Nächstenliebe

Eine Weihnachtsgeschichte

..

Irgendwo auf der Strasse. Einer sitzt da einfach. Herkunft unbekannt und auch egal. Interessiert keinen. Ausser einen kleinen Jungen.

Ich gehe auch vorbei. Konditioniert durch das System. Unseren Sozialstaat. Schliesslich kümmert er sich. Stellt Auffanglager, Verteilerbusse und Fahrküchen zur Verfügung. Erst recht jetzt im Winter. Bei uns muss niemand Not leiden. Mein Sohn versteht das noch nicht. Und bleibt stehen. Schaut mich mit grossen, fragenden Augen an: «Warum läufst du weiter, Mama. Der Mann braucht doch was.» Entwaffnende Kinder.

Ich passe und frage, was er vorschlägt. Handle ein Festmahl auf einen warmen Kaffee und ein süsses Teilchen vom Bäcker herunter. Unbehaglich bringe ich dem einen, dem Fremden, den Kaffee. Und frage mich gleichzeitig, woher das Unbehagen? Woher das Gefühl, etwas Peinliches zu tun. Etwas nicht gern Gesehenes. Der Mann nimmt dankbar den Kaffee in seine mit Stofffetzen verpackte Hand. Kann ich mir etwas holen, wenn ich ihn berühre? Keime, Viren, Bakterien? Plötzlich bin ich mir selber peinlich. Und möchte gehen. «Wie heisst du?», fragt mein kommunikativer Sohn. «Gustav», antwortet das vielfach eingepackte Stoffbündel. Ich möchte gehen. «Warum lebst du auf der Strasse?», fragt mein Sohn weiter. «Ach, weisst du, manchmal hat man einfach Pech im Leben.»

«Was haben Sie gemacht?», frage ich nun ich mit geweckter Neugier. «Ich habe in einer Bäckerei gearbeitet. Einer kleinen Bäckerei, die noch alles selbst gemacht hat. Jeden Morgen bin ich um 4 Uhr aufgestanden. «Boaah, das ist früh», antwortet mein Sohn, der es nicht einmal um sieben aus dem Bett schafft. «Aber das frühe Aufstehen hat mir nichts ausgemacht», fährt der Mann weiter, «im Gegenteil, ich genoss die friedliche und ruhige Stimmung morgens. Der gegenseitige Respekt unter den Kollegen und das Einverständnis, niemanden anzusprechen vor der Kaffeepause um 8 Uhr. Ich liebte es, die Hände in den Teig zu tauchen. Und diesen Geruch nach gebackenen Gipfeli oder Weggli. Um sieben Uhr kamen die ersten Kunden – Fernfahrer, Schichtarbeiter, Handwerker. Dann die Schüler und dann die, die später anfangen zu arbeiten. Und auch sie waren betört vom Duft und liessen die hektische Welt hinter sich angesichts der Backwarenregale vor sich. Ein toller Beruf», seufzt Stoffbündel Gustav. Ich muss an meine Kindheit denken. Und für einen Moment steigt der Geruch frisch gebackener Gipfeli in meiner Erinnerung hoch. Kein Vergleich mit den heutigen modernen und unpersönlichen Bäckereien, in denen Fertigbackwaren isoliert in Plastikkästen warten, bis sie ausgewählt werden. Mein Sohn denkt angestrengt nach. «Warum sind Sie kein Bäcker mehr?»

