Herr Knöri, im Gegensatz zu Katastrophenhundeteams, die bei jedem Einsatz im In- oder Ausland in den Medien eine prominente Plattform bekommen, ist die Geländesuche in der Bevölkerung weit weniger bekannt. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Das hat sicher damit zu tun, dass wir mit unseren Geschichten sehr zurückhaltend an die Medien gehen.

Weshalb?
In erster Linie aus Pietätsgründen. Wenn eine demenzkranke Person beim Spaziergang die Orientierung verloren hat, ein Kind von zu Hause weggelaufen ist oder eine suizidgefährdete Person gesucht wird, ist das oft eine sehr delikate Situation, die mit dem gebührenden Respekt behandelt werden will.

Wie oft kommen solche Situationen vor?
Aktuelle Erhebungen gehen davon aus, dass in der Schweiz jedes Jahr rund 3000 Personen als vermisst gemeldet werden.

Wie viele Fälle landen davon bei «Redog»?
2017 wurden wird rund 150 Mal alarmiert, wobei wir letztlich 20 Mal ausgerückt sind. Total waren dabei 160 Personen im Einsatz.

Training Vermisstensuche im Wald

Training Vermisstensuche im Wald

Wie läuft ein solcher Einsatz ab?
Unsere Teams können rund um die Uhr über die Notfallnummer 0844 441 144 angefordert werden. Von offizieller Seite, aber auch von Privaten. Nach dem Aufgebot setzt die Einsatzleitung gemeinsam mit den im Einsatz stehenden Organisationen die Suchstrategie fest. 

Das heisst?
Wir beurteilen, wie wir die vermisste Person möglichst ökonomisch suchen können, ob wir neben Geländesuchhunden auch Mantrail-Teams, Drohnen oder andere Hilfsmittel einsetzen müssen, und wie viele Teams aufgeboten werden sollen, um den definierten Sektor absuchen zu können.

Und dann?
Dann verschieben wir uns ins Gelände, teilen den Teams – diese bestehen aus einem Hundeführer, einer Begleitperson für Sicherung, Karte und Funk sowie einem Hund – rund 5 bis 10 Hektaren grosse Sektoren zu, markieren den Hund mit einer Kenndecke und zusätzlich bei Bedarf mit Licht und Glöckchen und beginnen mit der Suche.

Wie lange kann das dauern?
Je nach Gelände und Topografie braucht ein Team für einen Sektor eine bis anderthalb Stunden und kann am Stück bis zu einem halben Dutzend Sektoren absuchen.

Eine unglaubliche Leistung.
So ist es. Deshalb ist es eminent wichtig, dass sich die Teams immer wieder selbst reflektieren und der Einsatzleitung mitteilen, wenn sie an ihre Grenzen kommen oder der Hund langsam müde wird. Wir haben letzthin mittels GPS gemessen, dass ein Hund an der finalen Einsatzprüfung über 5000 Höhenmeter gemacht hat und 35 Kilometer gelaufen ist.

Die Hunde tragen eine spezielle Kenndecke

Die Hunde tragen eine spezielle Kenndecke

Was kostet ein solcher Einsatz?
Da wir ein gemeinnütziger Verein sind, ist die Suche für die Angehörigen der vermissten Person kostenlos. Wir machen aber nach jedem Einsatz eine detaillierte Kostenzusammenstellung und freuen uns natürlich über jede Spende. Für ihren Aufwand erhalten die beteiligten Teams 100 Franken pro Halbtag und Person sowie eine Kilometerentschädigung.

Wie sind Sie selber zur Vermisstensuche gekommen?
Über Umwege. Als Kind waren Pferde mein Ein und Alles. Mit 16 habe ich ein Jahr auf einer Farm in Colorado gelebt. Mit Hunden, respektive «Redog» bin ich erst Ende der 1990er Jahre als Figurant in Kontakt gekommen.

