Es ist kurz nach 11, als der sonst so besonnene Röbi Furrer plötzlich aufspringt. Der Grund liegt auf dem Tisch, ein Funkgerät, aus dem die Stimme von Regisseur Beni Giger schnarrt: «Achtung an alle. Startzeit Frauentraining um 11.30 Uhr bestätigt. Wir beginnen mit dem Programm um 11.15 Uhr!» Röbi Furrer löffelt hastig die letzten Reste aus der Suppentasse, zieht Handschuhe, Mütze und Sonnenbrille über, montiert das Funkgerät, verabschiedet sich und stapft durch den Tiefschnee die letzten Meter hoch zur Kamera.

Hoch hinaus: Ein Flug  mit dem Helikopter zu Röbi Furrers Arbeitsplatz und wieder zurück

Hoch hinaus: Ein Flug mit dem Helikopter zu Röbi Furrers Arbeitsplatz und wieder zurück

Zwei Stunden zuvor sitzt Röbi Furrer im Foyer seines Hotels in St. Moritz Bad. Wir begrüssen uns, ich bedanke mich, dass alles so rasch geklappt hat. Am Tag zuvor erst habe ich vernommen, dass für die Produktion der TV-Bilder von der Ski-WM eine Kamera im Gegenhang der Rennpiste steht. Und dass es möglich sei, Kameramann Furrer einen Tag lang bei seiner Arbeit zu begleiten. «Heute wird ein langer Tag, es stehen zwei Trainings an. Aber wir müssen warten, der Nebel ist zu dick für den Helikopter», sagt Furrer. Zeit, den Mann kennen zu lernen.

Furrer (63) arbeitet seit 1980 beim Fernsehen. Zu Beginn als Ton-Operateur, seit 21 Jahren als Kameramann. «Typischer Fall von Ärmel reingezogen», sagt er. So reist er von einem Sportanlass zum nächsten und liefert als Spezialist die Bilder aus der Höhe. Er stand schon auf dem Dach im Letzigrund oder für die Übertragung der olympischen Ruderwettbewerbe 2004 in Athen auf einem 70 Meter hohen Turm. «Jeden Morgen habe ich dort gegen den Sonnenaufgang gefilmt – das Schönste, was ich je erlebt habe.»

Apropos Sonne: Sie bricht nun an einigen Stellen durch die Nebeldecke über dem Engadin, prompt klingelt Furrers Handy. Es geht los. Kurz darauf sind wir beim Helikopterlandeplatz. «Der Nebel sollte verschwinden, aber garantieren kann ich es nicht», sagt uns der Pilot. Was bedeutet: Er kann uns hochfliegen auf den Piz da L’Ova Cotscha, 2707 Meter über Meer.

Aber abends wieder abholen? Nur wenn der Nebel nicht zu dicht ist. Ansonsten müssen wir über Nacht oben bleiben. Schöner Gedanke. Auch für Furrer, der jeden Morgen aufs Neue hofft, dass der Notfall eintritt. «Das wäre toll. Wenn nicht, bleibe ich gegen Ende der WM freiwillig eine Nacht oben.»

Bier und Schoggi für zehn Tage

Der Motor heult auf, die Rotorenblätter drehen immer schneller – und schon sind wir abgehoben. Der Flug – erschreckend nah am Felsen – dauert zwei Minuten. Zwei Minuten, in denen wir die WM-Hektik in St. Moritz hinter uns lassen und eintauchen in eine Märchenwelt.

Der Helikopter setzt auf, spuckt uns aus und fliegt gleich wieder davon. Nun sind wir hier nur noch wir und die Natur. Unter unseren Füssen knirscht der trockene Schnee, die Kristalle funkeln in der Sonne. Um uns herum nur unberührte Schneehänge, blauer Himmel, totale Windstille, der Sonnenaufgang im Rücken und eine fantastische Aussicht über das Engadin und auf seine Gipfel. Die Bilder übertreffen alle Erwartungen. Willkommen am einsamsten und schönsten Arbeitsplatz der WM, willkommen im Reich von Röbi Furrer.

«Einmal oben bleiben müssen – das möchte ich unbedingt»: Röbi Furrer im Interview.

«Einmal oben bleiben müssen – das möchte ich unbedingt»: Röbi Furrer im Interview.

«Komm, ich zeigs dir», sagt Furrer und führt mich zur im Fels verankerten Plattform. Im vergangenen Sommer, als noch kein Schnee lag, haben Helikopter alles hochgeflogen: ein Toi-Toi, etliche Kisten mit Technik und einen Container mit Notbett, einem Tisch und drei Stühlen. Trotz der kargen Einrichtung: Drinnen ist es dank eines Dieselaggregats, das Strom produziert, angenehm warm und es wird schnell gemütlich.