«Wie gesagt, ich hatte ein wenig Pech. Offene, weniger industrialisierte Produktionsstätten ziehen nun einmal Tiere an. Meistens Mäuse und Ratten. So war das auch bei uns. Es waren zwei. Ich sollte dafür sorgen, dass sie aus der Bäckerei verschwinden. Durch Gift oder Fallen. Doch das konnte ich nicht. Ich hatte immer grossen Respekt vor Tieren, den grossen und den kleinen. Nicht alle können das verstehen. Statt sie zu töten, fing ich sie ein. Das war ganz schön aufwendig. Dann trug ich sie ein paar hundert Meter weiter zum Waldrand und liess sie frei. Doch Ratten sind intelligente Tiere, und sie kamen wieder. Also fing ich sie wieder ein. Das ging etwa zwei Monate. In den zwei Monaten installierte mein Chef eine Kamera im Laden. Und sah mich ein paar Mal durch die Tür gehen mit den Ratten im Gepäck. So verlor ich meinen Job. Vielleicht war es nur ein Vorwand, die Bäckerei zu modernisieren und auch Personal zu kürzen. Vielleicht verzieh er mir auch einfach nicht den Vertrauensbruch oder er hatte nur Angst vor der Gesundheitsbehörde. Zu meinem Leidwesen kamen dann auch noch eine Allergie und ein Bandscheibenvorfall hinzu, und ich konnte einige Monate lang nicht arbeiten. Na ja, so landete ich von einer Umschulung zur anderen, schliess mit mittelmässigen Noten ab. Wurde depressiv. Hatte Schulden. Und dann kam eins zum anderen.» Ich hörte gespannt zu. Kann das wirklich sein? Kann jemand so leicht aus der Gesellschaft fallen? Ungläubig und betrübt standen wir vor dem Mann, der Gustav hiess und dessen heute in Stofffetzen verpackte Hände früher so Leckeres und Glückbringendes wie Mandelgipfeli und Birnenweggli formten. «Und? Glaubst du meine Geschichte?» fragte Gustav meinen beeindruckten
Sohn.

«Warum solltest du lügen?» fragte dieser zurück. «Vielleicht, weil manche Leute mit einer Lüge besser zurechtkommen als mit einer weniger schönen Wahrheit.» «Warum gehst du nicht einfach wieder
arbeiten?» «Weil mir keiner einen Job gibt.» «Ich würde dir einen Job geben.» «Du bist ein toller Junge! Was möchtest du später einmal werden?» «Schauspieler.» «Kannst du gut Lügen erzählen? Ein Schauspieler muss das zu einem gewissen Grad, wenn er jemanden spielt, der er nicht ist.» Mein Sohn schaut verlegen zu mir. Und verkneift sich die Antwort. Ich muss lächeln. «Aber ein Schauspieler macht das, um die anderen zu amüsieren oder abzulenken. Oder eine andere Welt zu zeigen», gibt Gustav schliesslich zurück.

«Da hast du auch recht.» «Bist DU ein Schauspieler?» «Mmmh», Gustav überlegt, «in gewisser Weise schon. Ich spiele jemanden, der ich eigentlich nicht bin. Und irgendwie lenke ich die Leute damit auch ab. Sie sehen mich und sind berührt, aber auch froh, dass es ihnen nicht so geht wie mir. Die meisten ignorieren mich allerdings einfach. Und wenn jemand fragt, erzähle ich, was er hören will. Leute lieben Dramen von gefallenen Engeln oder Bäcker, die vom Weg abgekommen sind.» Gustav schmunzelt. Und zwinkert meinem Sohn zu. «Ausser zu Kindern, da will ich ehrlich sein.» «Erzählst du mir dann deine wahre Geschichte?» Gustav überlegt. «Komm her, ich erzähle sie dir ins Ohr.» Vorsichtig setzt sich mein Sohn neben Gustav und auf einmal ist es mir gar nicht mehr peinlich, neben einem Obdachlosen zu verweilen. Stattdessen bin ich ein wenig stolz auf das Kind vor mir, das vorbehaltlos einfach nur den Menschen vor sich sieht und neugierig auf dessen Geschichte ist. Während ich die beiden beobachte, merke ich, wie sich das Gesicht meines Sohnes verwandelt: von tief berührt über hoch erstaunt bis amüsiert.

Bis er in ein schallendes Gelächter ausbricht, dass immer lauter und ansteckender wird. So ansteckend, dass sich vormals eisige Mienen geschäftig vorbeigehender Passanten in freudige, lächelnde Gesichter verwandeln. Für einen kurzen Moment ist er tatsächlich da, der Geist von Weihnachten.

Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten!

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