 Wie das?
Cherchez la femme (lacht). Meine damalige Freundin, heutige Ehefrau, die praktisch mit «Redog» aufgewachsen ist, riss sich zu dieser Zeit die Achillessehne. Damit ihr junger Hund nicht pausieren musste, hat sie mich in die Suche nach verschütteten und vermissten Personen eingeführt. Nachdem ihre Verletzung auskuriert war, habe ich dann selber einen Münsterländer übernommen und mit ihm Trümmersuche und Vermisstensuche trainiert. Später habe ich zusammen mit meiner Frau die Leitung der Sparte Vermisstensuche der „Redog“-Regionalgruppe Bern übernommen. Auch heute bin ich in der Regionalgruppe noch als Ausbilder aktiv, die Leitung liegt heute aber bei meiner Frau.

Was fasziniert Sie besonders an der Vermisstensuche?
Die Selbstständigkeit, mit der der Hund arbeiten muss. Seine individuellen Fähigkeiten, die dabei genutzt werden. Und selbstverständlich die Teamarbeit und das grenzenlose Vertrauen, das zwischen Mensch und Hund bestehen muss. So kann es gut sein, dass ich den Hund in einem gefährlichen Gelände oft mehrere Minuten nicht sehe und er völlig selbstständig einen Vermissten suchen muss. Ich muss vertrauen, dass er seinen Job macht.

Keine Gefahr der Langweile, da man oft viele Stunden alleine mit seinem Hund unterwegs ist?Im Gegenteil! Ich liebe die Freiheit in der Natur und kann davon nie genug bekommen. Zudem habe ich das Gefühl, dass ich in der Vermisstensuche, wo doch eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit für regelmässige Einsätze besteht und die Chance, eine vermisste Person der Familie zurückzugeben, gross ist, viel bewirken kann.

Muss die Hündeführerin oder der Hundeführer einen Sport-Eignungstest bestehen?
Eine gute körperliche Verfassung ist Voraussetzung, um in der Vermisstensuche tätig sein zu können. Wir bewegen uns abseits von Wegen in unwegsamem und zum Teil steilen Gelände. Die zu bestehenden Tests zum Erreichen der Einsatzfähigkeit selektionieren die Personen, die in der Lage sind, diese physischen Leistungen zu erbringen. 

Apropos Hunde: Was für Rassen eignen sich besonders für die Vermisstensuche?
Mittelgrosse Hunde, die sehr ausdauernd sind und Freude am Arbeiten mit Menschen haben; etwa Border Collies, Retriever, Schäferhunde, aber auch Gebrauchshunde wie Vizslas und andere.

Und wie lange dauert es, bis ein Hund einsatzfähig ist?
Durchschnittlich drei Jahre. Meist ist der Hund schneller ausgebildet als der Hundeführer (schmunzelt). Manchmal geht es schneller, manchmal länger und bisweilen wird das Ziel gar nie erreicht.

Training mit dem Bringsel

Training mit dem Bringsel

Wie läuft die Ausbildung ab?
Der grösste Teil der Ausbildung geschieht in den regionalen Gruppen, wo in der Regel einmal wöchentlich ein rund zweistündiges Training stattfindet. Darüber hinaus muss man natürlich praktisch täglich mit dem Hund Nasenarbeit machen. Hinzu kommen Wochenendtrainings und ein- bis zweimal pro Jahr nationale Kurse. Hat ein Team das Gefühl, dass es einsatzfähig ist, muss es sich für einen nationalen Eignungstest anmelden. Hat es zwei dieser Eignungstests bestanden, folgt der nationale Einsatztest, der nur einmal jährlich stattfindet. Ist dieser ganztätige Test bestanden, muss das Team alle drei Jahre zu einem Wiederholungstest antreten. Aktuell haben wir bei „Redog“ 48 einsatzfähige Teams. Diese Zahl möchten wir in den nächsten Jahren auf 60 ausbauen, ohne aber die Qualitätsanforderungen zu senken.

Ein immenser Aufwand.
Nicht zuletzt aus diesem Grund suchen wir Leute, die Freude an der Arbeit haben und für die der Ruhm nebensächlich ist. Denn: Bei «Redog» kann man keine Goldmedaillen gewinnen und der Sucherfolg ist immer eine Teamleistung.

www.redog.ch