Ein Blick auf den Tisch zeigt: Furrer ist für den Notfall gewappnet, jeden Tag nimmt er ein paar Esswaren hoch. «Mittlerweile könnte ich zehn Tage lang hier bleiben, so viele Suppenbeutel sind schon hier», sagt er. Auch Bier hats. Und Schoggi, Kaffee, Chips und Früchte. «Greif zu!»

Der Start des Frauentrainings verzögert sich wegen des Nebels, also kochen wir Kaffee und quatschen. Das Prachtwetter lockt uns auf den kleinen Balkon, wo es so kalt ist, dass die Tropfen im Kaffeelöffel sofort gefrieren. Gibt es andere Kameraleute, die ihn um seinen Job beneiden?

«Nur um die Helikopterflüge», lacht Furrer und fügt an: «Man muss schon gemacht sein dafür. Stundenlang alleine hier oben zu sein und das Risiko, über Nacht bleiben zu müssen, das passt nicht jedem. Für mich ist es genau das Richtige. Ich bin Eigenbrötler, am liebsten beschäftige ich mich mit mir alleine.» Auch im Privatleben: Der gebürtige Zürcher wohnt abgeschieden im Norden des Tessins, zehn Minuten vom Dorfkern entfernt, nur Wanderer kommen ab und zu vorbei.

Dann ruft die Arbeit. 20 Meter weiter oben auf dem Grat steht Furrers Kamera. Hier oben ist der Ausblick auf Muottas Muragl, Corvatsch und den St. Moritzer Hausberg Piz Nair noch umwerfender. Doch geniessen kann nur ich, während Furrer ab sofort voll konzentriert ist auf seine Kamera. Besser gesagt auf das, was drei Kilometer weiter drüben passiert.

Furrers Aufgabe bei der gigantischen TV-Aufbereitung der Ski-WM (siehe nachfolgende Box) ist es, jede Fahrerin und jeden Fahrer vom Start bis ins Ziel zu filmen. Nur von hier aus ist das möglich.

Mit dem 100-fach Zoom liefert Furrer Bilder, die von den TV-Stationen hauptsächlich für die Analysen nach den Rennen gebraucht werden. Etwa, um die Fahrten des Erst- und Zweitplatzierten übereinanderzulegen und dem TV-Zuschauer die Unterschiede zu erklären. Nur selten laufen Furrers Bilder live im Fernsehen, meistens im Vorprogramm. Das meiste, das er filmt, ist für die Tonne. Oder wird von den Trainern der Skiverbände für die Videoanalyse bestellt.

Die Maloja-Schlange macht Stress

Furrer führt die Kamera auf der kleinen Plattform mit feiner Hand. Was bei diesen eisigen Temperaturen nicht einfach ist, aber nötig: Ein Ruckler – und das Bild ist dahin. Während der Abfahrt fahren die Männer knapp drei Kilometer den Berg runter, Furrer muss dafür am Gegenhang seine Kamera nur ein paar Zentimeter weit bewegen.

Von Westen her kriecht die Maloja-Schlange durchs Tal. Schön fürs Auge – schlecht für die Rennorganisatoren. Röbi Furrer bekommt per Funk mitgeteilt, dass das Männertraining gleich im Anschluss an das der Frauen gestartet wird. Heisst für ihn: keine Mittagspause im Paradies. Ein Snickers, Kopfhörer auf und Furrer taucht wieder ab. Ich drehe noch eine Runde im Schnee und ziehe mich dann in den warmen Container zurück. Wird es doch noch was mit der Übernachtung in der Felswand? Der Nebel breitet sich ziemlich schnell über dem Tal aus, bald hat er St. Moritz erreicht. Abwarten. Und Tee trinken.

Es ist 14.45 Uhr, als Furrer in den Container hastet und schnaufend sagt: «Das Training ist abgebrochen – und ab 15 Uhr ist wegen der Patrouille Suisse der Luftraum gesperrt. Der Helikopter ist gleich da.» Dann geht es schnell: Mit geübten Griffen verpackt Furrer die Kamera schnee- und sturmsicher, füllt den Tank des Dieselaggregats auf und packt seinen Rucksack, als schon das Dröhnen des Helikopters ertönt. Der Pilot gibt deutliche Zeichen, dass wir uns beeilen sollen. Wir steigen ein und haben zwei Minuten später wieder Boden unter den Füssen.