Ein Name fehlt auf der Liste, als am Donnerstagabend die Startnummern für die Kombination der Frauen vom Freitag ausgelost werden: Julia Mancuso. Eigentlich wollte das kalifornische Ski-Girl am Freitag ihr Comeback feiern, endlich zurückkehren nach fast zweijähriger Verletzungspause.

Nach den Abfahrtstrainings muss sie einsehen: Es macht keinen Sinn. Oder wie der Cheftrainer der US-Frauen, Paul Kristofic, sagt: «Natürlich wollte Jules an den Start gehen, aber nur wenn sie sich wenigstens minime Chancen ausgerechnet hätte.»

Im Slalom fühlte sie sich auf der Höhe, in der Abfahrt hatte sie keine Vergleichswerte. Zu lange hat sie alleine trainiert, alles andere hätte gar keinen Sinn gemacht. Die Trainings in St. Moritz aber zeigten ihr in aller Härte, wie viel noch immer fehlt. Zwischen sechs und sieben Sekunden verlor sie auf die Trainingsbeste, die Slowenin Ilka Stuhec, in beiden Trainings. Welten in dieser Disziplin, in der Hundertstelsekunden entscheiden können.

Man fragt sich, wie sie überhaupt auf die Idee kam, sie könne hier etwas bewegen. Sobald Mancuso die Ski abschnallt, wird ihr Leiden offensichtlich. Hinkend schleppt sie sich durch den Zielraum. 15 Monate nachdem sie an ihrer rechten Hüfte operiert wurde.

«Laufen ist härter als Ski fahren», sagt sie. Sie, die bei Grossanlässen höchstdekorierte US-Skirennfahrerin. Warum aber tat sie sich das überhaupt an, wenn sie doch offensichtlich leidet? «Das Skifahren ist meine grosse Leidenschaft. Es macht mich glücklich, gibt mir Energie.» Und vor allem hat sie ein Ziel, ihr grosses, vermutlich letztes sportliches Ziel: Pyeongchang, Olympia 2018. Sie will noch einmal um Edelmetall fahren beim bedeutendsten Anlass des Wintersports.

Die Marihuana-Millionen

Sie hat die Rechnung ohne ihren Körper gemacht. Im Frühjahr 2015 wurden die Schmerzen in ihrem rechten Hüftgelenk plötzlich immer stärker. Sie versuchte alles, um eine Operation zu umgehen, liess sich spritzen. Im April wurde ihr eine Zyste in der Hüfte entfernt. Alles umsonst. Sie musste unters Messer. Geplant war ein einfacher Eingriff, Mancuso aber lag fast sechs Stunden auf dem Operationstisch. Die Probleme sind Folge einer angeborenen Hüft-Fehlstellung.

Beim zweiten Eingriff wurden Knorpelschäden und Verknöcherungen entfernt, weitere Fixierungen in ihre Hüftgelenkpfanne verankert. «Ich bin vermutlich die erste Athletin, die nach einem solchen Eingriff versucht, in den Profi-Sport zurückzukehren», sagt Mancuso.

Danach beginnt das lange Leiden. Statt zwei Monaten geht sie deren sechs an Krücken.

Als sie letzten Sommer erstmals wieder auf Ski steht, beginnt sie «noch einmal bei Null». Immer wieder bremst sie ihr Körper aus. «Weil die Rehabilitation so langsam voranging, dachten wir, dass es das Beste ist, das Muskelgedächtnis zu aktivieren», erzählt Mancuso. Darum trotz Schmerzen beim Laufen der Entscheid, wieder auf die Ski zu stehen.

Unter Wettkampf-Bedingungen. Wegen der Sicherheit. Aber nicht nur: «Als ich daheim die Rennen schaute, fühlte ich mich weit weg. Die Leidenschaft verflüchtigte», erzählt Mancuso.
Weit weg, das ist Mancuso, sobald sie keine Rennen fährt. Einen Grossteil ihrer Reha machte sie auf Hawaii und den Fidschi-Inseln.

Hawaii, wo sie schon ihr Vater als Kind mitnahm. Ciro Mancuso, verurteilt wegen Drogenschmuggels, mehr als fünf Jahre verbringt er in den 90er-Jahren im Knast. Weil er in den 70er-Jahren Marihuana im Wert von mehr als 140 Millionen Dollar gehandelt hat. «Man macht Dummheiten, wenn man jung ist, und dann plötzlich holen sie dich im Alter ein», sagte Papa Mancuso einst zum US-Magazin «Sports Illustrated».

Die Fidschi-Inseln sind Teil des jüngsten Kapitels im bewegten Leben der Julia Mancuso. Sie sind die Heimat von Dylan Fish, Surfer und Manager des Tavura Island Resorts, einer Bungalow-Anlage auf einer herzförmigen Insel im Südpazifik.

Im Dezember haben Mancuso und Fish geheiratet. Im Schnee von Squaw Valley, ihrer zweiten Heimat, da, wo sie das Skifahren gelernt hat. In St. Moritz weicht er nicht von ihrer Seite. «Es ist grossartig, dass er dabei ist. Gerade jetzt, nach der Verletzung. Er hilft mir so viel bei all den kleinen Dingen, dem Tragen der Taschen zum Beispiel», schwärmt Mancuso.

Auf der Piste aber ist sie allein. Allein auf weiter Flur. So macht nur trainieren Sinn. Und weiter träumen vom letzten grossen Coup. In Pyeongchang sollen alle ihren Namen auf der Liste haben. Wenn es um Olympia-Gold geht. Noch lebt er, dieser Traum, ihre grosse Motivation während all der Jahre des Leidens.