WM-Kolumne

Gelassenheit ist ein sehr hohes Gut

Maskottchen Moritz liess sich von Roman Würsch herumchauffieren - allerdings ohne Verkleidung.

Maskottchen Moritz liess sich von Roman Würsch herumchauffieren - allerdings ohne Verkleidung.

Voluntari Roman Würsch erzählt über das Leben als Shuttle-Fahrer an der Ski-WM in St. Moritz. Und weshalb er kein Selfie mit einem speziellen Fahrgast bekam.

Der Einstieg ins Metier des Shuttle-Fahrers bedingt zuerst einmal einen Moduswechsel: Warten muss ein Fahrer können. Eine tüchtige Portion Gelassenheit schadet auch nicht in der Bewältigung der Aufgabe.

Etwas erstaunt musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ausgerechnet die «VIP» unter den Voluntari diesen Gelassenheits-Modus nicht immer erreicht haben und beim Warten schnell mal ungeduldig werden. VIP steht übrigens in diesem Fall für «vegl in pensiun» (Alte in Pension), wie mir ein Engadiner väterlich erklärt hat.

Wenn ein Fahrer von der Disposition mit einem Spezialauftrag «beglückt» wird, kann das durchaus mit Warten verbunden sein. Ich hatte das Glück, den Moritz – nicht den Leuenberger – in den Zielraum fahren zu dürfen.

Dass es von dieser Aktion kein Selfie gibt, ist einerseits dem Umstand zu verdanken, dass er leider noch nicht verkleidet war, und anderseits seinem ausdrücklichsten Wunsch nach Diskretion. Ohne die Maskierung war ich unsicher ob der korrekten Identität meines Fahrgastes. Meine logische Frage, ob er das Maskottchen sei, war dessen Begleiter aber schon zu viel, sodass er mich auf Englisch zwar leise, aber ordentlich anpfiff.

Die weiteren WM-Maskottchen Bernie und Lexi.

Die weiteren WM-Maskottchen Bernie und Lexi.

Der Disponent aus Laufenburg hat mich ja netterweise als VIP-Fahrer eingeteilt. Am Morgen des zweiten Tages raunt er mir jedoch mit ernster Miene zu: «Du darfst ab sofort nicht mehr VIP fahren.» «Sch….e, was habe ich falsch gemacht?» Nichts, beruhigt er mich, du hast nur das falsche Fahrzeug.

Bei den zuletzt gelieferten Fahrzeugen für den VIP-Transport waren sechs Mini-Busse einer nicht Sponsoring-konformen Nobelmarke dabei. So hat also bereits nach 24 Stunden meine Tellerwäscherkarriere einen herben Dämpfer erfahren.

Dass ich aber weiterhin das Gefühl geniessen kann, VIPs zu befördern, dafür sorgen bisweilen auch die Extrawünsche der Fahrgäste. «Fahr mich noch zum Bahnhof!» tönt es zuweilen ziemlich bestimmt aus dem Fond. Der Ton macht ja bekanntlich die Musik, sodass man je nach Melodie auch mal von der vorgegebenen Route abweicht.

Zum Beispiel für den älteren Rutscher, der mich freundlich bittet, ihn zur Chesa futura zu fahren – «Nein, ich bin nicht bei Sir Norman Foster zum Dinner eingeladen, aber ich wohne gleich vis-à-vis». Und der Blick auf das von den St. Moritzern liebevoll «Wanderniere» genannte Gebäude ist es allemal wert, eine Zusatzrunde zu fahren.

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