, dass ich so tief unten war. Viele Fans haben mitbekommen, dass es mir nicht immer gut gegangen ist. Darum haben mir wohl viele die Daumen gedrückt, dass ich eine WM-Medaille vor Heimpublikum holen kann. Das hat mich angespornt. Ich habe schon gemerkt, dass sehr viele Menschen hinter mir gestanden sind.

Bernhard Russi (68) ist auch lange nach seiner Karriere als Skiprofi schweizweit bekannt.

Bernhard Russi (68) ist auch lange nach seiner Karriere als Skiprofi schweizweit bekannt.

Nun sind Sie Weltmeister und Ihr Manager hat eine Flasche Wein verloren.

Das wusste ich nicht.

Er ist abergläubisch und wettet immer gegen Sie. In der Hoffnung, dass er die Wette verlieren wird.

Das ist gut (lacht). Das mache ich manchmal auch so. Ich wette dann extra auf das Team, das ich nicht gewinnen sehen will. Dann ist es eine Win-win-Situation. Entweder gewinnt mein Team und ich bin glücklich oder ich habe als Trost die Wette gewonnen.

Sie sind zwar nicht abergläubisch. In Kitzbühel und im WM-Rennen hatten Sie aber die Startnummer 13. Auf der Streif sind Sie mit Bestzeit gestürzt. Haben Sie vor dem WM-Rennen nicht gedacht: Was, wenn es wieder passiert?

Nein. Kitzbühel ist vorbei. Natürlich hat es auch in St. Moritz auf der Abfahrt genug Stellen, wo man im Netz landen kann. Aber wenn man gewinnen will, muss man das Risiko eingehen. Ich hab es zweimal probiert. Einmal ist es aufgegangen und einmal nicht.

Die Abfahrt der Männer in Bildern:

Apropos Risiko: Eine so enge Linie wie Sie fuhr in der WM-Abfahrt im unteren Streckenteil niemand.

Es gibt eine Geschichte dazu: Ich stand am Start und dann sagt einer aus meinem Skiteam, Bostjan Kline sei viel direkter gefahren als der Rest und das sei super gewesen. Dann bin ich im Rennen zu dieser Kurve gekommen und hatte nicht den Plan, so frech zu fahren. Aber dann hat es mich leicht versetzt und ich habe mir gedacht: Jetzt fahre ich auch ganz direkt. Entweder es kommt gut, oder ich lande halt wieder im Netz. Die Selbstüberzeugung muss aber vorhanden sein, damit man es überhaupt probiert.

Die Siegesfahrt von Feuz im Video:

Sie haben sich mit dem WM-Titel einen Kindheitstraum erfüllt. Welche Träume haben Sie noch?

Die Träume gehen mir nie aus. Aber es ist einer der grösseren in Erfüllung gegangen. 2018 kommen die Olympischen Spiele. Aber damit befasse ich mich noch nicht jetzt.

Träumen Sie von einer Familie?

Ja. Es steht aber jetzt noch nicht auf dem Programm.

Glauben Sie, dass Sie Kinder mit Ihren Leistungen inspirieren können?

Es wäre schön, wenn das so ist. Das kann ich aber selbst nicht beurteilen. Es wäre toll, wenn durch die ganzen Erfolge hier in St. Moritz die Kinder Lust bekämen, Ski zu fahren.

Sie hatten bestimmt auch Idole. In wessen Haut schlüpften Sie gedanklich, als Sie als Kind die Piste
in der Hocke runtergefahren sind?

Ich war ganz viele (lacht). Ich bin fast täglich Rennen gegen mich selbst gefahren. Ich habe Startlisten erstellt mit den Skifahrern von dazumal. Dann bin ich mit jedem Namen einen Lauf gefahren und habe die Zeit gestoppt. Auch im Sommer auf den Inline-Skates. Komischerweise war ich mit denen, die ich mochte, schneller (lacht). Bei den anderen hab ich wohl gebremst (lacht).

Und wer hat am meisten gewonnen?

Die Norweger Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus haben bei mir oft gewonnen (lacht).

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